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Flüchtlingsandrang
Merkel: Asyl kennt keine Grenze

Flüchtlinge machen Selfies mit Merkel
Flüchtlinge machen Selfies mit Merkel FOTO: dpa, bvj pil
Berlin. Trotz des Flüchtlingsandrangs will die Kanzlerin die Zahl der Bürgerkriegsflüchtlinge, die Deutschland aufnimmt, nicht begrenzen, wie sie im Exklusiv-Interview mit unserer Redaktion sagt. Von Michael Bröcker und Eva Quadbeck

Bürgerkriegsflüchtlinge sollen nach dem Willen der Kanzlerin unbegrenzt die Möglichkeit haben, nach Deutschland zu kommen. "Das Grundrecht auf Asyl für politisch Verfolgte kennt keine Obergrenze; das gilt auch für die Flüchtlinge, die aus der Hölle eines Bürgerkriegs zu uns kommen", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit unserer Zeitung.

Begrenzen möchte Merkel allerdings die Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge. Sie betonte, es kämen auch Menschen aus sicheren Staaten, "gerade vom Balkan, zu uns, mit dem - aus ihrer Sicht - verständlichen Wunsch, ein besseres Leben zu führen". Aber wenn sich keine Asylgründe ergäben, und das sei bei diesen Menschen in fast allen Fällen so, dann müssten sie rasch in ihre Länder zurückkehren. Deshalb sollten die Asylverfahren beschleunigt werden. Gleichzeitig solle für "eine kleinere Zahl von Menschen vom Balkan" die legale Einwanderung ermöglicht werden, wenn sie einen Arbeitsplatz in Deutschland vorweisen könnten.

Merkel zollte den Deutschen im Umgang mit den Flüchtlingen hohe Anerkennung: "Ich freue mich sehr über die Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, die so viele Bürger in dieser nicht einfachen Situation zeigen." Für die Versorgung und Integration der Flüchtlinge forderte Merkel mehr Flexibilität. "Wir müssen improvisieren, vielleicht pensionierte Lehrer und Erzieher reaktivieren oder Studierende einsetzen", sagte Merkel.

Unterdessen spitzte sich die Flüchtlingskrise gestern europaweit zu. Die Ungarn erwägen angesichts der Lage, einen nationalen Krisenfall auszurufen. Darüber soll in der kommenden Woche beraten werden. In Mazedonien wird der Bau eines Zaunes diskutiert, wie ihn bereits Ungarn errichtet hat. Der mazedonische Außenminister Nikola Poposki sprach von "einer Art physischen Verteidigung", die aus "Soldaten oder einem Zaun oder aus einer Kombination aus beidem" bestehen solle.

Die Österreicher stellten wegen der Überlastung der Bahn den Zugverkehr zwischen Österreich und Ungarn ein. Gestern blieb unklar, ob der Verkehr heute wieder rollen wird. Auch im Norden Europas eskalierte die Lage, wo der große Marsch der Flüchtlinge nun angekommen ist. Bereits in der Nacht zu Donnerstag hatte Dänemark den Zugverkehr nach Deutschland gestoppt. Die EU-Kommission mahnte die Dänen zu mehr Kooperation.

Die Bundeskanzlerin sagte: "Die Aufnahme der Flüchtlinge muss in der EU gemeinschaftlich gelöst werden. Europäische Solidarität bedeutet, dass alle mitziehen." Aus ihrer Sicht hängt die Freizügigkeit in Europa von der Sicherung der Außengrenzen ab. "Jeder weiß", sagte Merkel, "dass Schengen nur funktionieren kann, wenn die Außengrenzen der EU gesichert sind".

Das EU-Parlament unterstützte gestern einen Plan der EU-Kommission, wonach 160 000 Flüchtlinge aus Griechenland, Italien und Ungarn in 22 anderen EU-Ländern aufgenommen werden sollen. Darüber wollen am Montag die Innen- und Justizminister der EU beraten. Die USA werden nach dem Willen von Präsident Barack Obama in den kommenden zwölf Monaten 10 000 syrische Flüchtlinge aufnehmen und damit deutlich mehr als bisher.

Quelle: RP
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