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Stockholm
Anti-Gewalt-Kurse für Flüchtlinge machen Schule

Stockholm. Um sexuelle Übergriffe zu bekämpfen, bietet Norwegen Aufklärungskurse an. Andere Länder wollen nachziehen.

Auch in anderen europäischen Ländern ist es in der Silvesternacht offenbar zu sexuellen Übergriffen gekommen, die den Ereignissen in Köln ähneln. So wurden nach Polizeiangaben auf einem belebten Platz in der südschwedischen Stadt Kalmar mindestens 15 junge Frauen von Männergruppen sexuell belästigt. Auch die Polizei der finnischen Hauptstadt Helsinki meldete, dass es in der Silvesternacht zu mehreren Übergriffen auf Frauen gekommen ist. In den Tagen nach Neujahr seien drei Anzeigen wegen sexueller Belästigung eingegangen, sagte Polizeichef Ilkka Koskimäki. Alle Fälle sollen sich nahe des Hauptbahnhofs der Stadt ereignet haben. Hier hatten sich nach Angaben der Polizei am Abend rund 1000 Asylbewerber versammelt. Drei mutmaßliche Täter aus dieser Gruppe seien festgenommen worden, inzwischen aber wieder auf freiem Fuß.

Im skandinavischen Nachbarland Norwegen hat man ähnliche Erfahrungen schon vor Jahren gemacht - und reagiert. Männliche Flüchtlinge aus Afrika und arabischen Ländern nehmen in Norwegen bereits seit einiger Zeit an gewaltvorbeugenden Kursen teil. Grund für die Einführung war ein deutlicher Anstieg von sexuellen Übergriffen in größeren norwegischen Städten seit 2008, die vor allem von gerade eingewanderten Männern begangen wurden.

Die Aufklärungskurse wurden zunächst in einigen Asylbewerberheimen getestet. 2013 entschied die Regierung dann, sie in allen Asylbewerberunterkünften des Landes anzubieten. Die Kurse finden getrennt für muslimische Afghanen und christliche Eritreer statt. "Es gibt für die Flüchtlinge insgesamt zehn Sitzungen, in denen unterschiedliche Aspekte von Gewalt sowie norwegische Werte diskutiert werden. Anfangs wurden wir beschuldigt, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen", sagt der Leiter und Psychologe Per Isdal. Inzwischen ernte man jedoch Anerkennung.

Durch Kriege oder eine gefährliche Flucht traumatisierte junge Menschen neigten laut Studien eher zu Gewalt. "Da leiden auch Freunde, Ehefrauen oder die Kinder darunter", sagt Isdal. Hinzu komme, dass die kulturellen Unterschiede zu Gesellschaften, in denen Frauen teils als rechtloses Eigentum ihrer Männer angesehen würden, sehr groß seien.

So wird den Kursteilnehmern etwa erklärt, dass es in Norwegen strafbar ist, die Ehefrau zum Sex zu zwingen, Kinder zu schlagen oder auch, dass Männer und Frauen auch einfach nur befreundet sein können. "Die größte Gefahr ist es, solche Probleme wegen falscher politischer Korrektheit totzuschweigen", sagt Isdal. Inzwischen gibt es Forderungen, die bisher freiwilligen Kurse für Asylbewerber verpflichtend zu machen. Davon hält Isdal aber nichts. "Da machen die Flüchtlinge zu, wenn man sie zwingt", sagt er. Das norwegische Modell scheint nach den Übergriffen von Köln in Europa Schule zu machen. So sollen schon bald auch Asylbewerber in Belgien Kurse für den Umgang mit Frauen bekommen. Er wolle verhindern, dass sich ähnliche Ereignisse wie in Köln auch in Belgien abspielten, sagte der verantwortliche Staatssekretär für Asyl und Migration, Theo Francken, nach belgischen Medienberichten.

Die Kurse sollen in den kommenden Wochen in allen Aufnahmeeinrichtungen beginnen, kündigte Francken an, der zu den flämischen Nationalisten gehört. Die Gleichstellung zwischen Männern und Frauen sei ein unantastbares Recht. Auch in Dänemark gibt es Pläne, die Aufklärungskurse für männliche Flüchtlinge nach norwegischem Vorbild einzuführen.

(dpa/anw)
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