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15 Jahre nach 9/11
Neues Futter für Verschwörungstheoretiker

9/11 - Bilder von den Anschlägen am 11. September 2001
9/11 - Bilder von den Anschlägen am 11. September 2001 FOTO: dpa
Washington. Die Ermittlungen der US-Behörden ergaben: Die Türme des World Trade Centers stürzten aufgrund der großen Hitze ein. Doch es gibt Menschen, die den offiziellen Angaben nicht trauen. Sie wittern eine Verschwörung. Eine ihrer Theorien hat es nun in ein Fachmagazin geschafft. Von Philipp Jacobs

Innerhalb von neun Sekunden stürzte der Südturm des World Trade Centers (WTC 2) ein, der Nordturm (WTC 1) innerhalb von zwölf. 200.000 Tonnen Stahl und jeweils 110 Stockwerke verschwanden in einer Rauchwolke. Wer die Bilder damals live im Fernsehen gesehen hat, vergisst sie nie wieder. Der Einsturz der Twin Towers sowie des niedrigeren Wolkenkratzers WTC 7 wurde zum Mysterium, weshalb kurz nach der Tragödie eine Ermittlungskommission einberufen wurde. Die Federführung oblag dem National Institute of Standards and Technology (NIST), einer Unterbehörde des US-Handelsministeriums.

2008 veröffentliche das NIST seinen letzten Bericht zu 9/11. Sechs Jahre lang rekonstruierte die Behörde die Einstürze der WTC-Türme. Zusammengefasst kamen die Ermittler zu der Erkenntnis: WTC 1, WTC 2 sowie WTC 7 stürzten aufgrund der massiven Beschädigungen durch den Flugzeugeinschlag und der anschließenden Hitze ein.

Verschwörungstheorie einer kontrollierten Explosion

Einige Verschwörungstheoretiker gehen allerdings davon aus, dass die Hochhäuser durch eine kontrollierte Explosion zerstört wurden – warum sonst seien die Türme senkrecht in sich zusammengesackt? Einer der größten Verfechter dieser Theorie ist Steven Jones, emeritierter Physiker, eigentlich spezialisiert auf Kernfusion. Zusammen mit drei weiteren Forschern veröffentlichte Jones seine Theorie Anfang dieser Woche in dem Fachmagazin "Europhysiscs News". Es ist nicht irgendein Wissenschaftsblättchen, sondern das Magazin des Dachverbandes der europäischen Physikgesellschaften. Nie zuvor war eine Verschwörungstheorie zu 9/11 in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht worden.

Jones schreibt in seinem Artikel, vor oder seit 9/11 sei es niemals vorgekommen, dass ein Hochhaus nur aufgrund von Feuer zusammengestürzt sei. Insbesondere WTC 7, das nicht direkt von einem Flugzeug getroffen wurde, hätte nie einstürzen dürfen. Zu WTC 1 zeigt Jones einen Screenshot des Einsturzvideos. Darauf zu sehen sind mehrere kleine Rauchwolken unterhalb der nacheinander absackenden Stockwerke. Es seien kontrollierte Explosionen, mutmaßt Jones.

Tatsächlich sind diese Rauchwolken in Videos zu sehen. Und es stimmt: Es sind Explosionen – allerdings keine kontrollierten. Die NIST-Ermittler schrieben bereits 2005 in ihrem ersten Bericht, dass es sich um Kerosinexplosionen handelte. Demnach haben sich Teile des beim Aufschlag ausgetretenen Flugzeugtreibstoffs durch Versorgungsschächte in den tiefer gelegenen Stockwerken verteilt. Als die Türme zusammensackten, entstanden unterhalb der kollabierenden Stockwerke Brandquellen, die das Kerosin entzündeten und damit viele kleine Explosionen verursachten.

Die Frage der Wärmeentwicklung 

Auch der Einsturz von WTC 7 rührte nicht von einer Explosion, sondern von den zahlreichen von WTC 1 herabfallenden Gebäudeteilen. Sie zerstörten die Hauptwasserleitung für die Sprinkler und führten zu mehreren Bränden. Weil die Feuerwehr im Großeinsatz vor den Twin Towers beschäftigt war, wucherten die Brände lange unbemerkt, bis das Stahlskelett von WTC 7 rund sieben Stunden nach dem Einsturz der Zwillingstürme durch die Wärmeausdehnung nachgab.

Nicht nur bei Jones, auch bei anderen Verschwörungstheoretikern spielt die Wärmeentwicklung in den Gebäuden eine bedeutende Rolle. Schließlich schmilzt Stahl erst bei rund 1500 Grad. Innerhalb der Türme herrschten dagegen in den heißesten Bereichen nur knapp 1000 Grad. Bevor Stahl jedoch zu schmelzen beginnt, verliert er bereits bei 650 Grad die Hälfte seiner Festigkeit. Dies führte dem NIST zufolge erst zur Deformation der Träger und schließlich zum Einsturz.

Jones' Verschwörungstheorie ist nur eine von vielen. Im Folgenden haben wir weitere Behauptungen zusammengetragen – und sie eingeordnet.

Behauptung Abfangjäger hätten die Flugzeuge frühzeitig zerstören können. Doch sie sollten nicht eingreifen.

Einordnung  Fakt ist: Die Luftabwehr hat an 9/11 versagt, aber nicht absichtlich. Erst als die erste Maschine in einen der Türme des World Trade Centers krachte, kam der Befehl, den Luftraum über New York zu sichern. Im 9/11-Bericht heißt es: "Die Verteidigung des US-Luftraums wurde am 11. September (...) von Zivilisten improvisiert, die noch nie mit einem entführten Flugzeug zu tun hatten, das dabei war zu verschwinden, und von Soldaten, die nicht darauf vorbereitet waren, dass aus Zivilflugzeugen Massenvernichtungswaffen gemacht werden."

Behauptung Obwohl zunächst der Nordturm von einer Maschine getroffen wurde, stürzte der Südturm zuerst ein. Das ist ein Zeichen für eine kontrollierte Sprengung.

Einordnung Nein. Es ist lediglich ein Zeichen dafür, wie unterschiedlich schnell die Flugzeuge die Türme an bestimmten Stellen getroffen haben. Die Geschwindigkeit des Flugs United Airlines 175, der den Südturm traf, war höher als jene von American Airlines 11, der im Nordturm einschlug. Dadurch wurden im Nordturm weniger Zerstörungen verursacht, was die Gebäudestruktur länger vor den Brandfolgen schützte. Zudem wurde der Nordturm 16 Stockwerke höher getroffen als der Südturm. Hinzu kommt: Der Brandschutz im Nordturm war an der Einschlagsstelle besser als im Südturm.

Behauptung Die Attentäter konnten mit ihren Messern ungehindert die Kontrollen am Startflughafen passieren.

Einordnung Ungehindert oder nicht: Zum damaligen Zeitpunkt waren Klingen wie jene Teppichmesser, die manche der Attentäter mit sich führten, erlaubt. Bei drei der fünf Entführer von Flug AA 77, der ins Pentagon stürzte, piepten die Metalldetektoren. Zwei von ihnen wurden durch einen weiteren Detektor geschickt und anschließend noch mit einem Handgerät abgesucht. Ein Angestellter überprüfte sogar mit einem Wischtest, ob die Umhängetasche eines später identifizierten Attentäters Sprengstoffspuren aufwies – das war nicht der Fall, er wurde durchgewinkt. Damals suchte das Sicherheitspersonal gezielt nach Bomben, die in ein Flugzeug geschmuggelt werden konnten. Niemand rechnete damit, dass ein Flugzeug nach einer Entführung selbst zur Vernichtungswaffe wurde.

Behauptung Osama bin Laden war nicht der Auftraggeber.

Einordnung Tatsächlich bestritt der Al-Qaida-Terrorfürst anfangs jedwede Beteiligung an den Anschlägen. Im November 2001 fand die US-Armee östlich von Kabul in Dschalalabad jedoch ein Videoband, in dem bin Laden mit Mitgliedern seiner Gruppe über die Anschlagsplanung sprach, einige Entführer namentlich nannte, sie lobte und erklärte, er habe ihnen die Anschlagsziele erst in den USA genannt. 2004 wandte sich bin Laden in einer Videobotschaft direkt an die US-Bevölkerung und erklärte, warum er die Anschläge habe durchführen lassen. Er drohte, weitere würde folgen, sofern die Amerikaner ihre Politik nicht änderten.

Behauptung Einzelne Nachrichtensender waren in den Anschlag eingeweiht. Deswegen sendeten sie so früh vom Unglücksort.

Einordnung Derart skrupellos wären wohl nicht einmal amerikanische Nachrichtensender. CNN beispielsweise konnte nur deshalb drei Minuten nach dem ersten Flugzeugeinschlag senden, weil der TV-Sender an vielen Punkten in New York starre Kameras installiert hat, die ständig mehrere Bereiche in der Stadt filmen. Die Bilder waren vor den Anschlägen ein beliebtes Hintergrundbild bei Börsennachrichten. 

Behauptung Die Blackboxes der beiden Flugzeuge, die in die Twin Towers rasten, werden vom FBI unter Verschluss gehalten.

Einordnung Offiziellen Angaben zufolge wurden die beiden Blackboxes der WTC-Maschinen nie gefunden – im Gegensatz zu den Boxen der beiden anderen Flugzeuge. Und wer die Bilder von jenem Tag vor Augen hat, muss zugeben: Es ist äußerst unwahrscheinlich ist, dass selbst eine Blackbox solch eine Katastrophe übersteht. Nahrung bekamen Verschwörungstheoretiker allerdings vom Feuerwehrmann Nicholas DeMasi. Er behauptet, zusammen mit FBI-Agenten drei der insgesamt vier Flugschreiber der beiden Maschinen gefunden zu haben – am selben Tag, in all dem Chaos. Und das FBI habe sie konfisziert. 

Behauptung Das Pentagon wurde in Wahrheit von einer Rakete getroffen. Denn das Loch nach dem angeblichen Flugzeugaufprall war viel zu klein.

Einordnung Da vor Ort die DNA der Passagiere gefunden wurde sowie die Flugschreiber, wäre diese Theorie nur haltbar, wenn sich Passagiere und Blackbox in der vermeintlichen Rakete befunden hätten. Nicht sehr wahrscheinlich. Und zur Größe des Loches: Es stimmt, dass nach dem Aufprall kein Loch in der Form eines ganzen Flugzeuges zurückblieb. Das hat Bauingenieuren zufolge aber einen anderen Grund: Beim Aufprall seien die Flügel der Maschine abgerissen. Der Rumpf glitt anschließend aufgrund der hohen Geschwindigkeit und der Hitze nicht wie ein Feststoff in das Gebäude, sondern "wie eine Flüssigkeit", sagt etwa Mete Sozen, Professor für Bauingenieurswesen.

Behauptung Das FBI übernahm die Ermittlungen, um etwas zu vertuschen. Denn eigentlich wäre die Flugaufsicht für den Fall zuständig gewesen.

Einordnung Fast richtig. Flugzeugunfälle werden grundsätzlich vom National Transportation Safety Board, einer unabhängigen US-Behörde, untersucht. Da es sich im Fall von 9/11 jedoch um eine Straftat handelte, ermittelte das FBI.

Behauptung US-Präsident George W. Bush hat selbst den Befehl gegeben, die Türme zu zerstören, um den anschließenden Irak-Krieg zu rechtfertigen.

Einordnung Warum Präsident Bush den Krieg begann, darüber lässt sich nur spekulieren. Viele Kriegsgegner halten wirtschaftliche und geostrategische Interessen der USA und Großbritanniens, vor allem am Erdöl, für die eigentlichen Ursachen. Es ist unbestritten, dass der Einmarsch in den Irak keine ausreichende Berechtigung hatte. Das bestätigten mehrere Untersuchungsberichte. Und auch die Unterrichtung der Öffentlichkeit durch die Regierung muss äußerst kritisch hinterfragt werden. Aber war 9/11 eine perfide geplante Militäraktion der USA, um den Krieg zu rechtfertigen? Wohl kaum.

Verschwörungstheorien werden immer dann weitreichender und größer, wenn vorherige widerlegt wurden. Denn letzten Endes steckt ja jeder mit drin (außer wir Bürger natürlich), weshalb der Fall auch von allen Seiten vertuscht werden kann. Aber nur mal angenommen, dem wäre so. Was für ein gigantischer Mitwisser-Apparat müsste dann hinter 9/11 stecken? Piloten, Sprengmeister, Soldaten, Fluglotsen, Politiker und viele mehr. Früher oder später hätte jemand geredet, die Wahrheit ausgeplaudert und Beweise geliefert. 

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