Prozess gegen mutmaßlichen NS-Verbrecher begonnen: 89-jähriger früherer SS-Scharführer wegen Mordes angeklagt
zuletzt aktualisiert: 23.04.2001 - 19:24München (rpo). Der mutmaßliche NS-Verbrecher Anton Malloth muss sich seit heute vor einem Münchner Gericht verantworten. Der 89-jährige frühere SS-Scharführer ist wegen dreifachen Mordes und eines versuchten Mordes angeklagt. Die Taten soll er in den Jahren 1943 bis 1945 begangen haben.
Auf einer Bettdecke, im Rollstuhl sitzend, wurde der 89-jährige Anton Malloth am Montag zur Anklagebank gerollt. Ein Notarzt nahm neben ihm Platz, und um dem Greis Fahrten zu ersparen, findet der Prozess im Untersuchungsgefängnis München-Stadelheim statt. Aber so hinfällig, wie es den Anschein haben mochte, ist der ehemalige SS-Mann nach Angaben von Ärzten gar nicht. Mindestens drei Menschen soll er im KZ Theresienstadt umgebracht haben. "Er weiß, welche Vorwürfe man ihm macht", sagte Gefängnisarzt Thomas Fischl.
Die Frage der Verhandlungsfähigkeit stand im Mittelpunkt des ersten Prozesstages. Der "Schöne Toni", wie Malloth von den Häftlingen in Theresienstadt genannt wurde, wurde im schwarzen Anzug unter dem Blitzlichtgewitter der Fotoreporter in den Saal gerollt. Mit unbewegter Miene und scheinbar abwesend saß er da und überhörte mehrfach die Fragen des Richters Jürgen Hanreich. Bisher habe er doch recht gut gehört und Kopfhörer für die Verhandlung ausdrücklich abgelehnt, klagte der Vorsitzende. Vergebens appellierte er an den ehemaligen SS-Scharführer, die Bluttaten zu gestehen, wenn er sie begangen habe: "Es wäre ein großer Tag, vielleicht auch für Sie!" Er könnte auch den aus Tschechien angereisten Zeugen viel ersparen. Doch Malloth schwieg.
Der Medizinprofessor Hans Dörfler und der Gefängnisarzt Thomas Fischl sagten, Malloth sei haftfähig und zeige sich im Gespräch auch geistig klar. Er habe einen gutartigen Tumor an der Speiseröhre, leide unter Knochenschwund und werde flüssig ernährt. Aber an Krücken könne er problemlos 100 Meter gehen.
Das Gericht ging aber auf Nummer sicher. "Ein Verfahren um jeden Preis wird es hier nicht geben", sagte Hanreich. Wie vom Verteidiger beantragt, soll jetzt ein Psychologischer Gutachter feststellen, ob der alte Mann dem Verfahren geistig folgen kann.
Laut Anklage hatte sich der ehemalige Fleischhauer Malloth als SS-Mann durch eine rohe, gefühllose Gesinnung" hervorgetan. Im Januar 1945 habe er einen Häftling gezwungen, zwei nackte Mitgefangene im Hof des Gestapo-Gefängnisses Theresienstadt eine halbe Stunde lang mit kaltem Wasser abzuspritzen, bis sie tot umfielen. Im September 1944 habe er einen Mann mit 20 Stockschlägen auf den Kopf getötet, weil er sich nicht ordnungsgemäß von einem Arbeitseinsatz zurückgemeldet habe. Einen jüdischen Häftling, der beim Ernteeinsatz einen Blumenkohl unter seiner Jacke versteckte, habe Malloth nach Aussage eines Zeugen geprügelt und mehrere Pistolenschüsse auf ihn abgefeuert, bis er leblos zusammengebrochen sei. Aus Rassenhass habe Malloth nach Gutdünken entschieden, wer leben dürfe und wer nicht. Malloth lebte jahrelang unbehelligt in Südtirol und zuletzt in einem Altersheim in Pullach bei München
"Das ist nicht der letzte Prozess"
Malloth war bereits 1948 von einem tschechischen Volksgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Der gebürtige Tiroler hatte nach dem Krieg in Meran gelebt, bis die italienschen Behörden ihn 1988 nach Deutschland abschoben. Bis zu seiner Verhaftung im vergangenen Mai lebte er in einem Altersheim in Pullach. Zwei Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Dortmund waren aus Mangel an Beweisen eingestellt worden. Erst Aussagen neuer tschechischer Zeugen führten zur Prozesseröffnung.
In Deutschland sind noch weitere 24 Verfahren gegen mutmaßliche NS-Verbrecher anhängig, wie Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum sagte. "Und der medizinische Fortschritt sorgt dafür, dass einige noch in hervorrragender Verfassung sind. Das ist nicht der letzte Prozess." Erst vor drei Wochen war ein anderer KZ-Aufseher in Thresienstadt, Julius Viel, wegen Mordes an sieben jüdischen Häftlingen vom Landgericht Ravensburg zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.
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