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Bonn
Angriff aus dem Internet

Bonn. Experten aus Militär, Wirtschaft und Wissenschaft beraten Abwehrstrategien. Von Helmut Michelis

Einbrecher, die per Smartphone lautlos fremde Türen öffnen, ein Firmendrucker mit Fernwartung, der durch einen absichtlichen Kurzschluss einen Großbrand verursacht, anonyme Online-Bankräuber, die von Nichtsahnenden Millionen Euro erbeuten, oder gar zusammenstoßende Passagierflugzeuge, explodierende Atomkraftwerke und ein internationaler Börsencrash scheinbar aus dem Nichts - nahezu jede Fantasie übersteigen die Horrorszenarien, die via Internet ausgelöst werden könnten. Damit beschäftigten sich bis gestern 300 Web-Experten bei der "Cyber Defence Conference" in der Stadthalle von Bad Godesberg.

Spätestens die Lausch-Affäre um den US-Geheimdienst NSA und der Hacker-Angriff auf den Bundestag haben auch Laien klargemacht, welche Risiken das Internet birgt. In vielen Rechnern schlummern Zeitbomben; vor allem komplizierte automatische Systeme können ein gefährliches Eigenleben entwickeln. Ob Datenklau, geplünderte Bankkonten, Erpressung oder Sabotage - Internet-Verbrechen kosten die deutsche Volkswirtschaft nach Schätzungen inzwischen jährlich mehr als 50 Milliarden Euro.

Menschen, Häuser, Maschinen, Büros, Autos, Züge, Flugzeuge, Kraftwerke und nicht zuletzt Waffensysteme sind inzwischen über das Internet miteinander verbunden - praktisch ist das leider auch für Terroristen, Saboteure oder Spione. "Geschlossene Kreisläufe gibt es nur in der Theorie", berichtete Wilhelm Dolle, Spezialist für Internet-Sicherheit, bei der zweitägigen Konferenz, die von der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik veranstaltet wurde. "Unsere Tests haben bewiesen: Der Angreifer kommt auch an den Kern der kritischen Infrastruktur heran." Dazu genüge zum Beispiel ein eingeschleuster Daten-Stick.

Der TÜV Süd habe als Test im Internet ein kleines Wasserwerk simuliert - in acht Monaten seien 60.000 Zugriffsversuche registriert worden, darunter etliche bedrohliche Angriffe, die in der Realität Menschenleben gefährdet hätten.

Bundeswehr-Offiziere berichteten, dass alle größeren Waffensysteme über eine Computer-Verzahnung mit Verwaltungsstellen und Führungsstäben von außen theoretisch angreifbar seien. Eine Fregatte bleibe beispielsweise bis zu vier Jahrzehnte im Dienst, sagte Korvettenkapitän Robert Koch. Die dafür verwendete Software sei aber bereits in wenigen Jahren veraltet. Es gebe keine Sicherheits-Updates mehr, zudem seien viele Chips aus ziviler Produktion eingesetzt, deren Herkunft sich nicht mehr verfolgen lasse. "Wir wissen nicht, welche Zeitbomben mit welchen Aufträgen möglicherweise dort schlummern."

Früher waren es Hacker, die aus Neugier IT-Netzwerke angriffen. Inzwischen gefährden Geheimdienste und Computer-Freaks im Auftrag aggressiver Staaten sowie Terroristen und Fanatiker zunehmend die nationale Sicherheit. Die Attacken würden immer ausgefeilter. Vorrangige Ziele würden demnächst mutmaßlich Smartphones und die Clouds ("Wolken"), abrufbare Datensammlungen im Internet.

Die Bad Godesberger Konferenz galt aber nicht nur einer aktuellen Bedrohungsanalyse, sondern diente vor allem der Suche nach Lösungsvorschlägen. Ein simpler, aber wichtiger: die stete Weiterbildung der Mitarbeiter. Wilhelm Dolle: "Es reicht nicht, dass jemand vor zehn Jahren mal Informatik studiert hat."

Quelle: RP
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