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Analyse
Als uns Bildung wichtig wurde

Düsseldorf. Die Bildungsdebatte hat Deutschland seit Mitte der 60er Jahre geprägt. Inzwischen hat ein pragmatischer Ansatz die ideologischen Grabenkämpfe verdrängt. Die große Herausforderung ist die Integration der Flüchtlinge. Von Martin Kessler

Die Geschichte der Bundesrepublik kennt vier große Themen seit ihrer Gründung. In den 50er Jahren drehte sich die politische Diskussion um den Wohnungsbau. Nach aller Zerstörung und bedingt durch die Integration von zwölf Millionen Vertriebenen war eine erschwingliche Bleibe für die neuen Bundesbürger die zentrale Aufgabe von Wirtschaft und Politik. Als die Städte und Gemeinden wieder aufgebaut waren, stand ein immaterielles Gut ganz oben: die Bildung.

Zwischen 1964, als der konservative Pädagoge Georg Picht angesichts des Geburtenbooms vor Lehrermangel und einer "Bildungskatastrophe" warnte, bis 1978, als eine Elterninitiative in Nordrhein-Westfalen über ein Bürgerbegehren die geplante kooperative Gesamtschule scheitern ließ, lag die bis heute intensivste bildungspolitische Diskussion der damals gerade erwachsen gewordenen Republik. Seit Mitte der 70er Jahre und weit in die Anti-Atomkraftbewegung der 80er Jahre hinein kam die Umweltpolitik zum Durchbruch, ehe die Wiedervereinigung die politische Diskussion bestimmte.

Das neue zentrale Thema des 21. Jahrhunderts ist nun die weltweite Migration, die im vergangenen Jahr besonders die Bundesrepublik traf. Damit schließt sich der Kreis zur Bildungspolitik. Denn die steht bei der Frage der Integration von Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen vor fast unlösbaren Problemen.

Dass Investitionen in Bildung eine der höchsten gesamtwirtschaftlichen Renditen bedeuten, ist inzwischen Allgemeingut. Anfang der 60er Jahre war diese Erkenntnis außer bei einigen Bildungsökonomen nicht sonderlich ausgeprägt. Trotzdem erkannten damals Bildungsplaner wie Pädagogen den ungeheuren Wert von Schule, Universität und Berufsausbildung. Sie wollten wie der Pädagogik-Professor Heinrich Roth weg von den klassischen Idealen Wilhelm von Humboldts, der die Bildung des Menschen als Selbstzweck zur Vervollkommnung des Charakters und des Individuums ansah. An diese Stelle sollten die gesellschaftlichen und ökonomischen Bedürfnisse eines Gemeinwesens wie der Bundesrepublik treten. Auch Ziele wie Emanzipation und die Förderung einkommens- und bildungsschwacher Schichten standen oben auf dem Programm.

Es folgte eine lebendige, aber auch hitzige und ideologiebehaftete Diskussion. Am Anfang waren beide Volksparteien Union und SPD vom Reformeifer noch angesteckt. Die Kompetenz des Bundes für einen Bildungsgesamtplan und ein Hochschulrahmengesetz wurde gestärkt, die Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern zum Hochschulneubau geschaffen sowie ein Bildungsrat eingerichtet. Der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf sprach vom "Bürgerrecht auf Bildung", der linke Philosoph Herbert Marcuse gar vom Umsturz durch Bildung. Der große Rahmen war geschaffen. Schon 1969 sollten Ganztagsschule, Gesamtschule und Gesamthochschule das gegliederte Schulwesen mit Gymnasium, Realschule und Volksschule sowie die Ordinarienuniversität ersetzen. Dazu wurde ein Experimentierprogramm ins Leben gerufen, das auch die unionsgeführten Bundesländer mittrugen. 1972 verständigten sich die Kultusminister auf die Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe mit einem von Schülern wählbaren Kurssystem.

In jenen reformorientierten Jahren kamen auch das Hochschulbauförderungsgesetz (1970) und das Bafög-Gesetz (1971) durch den Bundestag. Die Reformeuphorie wich indes schon bald der Ernüchterung, dass sich die emanzipatorischen und gesellschaftsverändernden Ansätze so schnell nicht durchsetzen ließen. Zwar führte eine brillante Schulministerriege um Köpfe wie Paul Mikat (Nordrhein-Westfalen), Wilhelm Hahn (Baden-Württemberg) und Hans Maier (Bayern) auf der konservativen und Peter von Oertzen (Niedersachsen) und Ludwig von Friedeburg (Hessen) auf der linken Seite eine bildungspolitische Diskussion auf höchstem Niveau. Gleichzeitig verhärteten sich die ideologischen Gegensätze. Die Gräben wurden so tief, dass über die nächsten 30 Jahre keine gemeinsamen Lösungen mehr möglich waren.

Der Föderalismus sorgte dafür, dass keine Richtung die Oberhand gewinnen konnte. Aber er schuf auch einen Flickenteppich unterschiedlicher Schulsysteme, wo vor allem um Gesamtschule und gegliedertes Schulsystem gerungen wurde statt um nutzbare Bildungsinhalte. Es dauerte bis zum Pisa-Schock im Jahr 2001, als die Bildungsforscher der Industrieländer-Organisation OECD den Deutschen bestenfalls mittelmäßige Schulleistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesekompetenz bescheinigten. Spätestens damit war den Bildungspolitikern klar, dass Deutschland bei einer der wichtigsten Ressourcen für seine Zukunft nicht mehr wettbewerbsfähig war. Seither hat eine kleine Revolution im Bildungswesen stattgefunden. Die Qualität der Bildungsinhalte stand im Mittelpunkt der Debatte. Die Schulminister durchforsteten Stundenpläne und Lehrinhalte, setzten stärker auf pragmatische und quantitative Ergebnisse als auf Ideologie und emanzipatorische Ansätze .

Und neue Aufgaben kamen hinzu. Die Vereinten Nationen verlangten, auch Behinderten eine Teilhabe am gemeinsamen Unterricht einzuräumen. Das Inklusionsgebot entstand. Ganz neu kommt eine zweite Integrationsleistung hinzu - die Eingliederung der Flüchtlingskinder in unser hochdifferenziertes Bildungssystem. Nach Jahren der ideologischen Debatten ist in beiden Feldern Pragmatismus gefragt. Dann kann das fünfte Mega-Thema der Bundesrepublik mit dem zweiten in eine zukunftsweisende Symbiose gebracht werden. Davor liegt noch eine erhebliche Kraftanstrengung.

Quelle: RP
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