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Irritationen zwischen Berlin und Moskau
Die Fakten im mysteriösen "Fall Lisa"

Video: Staatsanwaltschaft zu angeblicher Vergewaltigung
Düsseldorf. Falschmeldung oder Behördenskandal? Spätestens, seit sich der russische Außenminister Lawrow in den "Fall Lisa" eingeschaltet hat, ist die Geschichte des 13-jährigen Mädchens aus Berlin zum Politikum geworden. Was steckt hinter dem mysteriösen Fall? Von Vassili Golod und Gregor Mayntz

Die Fakten im Überblick: 

  • Ein 13-jähriges Mädchen aus Berlin wurde am 11. Januar von ihren Eltern als vermisst gemeldet. Erst nach 30 Stunden tauchte es wieder auf.
  • Das russische Fernsehen berichtete über den Fall. Das Mädchen sei entführt und von mehreren Männern vergewaltigt geworden, heißt es in dem Beitrag. 
  • Die Polizei Berlin bestätigte zunächst, dass das Kind vermisst wurde, dementierte allerdings Entführung und Vergewaltigung.
  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen nach eigener Aussage wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch gegen einen Mann.
  • Der russische Außenminister Lawrow meldete sich am Dienstag zu Wort und kritisierte die deutschen Behörden scharf.

Der TV-Bericht: Iwan Blagoj, Reporter des russischen Staatssenders "Pervy Kanal", berichtete am 16. Januar von der angeblichen Vergewaltigung eines deutsch-russischen Mädchens namens "Lisa". Schon nach kurzer Zeit kursierten im Netz Übersetzungen des Beitrags. 

Auch die Kreml-nahe Online-Plattform "Sputnik Deutschland" veröffentlichte den Bericht. Neben der emotionalen Darstellungsform fallen im Fernsehbeitrag einige Ungereimtheiten auf. So zeigt der Autor ein Video der Seite "Anonymous Kollektiv", in dem sich Migranten über eine angebliche Vergewaltigung unterhalten. Herkunft und Kontext des Films sind unklar. Blagoj sagt in seinem Bericht, dass er zwar nichts über die Herkunft des Videos wisse, es aber beispielhaft für die aktuellen Entwicklungen in Deutschland stehe. Die Seite "Anonymous Kollektiv" wiederum hat nichts mit dem Hackernetzwerk zu tun, sondern ist als Plattform für rechtsgesinnte Propaganda bekannt.

Das sagt der russische Reporter: Unsere Redaktion hat Iwan Blagoj telefonisch kontaktiert. Der Korrespondent teilte uns jedoch mit, dass er Fragen zu seinem Beitrag nicht direkt beantworten dürfe. "Das sind die Regeln", sagte Blagoj. Die Pressestelle seines Senders ließ wissen, es würden nur schriftliche Anfragen bearbeitet, und das könne mehrere Tage dauern.

Das ist der Stand der Ermittlungen: Die Polizei Berlin informierte am 18. Januar darüber, dass es nach Ermittlungen des LKA weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung des vermissten Mädchens gegeben habe.

+++ Information zum Vermisstenfall einer 13-Jährigen +++In den letzten Tagen ist uns aufgefallen, dass das Interesse...

Posted by Polizei Berlin on  Montag, 18. Januar 2016

Bei dieser Version bleibt im Prinzip auch die Berliner Staatsanwaltschaft, die in diesem Fall ermittelt. Allerdings gelte dies nur für die 30 Stunden, in denen das Mädchen vermisst wurde. In der Vergangenheit soll es zu "einvernehmlichem sexuellem Kontakt" zwischen der 13-jährigen und zwei Männern gekommen sein. Gegen einen der beiden Männer werde wegen sexuellen Missbrauchs ermittelt. Was genau in den 30 Stunden passierte, in denen das Mädchen vermisst wurde, ist bislang unklar. Das Mädchens habe sich in seinen Berichten mehrfach selbst widersprochen, sagte Sprecher Martin Steltner. "Der Fernsehbericht im russischen Fernsehen ist völlig losgelöst von dem Fall. Da geht es um Stimmungsmache", sagte Steltner weiter. "Es ist schade für das Kind. Sie wird für politische Interessen missbraucht."

Das sagt Lisas Anwalt: Anwalt Alexej Danckwardt ärgert sich über die Berliner Polizei, die Staatsanwaltschaft und viele Medien. Das macht er in seinem Profil bei Facebook mit regelmäßigen Postings deutlich.

Pressemitteilung Missbrauchsfall der Lisa F., Berlin MarzahnIn dem mutmasslichen Missbrauchsfall der Lisa F. aus...

Posted by Alexej Danckwardt on  Mittwoch, 20. Januar 2016

Während die Ermittler von "einvernehmlichem Geschlechtsverkehr" sprechen würden, lenkt Danckwardt den Blick auf die Tatsache, "dass es sich selbst bei einem unterstellten Einverständnis der 13-Jährigen um eine durchaus schwere Straftat handelt, die schon im Grundtatbestand mit Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahren bestraft wird." 

Das sagt der russische Außenminister: Sergei Lawrow äußerte sich am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Moskau zu dem Fall. Dabei kritisierte er die deutschen Behörden scharf und betonte, dass das Mädchen sicher "nicht freiwillig 30 Stunden verschwunden" sei. In Bezug auf das Mädchen sprach der russische Außenminister von "unserer Lisa".

Das sagt eine Russland-Expertin: "In Lawrows Worten sieht man den engen Zusammenhang zwischen der russischen Politik und den Auslandsrussen", sagt Sabine Fischer, Osteuropa-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Russland schreibe sich mit einer solchen Aussage selbst die Verantwortung für Menschen zu, für die sie politisch und rechtlich gar keine hat. "Das wurde beim Konflikt in der Ukraine deutlich, aber auch in den Baltischen Staaten", sagt Fischer. "Auf der einen Seite hat man in den letzten Jahren auf eine harte und aggressive Rhetorik gesetzt, auf der anderen Seite will Russland raus aus der Isolation." Eine Prognose sei schwer, da die Handlungen der russischen Regierung zuletzt oft eher harsch und nicht strategisch durchdacht gewesen seien.

Das sagen deutsche Politiker: "Manipulation und Unwahrheiten sind gängige Methoden in der innerstaatlichen Feinbildpropaganda der russischen Führung", sagt Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag. Der Vorgang zeige, dass "diese innere Machtfrage Russland wichtiger ist als die Beziehungen zu anderen Staaten". Omid Nouripour, Außenpolitik-Experte der Grünen, sieht in Lawrows Vorgehen den "Versuch, Deutschland zu destabilisieren". Zudem wolle Lawrow Einfluss auf die Millionen Russlanddeutschen nehmen. Dies werde Moskau jedoch nicht gelingen.

Besorgt zeigte sich der Linken-Politiker Stefan Liebich darüber, dass sich Russlands Außenminister für die Bürger Deutschlands verantwortlich erkläre, die einmal in Russland gelebt hätten. Wenn Lawrow die Verschwörungstheorien von Rechtspopulisten übernehme, sei dies "Wasser auf die Mühlen von AfD, Pegida und NPD".

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