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"Marsch für Gerechtigkeit" endet in Istanbul
Hunderttausende demonstrieren gegen Erdogan

Kemal Kilicdaroglu beendet Marsch für Gerechtigkeit
Kemal Kilicdaroglu beendet Marsch für Gerechtigkeit FOTO: rtr, MS
Istanbul . Mehrere hunderttausend Menschen haben am Sonntag in Istanbul bei einer Großkundgebung der Opposition gegen den Kurs von Präsident Recep Tayyip Erdogan demonstriert.

Die Menschen versammelten sich in einem Park am Marmara-Meer zum Abschluss des "Marsches für Gerechtigkeit" von Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu. "Recht, Gesetz, Gerechtigkeit" skandierte die Menge und schwenkte türkische Fahnen mit der Aufschrift "adalet" (Gerechtigkeit). Die Organisatoren sprachen von mehr als zwei Millionen Teilnehmern.

Kilicdaroglu, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Republikanischen Volkspartei (CHP), hatte seinen 420 Kilometer langen Protestmarsch am 15. Juni in Ankara begonnen. Nach und nach schlossen sich ihm immer mehr Menschen an. Zur Abschlusskundgebung im Stadtteil Maltepe in Istanbul waren es nun Hunderttausende.

"Dies ist der längste politische Marsch in der Weltgeschichte, sowohl was die Teilnahme, als auch seine Länge und Dauer betrifft", sagte der CHP-Abgeordnete Özgür Özel auf der letzten Etappe. "Millionen schreiben heute Geschichte." Es sei die größte Kundgebung der Opposition seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013.

"Heute gibt es keine Gerechtigkeit mehr in der Türkei"

"Heute gibt es keine Gerechtigkeit mehr in der Türkei. Unsere Schriftsteller sind im Gefängnis, unsere Professoren sind im Gefängnis, unsere Intellektuellen, unsere Studenten", sagte die Demonstrantin Aynur auf der Abschlusskundgebung, während immer mehr Menschen mit weißen "adalet"-Fahnen auf das Gelände strömten. "Es gibt keine Armee mehr, keine Bildung mehr, und wir werden von ungebildeten Leuten regiert. Deshalb fordern wir Gerechtigkeit."

"Wir sind Tausende heute hier, die für die kommenden Generationen Gerechtigkeit wollen", sagte der Demonstrant Ali. Die meisten Demonstranten waren mit der Fähre oder Metro aus Istanbul gekommen, doch einige waren zusammen mit Kilicdaroglu den ganzen Weg marschiert. 25 Tage lang war der 68-Jährige zu Fuß unterwegs nach Istanbul. Auf den letzten Etappen folgten ihm täglich zehntausende Menschen, darunter auch viele Anhänger anderer Parteien.

Begonnen hatte Kilicdaroglu den Protestzug, nachdem ein Istanbuler Gericht den CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu wegen eines Artikels über geheime türkische Waffenlieferungen an islamistische Rebellen in Syrien zu 25 Jahren Haft verurteilt hatte. Am Sonntag besuchte Kilicdaroglu den inhaftierten Abgeordneten in seinem Gefängnis in Maltepe. Der CHP-Chef hat angekündigt, bei der Kundgebung konkrete Forderungen vorzubringen, wie er "Gerechtigkeit" erreichen will.

Die Kundgebung fand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Auf den letzten Etappen war die Marschstrecke weiträumig abgesperrt und alle Teilnehmer der Kundgebung wurden persönlich durchsucht. Vor der Küste kreuzte ein Kriegsschiff. Ministerpräsident Binali Yildirim hatte am Freitag versichert, es werde alles Nötige getan, um die Sicherheit der Demonstration zu garantieren. Er forderte jedoch die CHP auf, nach der Kundgebung ihren Protest zu beenden.

Erdogan: Kilicdaroglu unterstützt mit Marsch "Terroristen"

Präsident Erdogan hatte zuvor Kilicdaroglu wiederholt vorgeworfen, mit dem Marsch "Terroristen" zu unterstützen. Die Regierung schritt aber nicht gegen den friedlichen Protestzug ein. In den Medien fand der Marsch zuletzt große Aufmerksamkeit. Während regierungstreue Zeitung teils vom "Marsch der Verräter" schrieben, lobten andere Kolumnisten, dass es Kilicdaroglu erstmals gelungen sei, mit dem Marsch die Opposition wieder in die Offensive zu bringen.

Kilicdaroglu war immer wieder vorgeworfen worden, Erdogan nicht entschieden genug entgegenzutreten. Seit dem Putschversuch vor einem Jahr wurden zehntausende Polizisten, Soldaten, Juristen, Lehrer und Wissenschaftler aus dem Staatsdienst entlassen oder suspendiert. Auch Journalisten, Oppositionspolitiker und andere Regierungsgegner wurden inhaftiert.

In der eigenen Partei war Kilicdaroglu vorgeworfen worden, dass er auch nach dem umstrittenen Verfassungsreferendum vom 16. April seine Anhänger nicht zu Protesten auf die Straße rief. Die islamisch-konservative Regierung hatte den Volksentscheid über die Stärkung der Macht des Präsidenten offiziell knapp gewonnen, doch hatte die Opposition ihr Wahlfälschung vorgeworfen.

(AFP)
 
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