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  Foto: afp, MAHMUD HAMS
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Mehr als 70 Tote nach Stadion-Krawallen: Ägypten bleibt ein Pulverfass

VON DANA SCHÜLBE - zuletzt aktualisiert: 02.02.2012 - 11:30

Kairo (RPO). Es sind dramatische Szenen, die sich am Mittwochabend im Stadion von Port Said abspielen. 74 Menschen sterben bei Krawallen. Die  Ausschreitungen haben auch eine politische Brisanz. Sie zeigen, wie labil die Lage in Ägypten seit dem Ende der Revolution ist. Und die Kritik am Militärrat reißt nicht ab.

Fans und Spieler laufen in Panik über das Spielfeld in Port Said. Es werden Flaschen und Steine geworfen. Hunderte Menschen werden verletzt. Auch in der Hauptstadt Kairo kommt es zu Ausschreitungen. Weil das dortige Spiel wegen der Randale in Port Said abgesagt wurde, zünden wütende Fans Teile des Stadions an.

Es sind Szenen, die keiner gern sieht in dem Land, das vor einem Jahr einen politischen Umsturz durch eine friedlich Demonstration geschafft hat. Zumal die Ausschreitungen auch eine politische Dimension haben. Seit den Revolten hat nicht nur die Gewalt in den Fußballstadien der Region deutlich zugenommen. Auch gibt es harte Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte.

Denn nach Augenzeugenberichten sollen diese nicht eingegriffen haben, als die randalierenden Fans die Spieler und Anhänger von Al Ahli angriffen. Und die Fans von Al Ahli werden als Speerspitze der ägyptischen Revolution gesehen. Sie hatten sich während des Aufstandes gegen den Ex-Herrscher Hosni Mubarak den Attacken der Ordnungskräfte entgegengestellt, als diese den zentralen Tahrir-Platz mit Kamelen stürmten.

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Unmut über den Militärrat

Der Auslöser für die Unruhen, der Angriff der Fans auf die Anhänger des Fußballvereins Al Ahil, muss dabei gar keine politischen Hintergründe haben - was sich nach ersten Kenntnissen auch herauskristallisiert. Doch das Nichteingreifen von Sicherheitskräften dürfte den Unmut bei vielen Revolutionären noch mehr schüren. Auch deshalb gingen nach den Ereignissen des Mittwochabends wieder Menschen auf die Straßen, um gegen den regierenden Militärrat zu protestieren. Auch für diesen Donnerstag ist wieder eine Demonstration geplant - vor dem Innenministerium.

Denn wirklich viel hat sich in Ägypten nicht verändert, seit Mubarak gestürzt worden ist. Zwar wurde ein neues Parlament gewählt, doch noch immer ist der Militrärat an der Macht. Zwar wurden die jahrzehntelang geltenden Notstandsgesetze aufgehoben, doch die Wirtschaft liegt am Boden. Und die Bilder, die in den vergangenen Wochen aus Kairo und anderen Orten zu sehen waren, erinnerten stark an jene vor einem Jahr, als tausende Ägypter auf die Straße gingen.

Erst vor wenigen Tagen war es vor dem Parlament wieder zu Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und Anhängern der Muslimbruderschaft gekommen. Die Muslimbruderschaft hatte bei der Parlamentswahl knapp 47 Prozent der Stimmen erhalten. Das Pikante: Auch bei diesen Zusammenstößen haben die Sicherheitskräfte laut Augenzeugen nicht eingegriffen.

12.000 Zivilisten vor Militärgerichten

Und genau das löst Unmut bei den Revolutionären aus. Sie werfen der Militärregierung darüber hinaus Menschenrechtsverletzungen vor. Laut Human Rights Watch wurden mehr als 12.000 Zivlisten seit dem Sturz des alten Regimes vor ein Militärgericht gestellt. Gegen die früheren Herrscher aber laufen die Prozesse schleppend - so auch gegen Mubarak selbst, der sich gern auf einer Trage als kranker alter Mann im Gerichtssaal inszeniert.

Zudem sitzen noch viele, die das alte System unterstützen, fest im Sattel. Das Militär, dass damals nicht gegen die Demonstranten vorging, war dennoch ein wichtiger Teil des Regimes. Das zeigt sich etwa auch am Chef des Militärrates. Mohammed Hussein Tantawi hatte zwei Jahrzehnte unter Mubarak als Verteidigungsminister gedient.

Die Ereignisse in den Stadien Ägyptens sind also nur ein weiteres Zeichen dafür, dass die Lage noch immer - oder wieder - einem Pulverfass gleicht, das jeden Moment in die Luft gehen könnte. Vor einigen Tagen hat der Militärrat erneut angekündigt, dass er erwägt, die Macht eher abgeben zu wollen. Die Revolutionäre aber werden diesen Worten kaum noch glauben, zu viel Zeit ist vergangen seit dem Umsturz.

Die Spieler von Al Ahli jedenfalls scheinen ihre Konsequenzen schon gezogen zu haben. Sie wollen nie wieder Profifußball spielen.

Quelle: mit Agenturmaterial/das/top/csr/csi

 
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