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Analyse
Aufstand für den Anstand

Analyse: Aufstand für den Anstand
FOTO: Thomas Dashuber
Essay Der Umgang miteinander ist rüde geworden, Kleinigkeiten lassen Menschen explodieren. Doch reagieren immer mehr Leute besorgt auf diese Entwicklung. Zeit für eine Rückbesinnung auf Empathie und gute Sitten. Von Dorothee Krings

Was ist nur los? Im Theater sitzen Väter und Mütter neben ihren erwartungsfrohen Kindern im Märchenstück - und beantworten Textnachrichten auf ihren Handys. Und zwar auch noch, als das Stück längst begonnen hat. Dass das Licht ihrer Bildschirme alle Umsitzenden stört, kümmert sie nicht. Welches Vorbild sie abgeben, auch nicht. Genau wie die Leute, die mit Pulle Bier und Fluppe im Martinszug mitlaufen. Oder im Einschulungsgottesdienst so laut erzählen, dass sie gar nicht mitbekommen, was vorne geschieht. Das Gefühl für den Ort ist ihnen abhandengekommen. Im Internet wird gepöbelt, auf der Straße gedrängelt, gehupt, gegängelt. Wenn es zum Unfall kommt, ist Gaffen ein Massensport. Feuerwehrleute berichten, dass die größte Herausforderung in ihrem Job inzwischen ist, beim Hantieren am Einsatzwagen nicht von genervten Pendlern überfahren zu werden.

Und dann sind da die Geschichten, in denen es offensichtlicher um Gewalt geht: die Randale zu Beginn des Karnevals in Köln. Der Tod eines Mannes in einer Bankfiliale, über den gestresste Durchschnittsbürger einfach hinwegstiegen. Die Angriffe auf Zeugen, die nach Unfällen zwischen Kontrahenten schlichten wollen. Der Trend, Leute zu erschrecken, reinzulegen, in Verlegenheit zu bringen; Suizide, Überfälle, schlimme Krankheitsdiagnosen vorzutäuschen - und die gefilmten Reaktionen der Hintergangenen ins Internet zu stellen. "Prank" (englisch für Streich) wird das genannt, Prank-Kanäle haben Millionen Abonnenten. Die Skrupel schwinden, das Bedürfnis, sich durch Häme, Schadenfreude, Sadismus Lustgewinn zu verschaffen, steigt.

Das sind beunruhigende Entwicklungen, die nicht einfach abzutun sind mit dem Hinweis, gutes Benehmen und Freundlichkeit seien nicht jedermanns Sache. Es geht nicht um gute Manieren, sondern um etwas, das mit Anteilnahme zu tun hat, mit dem Willen und Vermögen von Menschen, sich in die Haut anderer zu versetzen. Und es geht um wachsende Aggressionen in der Gesellschaft, um Nerven, die kollektiv blank liegen. Es geht um den Druck, unter dem immer mehr Menschen zu stehen scheinen. Und den sie ablassen - im Straßenverkehr, auf Sportplätzen, in harmlosen Kundengesprächen, die schnell in Beschimpfungen kippen. Die Zündschnur ist kurz geworden.

Der Publizist Axel Hacke hat die Beunruhigung über den Verfall der guten Sitten aufgegriffen und ein Buch über Anstand geschrieben, das sich seit Wochen in den Bestsellerlisten hält. Anscheinend gibt es also nicht nur Zeichen für den Verfall des Anstands, sondern genauso Menschen, die sich darüber Sorgen machen. "Es ist wichtig, dass wir öffentlich darüber sprechen, wie wir miteinander umgehen", sagt Axel Hacke, "denn es geht um das Klima, in dem wir uns bewegen. Wenn der Umgangston immer rüder wird, Pöbeleien etwa im Internet salonfähig werden, folgt irgendwann auch körperliche Gewalt. Dann wird in Altena ein Oberbürgermeister mit dem Messer attackiert - auch er wurde ja vorher massiv beschimpft."

Verrohung beginnt immer scheinbar harmlos. In der Sprache. Im Benehmen. Und wenn selbst öffentliche Figuren wie US-Präsident Donald Trump mit Gehässigkeiten und üblen Beschimpfungen auf sich aufmerksam machen, setzt eine Gewöhnung ein, die irgendwann die Wirklichkeit verändert.

Als Ursachen für die Verrohung im Umgang miteinander sieht Hacke Stress und verdrängte Angst. "Wir leben in Zeiten massiver Veränderungen, für die es Schlagworte gibt wie Globalisierung und Digitalisierung", sagt Hacke. Das verändere konkret den Alltag vieler Menschen und erzeuge ein hohes Unsicherheitsniveau. "Diese Angst darf man sich auch ruhig mal eingestehen und mit anderen teilen", findet der Kolumnist, sonst entstünden jene latenten Aggressionen, die sich dann in Wort und Tat Bahn brächen. Anstand, sagt Hacke, habe mit Respekt zu tun. Mit der Fähigkeit, "den Blick auf andere zu richten und deren Blick auf sich selbst". Die eigene Person infrage stellen, sein Ego im Blick behalten, das sind Voraussetzungen für ein friedliches Miteinander.

Rüpel hat es immer gegeben. Wahrscheinlich flogen früher beim Streit sogar schneller mal die Fäuste. Darum tun manche die Sorge über die aggressive Grundstimmung zwischen den Menschen als Beleg einer neuen Zimperlichkeit ab. Doch es geht nicht darum, dass Streit auch mal eskalieren kann. Es geht um die grassierende Unfähigkeit, von sich abzusehen, Rücksicht zu nehmen, Wohlwollen zu zeigen.

Das zeigt sich auch in der Auseinandersetzung über gutes Benehmen selbst. Schnell geht es dabei um Zurechtweisungen und Besserwisserei. Einer erhebt sich über den anderen, verurteilt dessen Verhalten, fragt nicht nach, urteilt und schimpft. So können aus Kleinigkeiten wie einem falsch geparkten Auto Streitanlässe werden, bei denen es zu verbalen Ausfällen, oft auch Handgreiflichkeiten kommt. Auch das Sprechen über die Art, wie wir miteinander umgehen, ist ja Teil jenes Klimas, das Gesellschaftsbeobachter wie Axel Hacke in Gefahr sehen.

Wahrscheinlich hat es also auch mit den wachsenden sozialen Unterschieden, mit Überheblichkeit und Minderwertigkeitsgefühlen zu tun, wenn es Leuten schwerfällt, einander wohlmeinend zu begegnen. Zu viele haben das Gefühl, der aktuelle Wohlstand sei ein endlicher Kuchen, der unter immer mehr Gierigen verteilt wird. Dass das Wohlergehen des Einen also zulasten des Anderen gehen muss. So entstehen Neid und Missgunst. Und das Gefühl, die eigenen Interessen durchsetzen zu müssen, komme, was oder wer da wolle.

Das alles geschieht schleichend, aber irgendwann nicht mehr unbemerkt. Das Irgendwann hat begonnen.

Quelle: RP
 
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