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Analyse eines neuen Politiker-Typs
Die kleinen Kennedys

Analyse eines neuen Politiker-Typs: Kurz, Macron, Trudeau - Die kleinen Kennedys
Sebastian Kurz. FOTO: dpa
Düsseldorf. Er ist jung, charismatisch und pflegt eine klare Sprache: Ein neuer Politiker-Typ hat in westlichen Demokratien Erfolg und gräbt mit wohldosiertem Populismus den Extremisten das Wasser ab. Aber kann er auch gut regieren? Von Matthias Beermann

Sie tragen topmodische Slim-fit-Anzüge, hauteng geschnittene Hemden und - wenn überhaupt - schmale Krawatten. Und sie sind jung, sehr jung: In vielen westlichen Demokratien schickt sich eine neue Riege von Politikern an, die Macht zu erobern. Einige haben es sogar schon ganz nach oben geschafft. Justin Trudeau etwa, Kanadas jugendlicher Premierminister, der mit 45 Jahren schon der Senior dieser Generation ist. Oder Emmanuel Macron (39), der im Frühjahr zum jüngsten französischen Präsidenten der Geschichte gewählt wurde. Im selben Alter übrigens, in dem vor drei Jahren der Italiener Matteo Renzi in Rom den Posten des Ministerpräsidenten eroberte, den er freilich nach zwei Jahren schon wieder räumen musste. Der Höhepunkt dieser politischen Frischzellenkur steht indes erst noch bevor: In Österreich müsste sich Sebastian Kurz, der bereits mit 27 Jahren Außenminister der Alpenrepublik wurde, schon ziemlich dusselig anstellen, um am 15. Oktober nicht zum Bundeskanzler gewählt zu werden. Mit dann gerade mal 31 Jahren wäre Kurz der jüngste Regierungschef der westlichen Welt.

Ein Schuss Glamour ist wichtig

Es ist schon ein merkwürdiger Kontrast: Während mit Donald Trump ein zorniger alter Mann derzeit die Schlagzeilen bestimmt und mit Angela Merkel eine extrem nüchterne Politikerin alter Schule ihre vierte Amtszeit im Kanzleramt ansteuert, mischen die extrovertierten Jünglinge die Politik auf. Sie haben begriffen, wie wichtig Äußerlichkeiten und eine feine Dosis Glamour in diesem Geschäft sind. Darüber rümpfen viele die Nase. Dass es in der Politik doch bitteschön nur um Sachthemen und Probleme gehen dürfe, ist eine Forderung, die in deutschen Talkshows zum guten Ton gehört, die der Erfolg der jungen Wilden aber Lügen straft.

Politiker vom Schlage eines Trudeau oder Macron setzen Emotionen und Leidenschaft ganz bewusst ein, spielen virtuos ihr Charisma und ihre Eloquenz aus. Sie bedienen damit eine tiefe Sehnsucht der Wähler nach einem strahlenden Anführer, der nicht die graue Verwaltung der Gegenwart, sondern die spannende Eroberung der Zukunft verkörpert. Wie einst John F. Kennedy, der diesen Mythos des jugendlichen Helden bis heute prägt.

Seine Nachfolger haben von ihm gelernt. Sie inszenieren ihre Person, manche auch ihr Privatleben. Sie sind Medienstars, wollen aber die volle Kontrolle über ihr Image. So hat Macron seit seiner Wahl nur ein einziges Interview gegeben. Selbst das traditionelle TV-Interview am Nationalfeiertag 14. Juli, normalerweise vom Hausherrn im Elysée-Palast gern genutzte Gelegenheit, der Nation einige grundsätzliche Dinge beizubiegen, ließ der frischgewählte Staatschef absagen. Macrons Gedankengänge seien "zu komplex" für die Fragen von Journalisten, begründete sein Sprecher. Das kam nicht gut an, es hagelte Kritik. Macron bleibt aber dabei, direkte Kontakte mit Journalisten zu meiden. Dafür bespielen seine Mitarbeiter alle Kanäle der sozialen Netzwerke. Auch der Kanadier Justin Trudeau nutzt das Internet virtuos für die Selbstdarstellung und die Bewerbung seiner politischen Ideen.

Die smarten Überflieger zeigen dabei überhaupt keine Lust, sich in die etablierten Strukturen der Politik einzufügen. Ochsentour durch Ortsvereine und Stallgeruch? Nicht ihr Ding. Dort, wo die traditionelle politische Landschaft erodiert, machen sie sich lieber eine der ausgelaugten Formationen untertan und wandeln sie in ihren persönlichen Kanzlerwahlverein um. Renzi hat sich auf diese Weise die italienische Mitte-Links-Partei Partito Democratico auf den Leib geschneidert. In Österreich gelang Sebastian Kurz im Frühsommer ein ähnlicher Coup, als ihm die orientierungslose konservative ÖVP Parteiführung und Kanzlerkandidatur geradezu andiente. Die Blaupause lässt sich auch hierzulande entdecken, ein Blick auf FDP-Wahlplakate genügt. Die Liberalen präsentieren sich als Christian-Lindner-Partei, dankbar dafür, dass sie ein 38-Jähriger mit Dreitagebart aus dem Tal der Tränen geführt hat.

Der Bruch mit dem Alten hat System

In Frankreich fiel der Bruch sogar noch radikaler aus. Mit "En Marche" gründete Macron über das Internet gleich eine neue Bewegung, die schnell zum parteiübergreifenden Sammelbecken der Enttäuschten wuchs. Wie er betonen auch die anderen jungen Aufsteiger geradezu lustvoll den Bruch mit dem Alten, dem Konventionellen. Das fällt ihnen umso leichter, als sie zutiefst unideologisch sind. Zwar bezeichnet sich Trudeau als Liberaler (im amerikanischen Sinne), kokettieren Macron und Renzi mit ihrer linken Sozialisierung, betont Kurz seine konservativen Wurzeln. Aber in Wirklichkeit spielen diese Verortungen keine große Rolle. Die Politik, die die kleinen Kennedys verkörpern, ist vor allem pragmatisch. Kritiker sagen auch: prinzipienlos.

Populisten im besseren Sinn des Wortes

Aber sie passt in die Logik der neuen Generation, deren Vertreter sich gerne als Rebellen gegen ein verkrustetes System gerieren und dabei der Anti-System-Rhetorik rechts- und linksextremer Parteien manchmal gefährlich nahekommen. Sie sind Populisten, wenn auch im besseren Sinne des Wortes. Sie haben feine Antennen für die Stimmungen im Volk, und sie scheuen sich nicht, die Sorgen der Menschen ohne Rücksicht auf politische Korrektheit anzusprechen. In anderen Fragen zeigen sie dagegen klare Kante gegen die politischen Ränder. Damit graben sie den Extremisten ziemlich erfolgreich das Wasser ab, das haben etwa die österreichische FPÖ und der französische Front National schon zu spüren bekommen.

Bleibt die Frage, ob die schlanken jungen Männer auch gut regieren. Das Beispiel Renzi zeigt, dass sie schnell auch am eigenen Ego scheitern können. Oder ganz tief fallen wie ein Tony Blair, der Europa um die Jahrtausendwende mit seinem "dritten Weg" und "Cool Britannia" verzauberte, bevor er über eine hässliche Kriegslüge stolperte. Man wird erst sehen müssen, wie sich seine Nachfolger schlagen. Eines aber haben sie schon geschafft: Sie haben bei vielen, auch jüngeren Menschen neues Interesse an Politik geweckt. Und das ist gewiss keine geringe Leistung.

Quelle: RP
 
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