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Rawabi
Auf Palästinas Retortenstadt ruhen große Hoffnungen

Rawabi. "Rawabi" - das größte Bauprojekt in der Geschichte der Palästinensergebiete soll Raum für 40.000 Menschen und 5000 Jobs schaffen. Von David Ehl

Die erste Tür links führt nach Liliput. Kleine Menschen bewegen sich hinter kleinen Fenstern in neunstöckigen Häusern, die keine zwei Meter hoch sind. Wie auf "Gullivers Reisen" laufen alle, die in Rawabi eine Wohnung kaufen möchten, durch diesen Modell-Straßenzug. Hinter einzelnen Fenstern projizieren kleine Bildschirme, wie die modernen Wohnungen und Geschäfte der ersten palästinensischen Retortenstadt einmal aussehen sollen. Das Gesamtbild präsentiert ein sechsminütiger 3D-Film, bevor potenzielle Käufer durch die Panorama-Fensterfront des Vorführraums einen realen Blick auf die größte Baustelle der Palästinensischen Autonomiegebiete werfen können. Über 600 Wohnungen sind bereits fertig - wer direkt einziehen möchte, kann noch im Vorführraum mit drei Banken über eine Finanzierung verhandeln.

Seit fünf Jahren wird auf dem Hügel zehn Kilometer nördlich von Ramallah gebaut. Langsam aber sicher nimmt die Stadt Gestalt an, deren Name auf Arabisch einfach "Hügel" bedeutet. Es gibt eine Straße, Wasserversorgung und Elektrizität - alles Punkte, über die lange mit dem israelischen Militär verhandelt werden musste. Die Verzögerungen machen das Projekt teurer. "Wir wären froh, wenn wir nur 100 Millionen Dollar verlieren", sagt Baschar Masri. Der Leiter des Mammutprojekts muss mit den Geldgebern aus dem Golfscheichtum Katar neu verhandeln, im Moment wird nur mit mittlerer Geschwindigkeit gebaut. Masri ist aber zuversichtlich: "Es ist keine Frage mehr, ob Rawabi fertig wird, sondern nur noch, wann."

Die Stadt soll einmal Raum für 40.000 Menschen bieten. Vor einem Monat hat der erste Supermarkt eröffnet, die Schule startet zum neuen Schuljahr im September. Rawabi ist bereits offiziell als Stadt anerkannt, steht aber erst ab 2017 im Haushalt der Palästinensischen Autonomiebehörde. Solange trägt Masris Firma Massar Ltd. die Kosten für die Infrastruktur. 5000 Arbeitsplätze sollen dauerhaft bleiben, vor allem im IT-Bereich. Unternehmer Baschar Masri träumt von einem palästinensischen Silicon Valley. Aktuell gilt es aber erst einmal, europäische Modeketten ins Stadtzentrum zu locken, die bislang nur in Israel oder Jordanien Filialen betreiben. "In zwei, drei Jahren gibt es in Rawabi alles, was man zum Leben braucht. In fünf Jahren dann auch allen Luxus", sagt Masri.

Architektonisch erinnern einige Elemente an alte Palästinenserstädte wie Nablus oder Jericho. Die mit 15.000 Sitzplätzen größte Freilichtbühne der ganzen Region ist wie ein römisches Amphitheater gestaltet und soll mit Großveranstaltungen Menschen aus der ganzen Region nach Rawabi locken.

"Wir bauen mit Rawabi eine von Grund auf moderne palästinensische Stadt", sagt die Ingenieurin Amal Abu Nimreh, die den Baufortschritt mit überwacht. Elektrizität, Gas, Wasser und Glasfaser-Internet wurden unterirdisch verlegt, sogar die Klimaanlagen sollen sichtgeschützt hinter Gittern verschwinden. "Wir versuchen, erst gar keine Verschandelungen entstehen zu lassen", sagt Abu Nimreh. So gibt es auch eine zentrale Warmwasserbereitung statt Tanks auf jedem Dach, wie es sonst in den Palästinensergebieten üblich ist.

Familie Kamal ist im August 2015 in eine der ersten fertigen Wohnungen gezogen. In ihrem Haus sind mittlerweile drei von 30 Wohnungen belegt, insgesamt leben bisher rund 200 Familien in der Stadt. "Hier ist es schön, sauber und ruhig, nicht wie in Ramallah", sagt Mutter Hannah Kamal. Sie haben sich eine Wohnung im sechsten Stock ausgesucht: "Mein Mann wollte nach oben, weil er Angst vor Katzen und Insekten hat", sagt Hannah Kamal. Dann zeigt sie ihren liebsten Ort der Wohnung: den Balkon. Bei klarer Sicht kann man die Hochhäuser der 40 Kilometer westlich liegenden Metropole Tel Aviv erkennen.

Viel näher, auf dem gegenüberliegenden Hügel, liegt die jüdische Siedlung Ateret. Als in Rawabi die ersten Bagger rollten, gab es Probleme mit den Siedlern. Mittlerweile seien die Palästinenser aber klar in der Überzahl, sagt Baschar Masri. Und es gibt zahlreiche Überwachungskameras. Schlimme Vorfälle gab es noch nicht. Einmal wurde gefilmt, wie Siedler die große palästinensische Flagge beim Vorführraum klauten. "Ich bin froh über die Kameras, das gibt ein Gefühl von Sicherheit", sagt der Taxifahrer Mohammad Al-Dschabarin, der mit seiner Frau eine Wohnung in Rawabi gekauft hat.

Größere Sorgen als die benachbarte Siedlung macht die dauerhaft angespannte politische Lage. Die Steine für die Baustelle werden komplett im benachbarten Steinbruch gewonnen, aber Zement und manche Baustoffe kommen von außerhalb. Damit die Arbeiten auch bei einer Straßensperre weitergehen können, gibt es am Rand der Stadt eine riesige Lagerhalle. Baschar Masri will mit seinem Großprojekt auch beweisen: "Palästina kann trotz der Besatzung so etwas schaffen." Und er träumt schon von Rawabi Nummer zwei, drei und vier.

(dpa)
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