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Kabul
Anschlag überschattet de Maizières Besuch in Kabul

Kabul. Der Bundesinnenminister will Asylbewerber verstärkt in ihre Heimat Afghanistan zurückschicken und erwägt finanzielle Anreize.

Islamistische Talibankämpfer haben sich gestern zu einem Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul während eines Besuchs von Bundesinnenminister Thomas de Maizière bekannt. Bei der Explosion am Tor eines Polizeilagers im Westen der Stadt wurden dem afghanischen Innenministerium zufolge am Nachmittag mindestens 20 Menschen getötet und 25 verletzt. Der Sprecher der Kabuler Polizei, Basir Mudschahid, sagte, unter den Toten seien zwei Polizisten. De Maizière war zum Zeitpunkt des Anschlags mehrere Kilometer entfernt in der deutschen Botschaft zu Gast.

Bei seinem Besuch geht es vor allem um dem Zustrom afghanischer Flüchtlinge nach Europa und Möglichkeiten, wie dieser reduziert werden kann. Angesichts der rasant wachsenden Flüchtlingszahlen aus Afghanistan will de Maizière mehr Asylbewerber von dort in ihre Heimat zurückschicken - und hält als Anreiz für Rückkehrer auch finanzielle Hilfen für möglich. Es könne nicht sein, dass die afghanische Bevölkerung und gerade die jungen Leute ihr Land verließen, um in Deutschland eine wirtschaftlich bessere Zukunft zu suchen, sagte de Maizière: "In Afghanistan werden von Schleusern Gerüchte über paradiesische Zustände in Deutschland gestreut, um Geschäfte zu machen. Das alles wollen wir nicht."

Afghanen ohne Schutzperspektive in Deutschland sollen nach dem Willen des Ministers möglichst freiwillig in ihre Heimat zurückkehren - und zwar in jene Landesteile, die sicher seien. Eventuell könnten diese Menschen vor Ort auch ein Startguthaben bekommen, um sich wieder ein Leben in Afghanistan aufzubauen. Geld für die Heimreise können Flüchtlinge bereits heute beantragen.

Die Zahl der Afghanen, die nach Deutschland fliehen, ist enorm gestiegen. Im vergangenen Jahr hatten die Behörden in Deutschland mehr als 150.000 Afghanen als Asylbewerber registriert. Sie waren damit die zweitgrößte Gruppe nach den Syrern. Zum Vergleich: 2014 hatten noch etwa 9700 Menschen aus Afghanistan in Deutschland einen Asylantrag gestellt. Die Entwicklung setzte sich auch zum Jahresbeginn 2016 fort. Die Schutzquote - also der Anteil derer, die mit ihrem Asylantrag in Deutschland Erfolg haben - lag bei Afghanen zuletzt bei 47,6 Prozent. Das heißt, mehr als die Hälfte von ihnen müssen das Land eigentlich wieder verlassen.

Im Schnitt dauern die Asylverfahren bei ihnen derzeit aber 14 Monate. Und auch nach einem negativen Bescheid bleiben viele Afghanen in Deutschland: Zum Teil bekommen sie eine Duldung - etwa weil sie aus einer bestimmten Gegend des Landes stammen, die unsicherer ist als andere. Zum Teil weigert sich die afghanische Regierung aber auch, abgelehnte Asylbewerber wieder aufzunehmen, etwa weil Dokumente fehlen und sie die Betroffenen nicht als ihre Staatsbürger anerkennen.

(dpa)
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