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London
Abhör-Opfer Hugh Grant sagt aus

London. Das Telefon des britischen Schauspielers ist nach seinen Angaben offenbar von Redakteuren der Boulevardzeitung "Mail on Sunday" abgehört worden. Damit weitet sich der Skandal möglicherweise auf Medien aus, die nicht zum Konzern von Rupert Murdoch gehören. Von Alexei Makartsev

"Ihr Motiv ist das Geld, es geht immer nur um Profit", sagte angewidert der Mann im dunkelblauen Anzug, dessen in Falten gelegte Stirn Millionen Fans an den romantischen Helden des Kassenhits "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" erinnert. Trotz seiner Berühmtheit fühlte sich Hugh Grant (51) gestern sichtlich unwohl im Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

Der Brite gab in 17 Jahren nur zwei Interviews in seiner Heimat. Er hat nach eigenen Worten oft unter den "Lügnern in den Schmuddelblättern" leiden müssen. Als prominentes Opfer des Abhör-Skandals wollte der medienscheue Star jedoch nicht länger schweigen.

Grant nutzte die Gelegenheit, um in einer live übertragenen Sitzung einer richterlichen Kommission mit seinen Peinigern abzurechnen. Es sei naiv zu glauben, dass Boulevard-Journalisten die Wahrheit sagen würden, kritisierte der Schauspieler. "Sie verdrehen nur die Tatsachen und graben Dreck aus."

Seit einer Woche tagt in London die Kommission unter Leitung von Lord Leveson (62). Sie soll nach dem Skandal, der mit der inzwischen geschlossenen Murdoch-Zeitung "News of the World" (NotW) begonnen hatte, im Auftrag von Premier David Cameron das verlorene Vertrauen der Inselbewohner in ihre Presse wiederherstellen.

Gleich zum Auftakt des Sitzungsmarathons hatte das sechsköpfige Gremium die Öffentlichkeit mit einer brisanten Erkenntnis schockiert: Nach seinen Informationen sollen neben der berüchtigten Boulevardzeitung des Medienunternehmers Rupert Murdoch möglicherweise auch andere Klatschblätter jahrelang die Voicemail-Nachrichten von Briten abgehört haben. Gestern bestätigte Hugh Grant diesen Verdacht, als er den Zeitungen "Daily Mail" und "Mail on Sunday" illegale Recherchepraktiken vorwarf.

So soll die zweite Zeitung einen "bizarren Bericht" über eine angeblich kriselnde Beziehung Grants zur Journalistin Jemima Khan auf Grundlage von abgehörten und falsch interpretierten Telefonaten veröffentlicht haben. Grant kritisierte auch die Jagd der Paparazzi auf seine chinesische Freundin Ting Lan Hong, die im November in einer Londoner Klinik unter falschem Namen seine Tochter geboren hatte. "Sie kannten alle Details." Die "Daily Mail" habe sie wohl von einem Klinik-Mitarbeiter erfahren, kritisierte der Schauspieler, der nach eigener Darstellung zehnmal gegen die "zügellose" Boulevardpresse vor Gericht geklagt hat.

Der bekannteste Schnüffler für die Zeitungen ist Glenn Mulcaire (41), der seinen Auftraggebern bei "NotW" intime Informationen über die Prinzen William und Harry beschafft hat. Mulcaire wurde für sein Eindringen in die königlichen Mailboxen 2007 mit sechs Monaten Gefängnis bestraft. Heute untersucht die Polizei seine Notizbücher, auf deren Seiten 5795 Namen von potenziellen Lausch-Opfern stehen sollen. Notizen des Detektivs weisen angeblich darauf hin, dass Mulcaire neben Murdochs erfolgreichstem Tabloid heimlich andere Zeitungen beliefert haben könnte. Leveson zählte bislang neben "NotW" die "Sun" und den "Daily Mirror" zum Kreis der Verdächtigen – gestern kamen die "Daily Mail" und "Mail on Sunday" dazu.

Der Richter will in den kommenden Monaten die Arbeitsweise der Journalisten in diesen Redaktionen untersuchen und Empfehlungen äußern, wie britische Medien und Politiker zum Wohl der Demokratie ihre Interessen auseinanderhalten sollen. Davor wird die Kommission 50 Zeugen zu ihren Sitzungen vorladen, darunter die Schauspielerin Sienna Miller, die Schriftstellerin J.K. Rowling und die Eltern der in Portugal verschwundenen Kate McCann. Sie alle sollen von Zeitungen bespitzelt worden sein.

Gestern beschuldigten die Eltern der ermordeten Schülerin Milly Dowler (13) Mulcaire, nach deren Entführung die Mailbox ihrer Tochter heimlich abgehört und einige Nachrichten darauf gelöscht zu haben, um Platz für neue Mitteilungen zu schaffen. Als sie den zuvor vollen Anrufbeantworter ihrer Tochter erreichen konnte, habe sie neue Hoffnung geschöpft, sagte Sally Dowler in der Anhörung vor Gericht. "Sie hat ihre Nachrichten abgehört. Sie lebt", habe sie damals voll Hoffnung gerufen. "Wir fühlten uns sehr verletzt in unserer Trauer."

Quelle: RP
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