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Jagel/Düsseldorf
Abflug nach Syrien

Jagel/Düsseldorf. Der bisher gefährlichste Auslandseinsatz der Bundeswehr beginnt. Von Helmut Miichelis

Mit einer Ehrenrunde über den Militärflugplatz Jagel in Schleswig-Holstein haben sich gestern zwei Tornado-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr in den bevorstehenden Syrien-Einsatz verabschiedet. Einen der beiden Schwenkflügel-Jets flog der Kommodore des Taktischen Luftwaffengeschwaders 51 "Immelmann", Oberst Michael Krah, selbst. Begleitet wurden die Tornados von einem in Köln-Wahn gestarteten Airbus-Tankflugzeug der Flugbereitschaft; ein nagelneuer A 400 M-Transporter hatte 40 weitere Soldaten eines Vorauskommandos an Bord. Krah und insgesamt rund 60 Luftwaffen-Angehörige werden dieses Weihnachtsfest nicht bei ihren Familien verbringen können, weil sie den Einsatz von insgesamt sechs Tornados gegen die Terrormiliz Islamischer Staat vom kommenden Januar an vorbereiten.

Nach rund viereinhalb Stunden landeten die Flugzeuge - die Tornados wurden zweimal in der Luft betankt - sicher auf dem türkischen Fliegerhorst Incirlik, wo sie bereits von Bundeswehrsoldaten erwartet wurden: Über Incirlik wird die deutsche Patriot-Flugabwehrraketeneinheit versorgt, die zum Schutz der türkischen Großstadt Kahramanmaras an der syrischen Grenze stationiert ist - sie hat bereits im November ihren Betrieb offiziell eingestellt, ihr Mandat läuft Ende Januar aus. Die deutschen Jets sollen künftig mit ihren Kameras und Sensoren Stellungen des IS in Syrien erkennen, damit die Kampfflugzeuge anderer Nationen präziser ihre Ziele treffen.

Die Bundesregierung beruft sich rechtlich unter anderem auf das in der UN-Charta festgeschriebene Recht auf "kollektive Selbstverteidigung" nach den Terroranschlägen von Paris. Die Opposition im Bundestag bezweifelt dies, die Linkspartei spricht sogar von einem rechtswidrigen Einsatz der Bundeswehr. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Torsten Albig (SPD), der gestern nach Jagel gekommen war, sagte: "Jetzt ist die Stunde, in der wir uns alle vor unsere Soldatinnen und Soldaten stellen. Sie haben ein klares, verbindliches Mandat für Ihren Einsatz und unsere volle Solidarität."

Der neue Bundeswehr-Einsatz ist vor allem als Zeichen der Solidarität für Frankreich, aber auch für die anderen Nationen im Kampf gegen den IS gedacht. Umstritten ist, welchen Sinn der bevorstehende Einsatz militärisch hat. Bezweifelt wird vor allem, ob die deutschen Aufklärungskapazitäten vor Ort überhaupt benötigt werden. Zurzeit sind bereits seit Monaten weit über 100 Kampfflugzeuge über Syrien und dem Irak gegen den IS im Einsatz, dazu Drohnen und Satelliten in unbekannter Zahl.

Vor allem bei dem geplanten verstärkten Luftkrieg gegen die Terrormiliz ist es jedoch wichtig, bereits gewonnene Erkenntnisse über den IS zu ergänzen oder zu bestätigen. Und das Waffensystem Tornado, ein deutsch-britisch-italienisches Gemeinschaftsprojekt, ist nur scheinbar völlig veraltet: Zwar fliegt der zweistrahlige Jet bereits seit Anfang der 80er Jahre bei der Luftwaffe, wurde aber in den vergangenen Jahren ständig modernisiert. Die Ausstattung des Aufklärungsbehälters unter dem Rumpf mit Kameras und Infrarot-Wärmebild-Scanner ist deshalb technisch auf aktuellem Stand - die Jets können ihre digitalen, hochauflösenden Bilder bei Tag und Nacht live an eine Bodenstation übertragen; selbst Tarnnetze verhindern die genaue Identifizierung von Kämpfern, Waffen und Fahrzeugen nicht.

Die Daten sollen an alle Staaten gehen, die im Rahmen der Allianz gegen den IS Luftangriffe fliegen. Dazu gehören die USA, Frankreich, Großbritannien und einige arabische Länder, wie zum Beispiel Jordanien. Russland, das schon seit September Angriffe in Syrien fliegt, soll hingegen nicht von den Daten profitieren.

Allgemein wird vom bislang gefährlichsten Auslandseinsatz der Bundeswehr gesprochen, der mit der Mission gegen den IS bevorstehen soll. "Die Lage in der Region ist unübersichtlich, es gibt Risiken", betonte Torsten Albig in Jagel. Die überschallschnellen Jets, die während ihrer Aufklärungsmissionen in drei bis fünf Kilometer Höhe mit rund 900 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, können allerdings nur durch komplexe Flugabwehrsysteme bekämpft werden, über die die Terrormiliz IS nicht verfügt. Die syrische Luftwaffe besitzt hingegen ein riesiges Arsenal solcher Raketen aus russischer Produktion.

Es gibt aber Tornado-Versionen, die die Radaranlagen zerstören können, die solche Raketen ins Ziel führen. Das auf bis zu 1200 Soldaten ausgelegte deutsche Syrien-Mandat umfasst außerdem die Fregatte "Augsburg" zum Schutz des französischen Flugzeugträgers "Charles de Gaulle" und Bundeswehr-Aufklärungssatelliten vom Typ "Sar-Lupe", die von Grafschaft-Gelsdorf bei Bonn gesteuert werden und noch Gegenstände "deutlich unter einem Meter Größe sehr gut erkennen können.

Quelle: RP
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