Leipzig: Mahnwache für Irak-Geiseln

zuletzt aktualisiert: 02.02.2006 - 19:34

Leipzig (rpo). Vor der Leipziger Nikolaikirche beteiligten sich am Abend rund 500 Menschen an einer Mahnwache für die beiden im Irak entführten deutschen Ingenieure. Die Mütter der Techniker hatten am Nachmittag im ARD-Fernsehen an die Geiselnehmer appelliert, Gnade walten zu lassen. Auch der Zentralrat der Muslime in Deutschland bat die Entführer, Thomas Nitzschke und René Bräunlich freizulassen.

Vor der Leipziger Nikolai-Kirche harren die Menschen in eisiger Kälte aus. Eine Mahnwache für die Entführten. Foto: AP
Vor der Leipziger Nikolai-Kirche harren die Menschen in eisiger Kälte aus. Eine Mahnwache für die Entführten. Foto: AP

Der Chef der Firma Cryotec, Peter Bienert, bei dem die beiden beschäftigt sind, sagte auf der Kundgebung, er hoffe, dass die Entführer die Videobotschaft verstanden hätten und darüber nachdächten.

Bienert und Nikolaipfarrer Christian Führer hatten am Mittwoch zu der Mahnwache aufgerufen. Möglichst viele Leipziger sollten mit ihrer Teilnahme bekunden, dass die Entführten sowie deren Familien mit ihren Sorgen nicht allein seien. Bereits am Nachmittag hatte der ehemalige Oberbürgermeister von Leipzig und jetzige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) eine Kerze für die beiden Entführten entgezündet.

Auch der Imam des Leipziger Moscheevereins, Hassan Dabbagh, hatte die Muslime der Stadt aufgerufen, sich an der Mahnwache zu beteiligen. "Wir sind traurig und tief entsetzt, dass diese beiden Männer in der Hand von Entführern sind", sagte Dabbagh am Donnerstag. Entführung und Erpressung hätten nichts mit dem Islam zu tun. "Unsere Religion verbietet so etwas", unterstrich der Geistliche. Der Name des Islam werde von diesen Verbrechern missbraucht. Er appellierte an die Entführer, die beiden Männer frei zu lassen.

Mütter bitten Geiselnehmer um Gnade

"Bitte lassen Sie Thomas und René frei", sagten die die Frauen am Donnerstag in der ARD-"Tagesschau". Ihre Söhne seien unschuldig: "Thomas und René sind ohne politischen Hintergrund in den Irak gereist. Sie hatten nie die Absicht, ihrem Land zu schaden." Die Familien der beiden Männer hätten große Angst um deren Leben, nachdem sie diese im Fernsehen gesehen hätten. Besonders die Frauen der beiden Geiseln seien in größter Sorge.

Die Geiselnahme sei "mit islamischer Ethik und Moral nicht zu vereinbaren", sagte der Zentralrats-Vorsitzende Nadeem Elyas, der sich im Fall der im November 2005 entführten deutschen Archäologin Susanne Osthoff als Austauschgeisel angeboten hatte.

Der Zentralrat verurteile die Entführung der beiden Männer "auf das Schärfste" und unterstütze zugleich die Haltung der Bundesregierung, nicht auf die Forderungen der Geiselnehmer nach Abbruch der Beziehungen zur irakischen Regierung einzugehen. "Jede Erpressung muss abgelehnt werden", sagte Elyas.

Er appellierte an die irakischen Geiselnehmer, sie sollten bedenken, "dass das deutsche Volk ein dem Irak befreundetes Volk" sei und über jede Unterstützung und Kontakte zur deutschen Wirtschaft für den Wiederaufbau des Landes froh sein müsse.

Leipziger Muslime beteiligen sich an Mahnwache

Auch die muslimische Gemeinde in Leipzig distanzierte sich deutlich von der Entführung der beiden deutschen Ingenieure im Irak. Der Imam rief die rund 5.000 Gemeindemitglieder auf, sich an der Mahnwache vor der Nikolaikirche zu beteiligen. "Wir sind traurig und tief entsetzt, dass diese beiden Männer in der Hand von Entführern sind", sagte der Imam der Gemeinde, Hassan Dabbagh.

"Wir verurteilen diese Taten, egal, wer es gemacht hat", sagte er. "Viele unserer Mitglieder stammen aus dem Irak und haben dort Familienangehörige, die selbst schon Opfer von Entführungen wurden", berichtete Dabbagh. Entführung und Erpressung hätten nichts mit dem Islam zu tun. "Unsere Religion verbietet so etwas", sagte Dabbagh. Der Name des Islam werde von diesen Verbrechern missbraucht.

Auch Dabbagh appellierte an die Geiselnehmer, die beiden jungen Männer frei zu lassen, deren Lage der Leipziger muslimischen Gemeinde Sorge bereite. "In der arabischen Kultur gilt der Grundsatz: Wer dir etwas Gutes tut, dem darfst du nichts Böses antun", sagte der Imam. Er erinnerte daran, dass sich die Leipziger zu 90 Prozent und die Deutschen insgesamt zu mehr als 80 Prozent gegen den Irak-Krieg ausgesprochen hätten.

Die Lage der Entführten bezeichnete Imam Dabbagh als sehr unsicher. Sollte es den Entführern nur um Geld gehen, dann werde man sie auch freibekommen, sagte er. Gehe es ihnen jedoch um ideologische Motive, dann sei die Lage sehr ernst.

"Entführer werden sich bald melden"

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Elyas, hingegen geht davon aus, dass es sich bei den Entführern der beiden sächsischen Ingenieure "um eine einigermaßen bekannte politische Gruppierung" handele. Er sei sicher, dass sich Mittelsmänner der Geiselnehmer bald bei den deutschen Stellen meldeten, um gegebenenfalls weitere Forderungen zu stellen.

An der Nikolaikirche in Leipzig soll heute wieder eine Mahnwache für die beiden Ingenieure abgehalten werden. Die Sache habe sich zugespitzt, man könne nicht mehr bis zum nächsten Friedensgebet am Montag warten, sagte der Pfarrer der Nikolaikirche, Führer. Er wolle sich mit dem Geschäftsführer des betroffenen Unternehmens Cryotec, Bienert, treffen, um zu klären, was man weiter gemeinsam unternehmen könne.

Die beiden Leipziger Ingenieure waren am 24. Januar auf dem Weg zur Arbeit in der Stadt Beidschi im Norden des Irak verschleppt worden. In einem vor zwei Tagen ausgestrahlten Video drohten die Entführer, beide zu ermorden, sollte die Bundesregierung nicht ihre Beziehungen zur irakischen Regierung abbrechen.

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Quelle: afp

 
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Autor: FFF | 02.02.06 21:30 (1/2)
Ich bin verwundert
, daß die irakischen Muslime, nachdem sie zu Tausenden im Namen der Globalisierung geschlachtet worden sind, immer noch nicht gelernt haben, daß man nur mit Nächstenliebe im Leben weiterkommt....
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Autor: Hans-Peter | 02.02.06 16:06 (2/2)
Ich fühle mich bestätigt
in meiner Meinung, dass es auch noch - und wahrscheinlich sogar in der absoluten Mehrheit - friedliebende Muslime gibt. Leider melden diese sich aber zu selten zu Wort oder verschaffen sich...
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