Nato hat irrtümlich Fahrzeuge bombardiert: 27 tote Zivilisten in Afghanistan
VON MATTHIAS BEERMANN UND ANJA INGENRIETH - zuletzt aktualisiert: 22.02.2010 - 21:01Düsseldorf/Brüssel (RP). Nato-Jets haben irrtümlich zivile Fahrzeuge bombardiert, weil sie die Insassen für Taliban hielten. Der Zwischenfall löste in Kabul Empörung aus. Derweil vergrößert der angekündigte Truppen-Abzug der Niederlande die Sorgen.
Einen Tag, nachdem die niederländische Regierung im Streit über eine Fortführung des Afghanistan-Einsatzes auseinandergebrochen ist, hat ein tragischer Fehler der Nato erneut zahlreiche Zivilisten das Leben gekostet und zu Spannungen mit der Regierung in Kabul geführt. Nach deren Darstellung starben mindestens 27 Menschen, als Nato-Flugzeuge in der Provinz Daikundi drei Kleinbusse bombardierten.
Die Regierung sprach von einem „unverantwortlichen” Vorfall. Demnach hatten Nato-Soldaten die Zivilisten, die auf dem Weg in die südliche Provinz Kandahar waren, mit Taliban-Kämpfern verwechselt. Unter den Toten sollen auch vier Frauen und ein Kind gewesen sein. Es gab zwölf Verletzte.
Die internationale Afghanistan-Truppe Isaf kündigte eine Untersuchung an. Oberbefehlshaber Stanley McChrystal drückte bei einem Gespräch mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai „seine Trauer und sein Bedauern über das tragische Ereignis” aus. Er weiß, wie brisant solche Vorfälle sind. Mit jedem getöteten Zivilisten wächst der Unmut der afghanischen Bevölkerung gegen die ausländischen Soldaten, die sie doch eigentlich unterstützen sollen.
Eindringlich forderte McChrystal seine Truppen zu noch mehr Vorsicht auf, um das Leben von Zivilisten nicht zu gefährden. Es war bereits das dritte Mal in einer Woche, dass bei Luftangriffen der Nato Unbeteiligte getötet wurden. Am Donnerstag wurden in der Provinz Kundus im Norden des Landes afghanische Polizisten bombardiert und sieben von ihnen getötet.
Am Montag vergangener Woche waren bei einem Luftangriff in der Provinz Kandahar fünf afghanische Zivilisten getötet worden. Bei der Großoffensive in der Unruheprovinz Helmand kamen in neun Tagen außerdem mindestens 15 Zivilisten ums Leben. Bei der Offensive in Helmand kämpfen rund 15.000 afghanische und westliche Soldaten gegen die Taliban, die bislang das Opium-Anbaugebiet rund um Mardscha kontrollierten.
Noch schwerer als die militärischen Probleme wiegt für die Nato in Afghanistan der bröckelnde politische Rückhalt für den Einsatz. Gestern musste der niederländische Verteidigungsminister Eimert van Middelkoop den Nato-Partnern nach dem Sturz seiner Regierung erklären, warum der bisher so vorbildliche Bündnisgenosse seine Soldaten in Afghanistan ab August abzieht als erstes Land überhaupt.
„Die Bitterkeit ist groß”, räumte Middelkoop ein. „Das internationale Ansehen unseres Landes ist erheblich beschädigt.” Die Allianz und Amerika fühlen sich in der Tat brüskiert. Denn gerade „in der entscheidenden Phase des Einsatzes” gäben die Niederlande die im Irak-Krieg treu an der Seite von Amerika und Großbritannien standen „ein schlechtes Beispiel”, dem andere folgen könnten, hieß es gestern in Brüsseler Nato-Kreisen.
Fest steht: Der Rückzug der Niederländer, deren Einsatz in Afghanistan bisher als äußerst erfolgreich galt, reißt eine empfindliche Lücke. Bei einem Krisentreffen in Den Haag, zu dem Hollands Königin Beatrix die Spitzen der gescheiterten Regierungskoalition gestern geladen hatte, ging es schon gar nicht mehr um Afghanistan, sondern nur noch um den Fahrplan zu Neuwahlen, die Ende Mai oder Anfang Juni stattfinden könnten.
Unterdessen kündigte die SPD ihr Ja zu einer Verlängerung des deutschen Afghanistan-Mandats an. Die Bundesregierung sei den SPD-Forderungen „für eine verantwortbare Abzugsperspektive” sehr weit entgegengekommen, hieß es.
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