| 16.09 Uhr

Gastbeitrag von Anne und Nikolaus Schneider
Unser '68

Unser 68. Gastbeitrag von Anne und Nikolaus Schneider
Schüler und Studenten protestieren im Mai 1968 in Düsseldorf gegen die Notstandsgesetze (Archiv). FOTO: Wilhelm Bertram / dpa
Düsseldorf. 1968 ist das Jahr der ideologischen Schlachten, der Proteste, der kleinen und großen Revolutionen - und der Gewalt. 50 Jahre danach fragen wir: Was ist geblieben? Zum Start der Serie über 1968 erinnern sich der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, und seine Ehefrau Anne.

Wo auch immer Menschen sich gegenwärtig gesellschafts- und parteipolitisch verorten - im Blick zurück auf das bewegte und bewegende Jahr 1968 sind sie sich darin einig: Dieses Jahr war ein Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik. Ausgehend von einer links orientierten Studentenbewegung wurden gesellschaftliche Verhältnisse ebenso wie private Werte und Normen radikal infrage gestellt. Verbrechen und Verbrecher der Nazi-Zeit wurden mit neuer Intensität aufgedeckt. Nachgeborene lernten sich als eine Verantwortungsgemeinschaft auch für Vergangenes zu verstehen. Offenheit und Liberalität unserer heutigen Gesellschaft erwuchsen aus Impulsen der 68er - für viele Menschen ein Glück, für manche ein Irrweg.

Wir hatten teil an dieser studentischen Aufbruchbewegung. Nikolaus begann - 19-jährig - mit dem Sommersemester 1967 sein Theologiestudium an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Anne startete das ihre - 18-jährig, nach zwei Kurzschuljahren! - ebendort zum Wintersemester 1967/68. Beide kamen wir aus traditionellen Arbeiterfamilien, die Fleiß und Ordnung schätzten, die ihren Kindern durch das Studium einen gesellschaftlichen Aufstieg wünschten und die deshalb sehr kritisch die zunehmende Sympathie ihrer Kinder für die "aufrührerische" Studentenbewegung wahrnahmen.

Anne und Nikolaus Schneider (Archiv). FOTO: andreas probst

Wir aber genossen den frischen Wind in unserem Leben und eine ganz alltägliche Freiheit von dem, wie man eigentlich zu leben und zu studieren hatte. Wir verbanden die Anforderungen des Theologiestudiums mit theoretischer und praktischer politischer Arbeit: Wir lernten Hebräisch und Griechisch, und wir diskutierten über den Vietnamkrieg, den Prager Frühling und die Notstandsgesetze. Wir ließen uns in die historisch kritische Exegese von Bibeltexten einführen und fragten verstärkt danach, wie Macht und Unterdrückung sich in Bibeltexten spiegelten und welche Formen von Macht und Unterdrückung diese Texte heute in unserer Gesellschaft legitimierten.

Wir kritisierten alte Formate von Vorlesungen und Gottesdiensten als "reaktionäre Formen der Indoktrination" und versuchten uns an neuen "antiautoritären Beteiligungsformen". Wir engagierten uns im Sozial-Politischen Arbeitskreis mit Hausaufgabenbetreuung und Kinderfreizeiten in einem sozialen Brennpunkt in Wuppertal. Im Frühjahr 1968 wurden wir in den Asta der Kirchlichen Hochschule gewählt: Nikolaus als politischer Referent, Anne als Verbindungsfrau zur Evangelischen Studierendengemeinde.

Wir waren voller Zuversicht, dass wir uns selbst, unsere Kirche und die Welt verbessern könnten. Und wir ließen uns beide mitreißen von der Maxime: Das Private ist politisch. Und das als politisch richtig Erkannte muss auch privat gelebt werden!

Prüderie, Eifersucht und freie Liebe

Diese Maxime führte dann recht schnell zu einigen Turbulenzen in unserer entstehenden Liebesbeziehung und in unserem noch nicht vorhandenen Sexualleben. Im Frühjahr 1968 gingen wir mit dem ganzen Asta in den Aufklärungsfilm von Oswalt Kolle, "Das Wunder der Liebe". Und diskutierten dann nächtelang über die notwendige Befreiung von Prüderie, über die Bekämpfung der Eifersucht als kapitalistischen Besitzdenkens, über das Glückspotenzial von freier Liebe, über Geschlechtergerechtigkeit und über offene Formen des Zusammenlebens. Unsere bislang gepflegte Überzeugung, praktizierte Sexualität hebe man/frau sich um der Menschen und um Gottes Willen auf für Verlobung und Ehe, bekam Risse.

Beide machten wir dann aber schnell die Erfahrung: Die Verbindung von Liebe und Sexualität verlangt für uns im realen Vollzug nach Vertrauen, nach Intimität und nach Exklusivität. In freier Liebe und unverbindlichen Foren des Zusammenlebens können und wollen wir uns nicht beheimaten. Und wir machten die ernüchternde Erfahrung: Die Gott-Ebenbildlichkeit und die Gleichberechtigung der Frau theoretisch anzuerkennen ist relativ leicht. Die Geschlechtergerechtigkeit dann aber konkret zu gestalten und zu leben, das ist verflixt schwer, sei es in privaten Beziehungen, sei es in Theologie und Kirche, sei es in Politik und Gesellschaft. Damit sind wir bis heute nicht fertig geworden.

Das gilt auch für unsere Einstellung und für unseren Umgang im Blick auf Gewalt. Lassen sich "verbale Gewalt", "Gewalt gegen Sachen" und "Gewalt gegen Menschen" voneinander trennen? Und wie verhält es sich mit Gottes Wort und Willen bei der Legitimation von Gewalt gegen Unterdrückung und Unterdrücker?

Diese Fragen haben uns gerade in den Ostertagen 1968 theologisch und politisch bewegt. Kurt Marti, ein Schweizer Theologe, brachte in einem "Neuen Osterlied" unser damaliges Denken auf den Punkt:

"Das könnte den Herren der Welt ja so passen,

wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme,

doch der Befreier vom Tod ist auferstanden,

ist schon auferstanden, und ruft uns jetzt alle

zur Auferstehung auf Erden,

zum Aufstand gegen die Herren,

die mit dem Tod uns regieren."

Wir bejahten den "Aufstand gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren", aber wir fürchteten die gewalttätigen Auseinandersetzungen. Am 11. April 1968, am Gründonnerstag, wurde Rudi Dutschke in Berlin durch drei Schüsse lebensgefährlich verletzt. Wir machten die Springer-Presse mitverantwortlich für das Attentat. In ganz Deutschland kam es zu Ausschreitungen vor den Gebäuden des Springer-Verlags. Protestierende warfen Molotow-Cocktails und zündeten Fahrzeuge an. Die Bundesregierung plante Notstandsgesetze, um die Handlungsfähigkeit des Staates bei Unruhen zu sichern.

Die Welt wurde wohl anders, aber nicht unbedingt besser

Wir bezweifelten die Angemessenheit eines solchen Eingriffs in demokratische Grundrechte. Wir planten mit an dem großen Protest-Sternmarsch nach Bonn. Und wir waren froh und dankbar, als der dann weitgehend friedlich verlief.

Im Blick zurück sehen wir es als ein Gottesgeschenk, dass wir das Jahr 1968 gemeinsam und in der relativen Geborgenheit der Kirchlichen Hochschule Wuppertal erleben konnten. Uns bewegen und tragen manche der Aufbrüche und neuen Beheimatungen bis heute. Auch wenn durch unsere Generation die Welt und die Kirche wohl anders, aber nicht unbedingt besser geworden sind.

So wie Hilde Domin es schon im Jahr 1978 recht ernüchtert konstatierte: "Die meisten der hochgespannten Erwartungen, der weltweiten Forderungen von 68 wurden frustriert. Der Ruf nach mehr Demokratie, mehr Mitsprache, endete praktisch in Statuten und Geschäftsordnungen, in mehr Bürokratie."

Quelle: RP
 
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