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La Valetta
Auf Patrouille im Mittelmeer

La Valetta. Der Einsatzgruppenversorger "Berlin" der Deutschen Marine patrouilliert zurzeit vor der Küste Libyens. Die Lage hat sich seit Jahresbeginn drastisch geändert: Der Fluchtweg übers Mittelmeer, der vielen Tausend Menschen zum Grab wurde, ist versperrt - nur eine Momentaufnahme? Von Helmut Michelis

Das Mittelmeer ist eine endlose Wasserwüste, deprimierend grau und leer, nirgendwo ein Schiff. Seit zweieinhalb Wochen hat sich kein Mensch mehr auf die gefährlichste Fluchtroute der Welt - von Libyen aus über das zentrale Mittelmeer nach Italien - begeben. Während die Besatzung des Einsatzgruppenversorgers "Berlin" der Deutschen Marine noch über die Weihnachtsfeiertage rund 800 Menschen aus Seenot rettete, ist diese Verbindung jetzt gekappt. Das hängt mit der unruhigen See zusammen, aber auch mit den Machtkämpfen in Libyen, die den Menschenhändlern ihr skrupelloses Geschäft erschweren.

Gelingt es, in der ehemaligen italienischen Kolonie eine Einheitsregierung zu bilden, dürfte der EU-Flottenverband der Operation "Sophia" auch in den Hoheitsgewässern Libyens patrouillieren - den Schlepperbanden wäre damit endgültig das Handwerk gelegt. Aber noch ist die Situation unklar. Deshalb kreuzt die "Berlin" in rund 60 Kilometer Abstand vor der afrikanischen Küste. Ihr Auftrag: Informationen über Schleuserbanden sammeln und im Notfall Bootsflüchtlinge retten.

Zwischen den Schlepperbanden in Libyen und den Marine-Einheiten im zentralen Mittelmeer, hatte sich eine seltsame Beziehung entwickelt: Die Kriminellen pferchten die Migranten nachts in seeuntüchtige Boote, die auch gar nicht genug Treibstoff mitführten, um in Italien anzukommen. Die Verbrecher selbst oder die Flüchtlinge an Bord setzten dann nach einiger Zeit mit einem Satellitentelefon einen Notruf an die Seenotrettungsleitstelle in Rom ab - in der riskanten Erwartung, dass dann schnell die Retter kommen. Über dem Meer kurven zudem Flugzeuge und Hubschrauber der Operation "Sophia", die verdächtige Boote melden. Von einer Dunkelziffer gleich Null spricht der Kommandant der "Berlin", Fregattenkapitän Marcel Rosenbohm: "Ich bin sicher: Es geht uns niemand durch."

Die "Berlin", mit 174 Metern Länge das größte Schiff der Deutschen Marine, liegt sehr ruhig in der See. Doch für die zwölf bis 15 Meter langen Schlauchboote der Flüchtlinge ist das Meer zu aufgewühlt. Den Schlepperbanden seien Menschenleben egal, meint ein Hauptbootsmann auf der Kommandobrücke. Trotzdem seien Ertrunkene oder Verschollene schlecht fürs Geschäft, das spreche sich schnell herum.

So wird die Zeit auf der "Berlin" für die Ausbildung genutzt - in sicherem Abstand vor den Radargeräten auf libyscher Seite. Denn auch die Schlepper nutzten sie. "Die Gefahr ist groß, dass sie trotz des Wetters doch noch Schlauchboote aufs Meer schicken, wenn sie uns entdecken, weil sie darauf bauen, dass wir schon rechtzeitig zur Hilfe kommen."

Bislang seien keine Verdächtigen unter den Schiffbrüchigen oder in der Nähe gewesen, sagt Leutnant René G., der Führer des Militärpolizisten-Teams, das auf der "Berlin" eingeschifft ist und auch vom Hildener Feldjägerregiment 2 gestellt wird. Die Menschenhändler seien schwer zu enttarnen: "Wenn angebliche Kaufleute oder Fischer auf ihren Booten ein Gewehr oder eine Pistole mitführen, so ist auch das kein sichereres Indiz, dass es sich um Menschenhändler handelt", betont G.. "In dieser teils rechtsfreien Region sind viele zum Selbstschutz bewaffnet."

Fregattenkapitän der Reserve Stefanie F. aus Rostock ist als Rechtsberaterin an Bord und berichtet, wie ein verdächtiges Fischerboot gestoppt wurde. Den Tunesiern habe man aber keine Straftat nachweisen können. Das sei bei den Piraten am Horn von Afrika leichter gewesen: Sie hätten zum Beispiel auffällige lange Enterleitern an Bord gehabt. "Doch woran soll man einen Schlepper erkennen?"

Die vier Leichtgeschütze und sechs Maschinengewehre an Bord der "Berlin" sind schussbereit. Eine abstrakte Gefährdung gebe es immer, sagt Kommandant Rosenbohm, zum Beispiel ein als Flüchtlingsboot getarntes Holzschiff, das Sprengstoff an Bord hat. Auch ein Anschlag eines unter den Flüchtlingen versteckten Selbstmordattentäters könne zunächst nicht sicher ausgeschlossen werden. Schließlich setzt die Terrormiliz Islamischer Staat in Libyen einen neuen Schwerpunkt. Scharf schießen musste die "Berlin" aber bislang nicht. Die Geretteten waren überglücklich, an Bord der "Berlin" deutschen Boden zu betreten und in Sicherheit zu sein.

Die Lage in Libyen ist unübersichtlich. 300 verschiedene Milizen kämpfen um die Macht. Erste Erfolge der EU-Operation "Sophia" gebe es trotzdem: Die Schleuser trauten sich inzwischen nicht mehr aus der Zwölf-Meilen-Hoheitszone Libyens heraus, die für die internationale Flotte noch tabu ist. Sie schickten die Flüchtlinge kurzerhand allein los. Früher hätten sie noch versucht, ihre Boote wiederzubekommen, sagt F.. In einem Fall sei es ihnen sogar gelungen, ein größeres Holzboot im Schlepptau eines britischen Kriegsschiffs zu kapern, erzählt die Mutter zweier Kinder, die seit November 2015 zur Unterstützung des Kommandanten an Bord der "Berlin" ist. Sie muss im Einzelfall entscheiden, ob der Einsatz militärischer Gewalt gesetzeskonform ist. Inzwischen erlaube es das erweiterte Mandat, nach Rettung der Flüchtlinge das leere Schlepperboot als Gefahr für die Schifffahrt zu versenken - ein schwerer Schlag für die Menschenhändler, die in den vergangenen Wochen nur noch Schlauchboote eingesetzt haben, möglicherweise, weil die Holzboote knapp geworden seien, vermutet Fregattenkapitän Achim W.. Doch die Zwölf-Meilen-Zone vor der libyschen Küste setzt den Schleuser-Jägern wie der "Berlin" im wahrsten Wortsinn noch Grenzen.

Das See-Tagebuch von Bord der "Berlin" lesen Sie hier. 

Quelle: RP
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