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Kolumne Gott Und Die Welt
Auch die Maut wird uns nicht bremsen können

Wegezoll wurde bei uns schon im Mittelalter erhoben. Weil in der Moderne aber die Mobilität zählt, werden auch neuerliche Abgaben unserer Raserei nicht im Wege stehen. Von Lothar Schröder

Das Emblem der Moderne ist die Geschwindigkeit. Mit Hilfe von Kutsche, Eisenbahn und Auto hat sie uns das zunehmende Rasen gelehrt und zugleich eingetrichtert, dass jede Mobilität erst einmal gut ist. Diese Moderne aber trägt auch ein sichtbares Emblem des Mittelalters - und das ist die Vignette. Diese ferne Epoche, die wir gern mit dem Adjektiv "dunkel" belegen, florierte auch dank der lukrativen Wegezölle. Diverse Zollburgen entlang unserer Flüsse belegen eindrucksvoll, dass es sich ganz ordentlich leben ließ mit jenen Talern, die es für die Benutzung von Brücken, Flüssen oder rumpeligen Straßen zu entrichten galt. Bis auf die noch immer oder schon wieder rumpeligen Straßen ist im 21. Jahrhundert alles komplett anders geworden. Wir sind ja weit davon entfernt, die Geldsäckel der Landesherren zu füllen, bloß um möglichst hurtig von A nach B zu gelangen. Die mobile Gesellschaft ist eine freie Gesellschaft - sieht man nach dem Erwerb eines Kraftfahrzeugs und dessen inspektionspflichtiger Pflege großzügig von der Kfz- und Benzinsteuer ab sowie der Zahlung an die Versicherung. Da kann man fast gar nicht meckern, wenn neuerdings hierzulande über eine Pkw-Maut für heimische und "gebietsfremde" Wagenlenker diskutiert wird. Auch sollte uns nicht weiter irritieren, dass dieses Wort seinen Ursprung im mittellateinischen "mutaticum" hat. Uns Menschen im 21. Jahrhundert ficht das nicht an, immerhin ist der Fortschritt mit den Händen zu greifen. Noch Ende des 18. Jahrhunderts zählte das Deutsche Reich rund 1800 Binnenzollgrenzen. Da wird das Reisegepäck vor allem eine Geldtruhe gewesen sein. Und jetzt? Eine einzelne Vignette genügt zur freien Fahrt. Und dazu müssen im Vorfeld lediglich 50 Millionen neue Verwaltungsbescheide und Vignetten verschickt werden - auf dass eine halbe Nation auf Trab gehalten und der Versand zum Sinnbild unserer fröhlichen Mobilität wird. Dabei kann es ja gar nicht ums schnöde Geld gehen, denn dann hätte doch nur die Mineralölsteuer um einen halben Cent erhöht werden müssen, wie uns Neunmalkluge vorgerechnet haben. Allein auf die Geste der Bewegung kommt es nämlich an, auf die Pflicht zur Unruhe und den Geist der Raserei. Dafür zahlen wir Bürger gern, weil unsere Freiheit nicht umsonst zu haben ist. Bis kurz vor Lebensschluss übrigens, was schon in grauer und mythologisch getränkter Vorzeit bekannt war: Wer in den Hades gelangen wollte, musste den Fluss Styx überqueren. Dazu war die Hilfe eines Fährmanns erforderlich. Der hieß Charon und kassierte: eine Silbermünze.

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Quelle: RP
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