Börsenfusion Frankfurt-London vor dem Scheitern?: Aktionärsschützer fordern Aussetzen des Fusionszeitplanes
zuletzt aktualisiert: 11.09.2000 - 13:23Düsseldorf (dpa/lnw). Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) fordert ein Aussetzen des Fusionsfahrplanes der Börsen London und Frankfurt/Main. Nach dem Übernahmeangebot der schwedische OM-Gruppe für die Londoner Börse sollte zunächst einmal gründlich analysiert werden, ob das Folgen für Frankfurt haben werde, sagte DSW-Hauptgeschäftsführer Ulrich Hocker am Montag der dpa in Düsseldorf. Es könnte eine Abhängigkeit des führenden deutschen Handelsplatzes von London durch das Angebot der Schweden entstehen.
Nach Berechnungen der DSW werden durch die bisherigen Planungen von London und Frankfurt etwa 70 bis 80 Prozent der Aktien aus den beiden wichtigsten deutschen Aktienindizes DAX und MDAX nach London verlagert. Damit werde der deutsche Kapitalmarkt zu stark ausgedünnt.
Für Privatanleger ist der Wirbel um die Börsenfusion London-Frankfurt nach Meinung von Aktionärsschützern kein Grund zur Sorge. "Der Kleinaktionär kann sich beim Aktienhandel in Frankfurt weiter auf die bewährten deutschen Standards verlassen", sagte der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Ulrich Hocker, in einem dpa-Gespräch.
Dazu zählten die deutsche Handelsüberwachung und das vorgesehene Übernahmegesetz, dass nach dem Präzedenzfall Mannesmann-Vodafone Spielregeln bei der Übernahme deutscher Unternehmen festlegen soll. Eine Harmonisierung der britischen und deutschen Regeln scheine unmöglich zu sein, sagte Hocker.
"Der Kleinaktionär wird allerdings nicht traurig darüber sein, wenn die so genannten Alte-Ökonomie-Werte nicht nach London verlagert werden", betonte Hocker. Das Fusionskonzept der Handelsstandorte habe sehr viele Fragen offen gelassen. Hocker befürchtet eine zu große Abhängigkeit von London zum falschen Zeitpunkt. Künftig sollte die Öffentlichkeit besser informiert werden. Die Debatte um eine stärke Zusammenarbeit der europäischen Börsen werde trotz der Probleme von Frankfurt/London weitergehen. "Die Börsen müssen sich etwas einfallen lassen, um auf die neuen Internet-Plattformen im Aktienhandel zu reagieren." Der Druck der Banken zu niedrigeren Kosten sei enorm.
"Auch die Politik ist gefragt. Wir brauchen ein internationales Wertpapieraufsichtsamt", forderte Hocker im Namen der Privatanleger. Bisher gebe es lediglich lockere Konsultationsgespräche zwischen den nationalen Aufsichtsbehörden in der Europäischen Union. Der Handel im Internet sei dabei noch nicht im Blickfeld. Für die Regionalbörsen in Deutschland nehme hingegen der Druck zu, sich stärker zu profilieren. Sie sollten nach den langwierigen Gesprächen zwischen London und Frankfurt nicht auf eine automatische "Erbfolge" hoffen. "Mit dem Internet werden die Karten für alle neu gemischt", sagte Hocker.
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