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19 Tote in Afghanistan
US-Jets bombardieren Klinik von "Ärzte ohne Grenzen"

Fotos: "Ärzte ohne Grenzen"-Klinik von Jets bombardiert
Fotos: "Ärzte ohne Grenzen"-Klinik von Jets bombardiert FOTO: dpa, gh
Kabul . Die US-Luftwaffe hat am Samstag offenbar einen fatalen Fehler gemacht: Anscheinend aus Versehen haben Kampfjets eine Klinik der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" in Kundus bombardiert. Dabei starben mindestens 19 Menschen - darunter zwölf Mitarbeiter der Organisation und sieben Patienten. Drei von ihnen waren Kinder.

Weitere 37 Menschen - 19 Klinikmitarbeiter und 18 Patienten sowie Angehörige - wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt, teilte Christiane Winje, Sprecherin von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF) mit.  Seit dem überraschenden Angriff der islamistischen Taliban auf Kundus versuchen Regierungstruppen mit Hilfe der Nato seit Tagen, die Stadt wieder komplett unter Kontrolle zu bekommen.

Der Sprecher der Nato-Mission in Afghanistan, Sernando Estreooa, erklärte zu dem Unglück: "Die US-Streitkräfte haben am 3. Oktober um 2.15 Uhr Ortszeit einen Luftangriff nahe der Einrichtung durchgeführt, wo einzelne Personen die Truppen bedrohten." Der Sprecher der US-Streitkräfte in Afghanistan, Brian Tribus, räumte ein, dabei könnte versehentlich eine nahe gelegene medizinische Einrichtung getroffen worden sein. Der Vorfall werde untersucht.

US-Verteidigungsminister Ashton Carter spricht von einem "tragischen Vorfall". Dieser werde jetzt untersucht, hieß es in einer am Samstag veröffentlichten schriftlichen Mitteilung. "Während wir noch herauszufinden versuchen, was genau passiert ist, möchte ich allen Betroffenen sagen, dass ich ihnen meine Gedanken und Gebete widme."

"Unentschuldbar und vielleicht sogar kriminell"

Die Vereinten Nationen haben den Angriff scharf verurteilt. Der Vorfall sei "absolut tragisch, unentschuldbar und vielleicht sogar kriminell", erklärte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid al-Hussein, am Samstag. Seid forderte eine transparente Untersuchung des Angriffs. Sollte dieser sich vor einem Gericht als vorsätzlich herausstellen, "könnte ein Luftangriff auf ein Krankenhaus ein Kriegsverbrechen darstellen".

Der für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissar Christos Stylianides zeigte sich in einer Erklärung "zutiefst schockiert" über den Tod der MSF-Mitarbeiter. Medizinische Einrichtungen und humanitäre Helfer müssten geschützt werden, betonte auch er.

Geodaten der Klinik waren eigentlich bekannt

Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen wurden allen Konfliktparteien die genauen Geodaten ihrer Einrichtungen vorsorglich mehrfach übermittelt, zuletzt am 29. September. Nach Beginn des nächtlichen Angriffs habe man zudem das amerikanische und afghanische Militär erneut kontaktiert; dennoch habe das Bombardement noch mehr als 30 Minuten angehalten.

Ärzte ohne Grenzen und das internationale Rote Kreuz verurteilten den Angriff auf die Klinik scharf und forderten alle Konfliktparteien auf, die Sicherheit von Zivilisten und Helfern zu achten. "Wir sind über den Angriff, das Töten von Mitarbeitern und Patienten und die schweren Auswirkungen auf die Gesundheitsfürsorge in Kundus zutiefst schockiert", sagte der Leiter der Organisation vor Ort, Bart Janssens. Er forderte alle Konfliktparteien auf, die Sicherheit von Gesundheitseinrichtungen und deren Personal zu respektieren.

Seit Montag wurden nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen in der Klinik 394 Verletzte behandelt. Zum Zeitpunkt des Luftangriffs seien 105 Patienten, Angehörige und gut 80 Mitarbeiter in dem Gebäude gewesen.

Die Organisation veröffentlichte Bilder von der in Flammen stehenden Klinik und den massiven Schäden. Auf einem Foto kümmern sich Ärzte in einem überfüllten kleinen Raum um verletzte Patienten und Mitarbeiter. Lokale Medien zeigten am Samstag ein Video der beschädigten Anlage. In den Aufnahmen, die nur wenige Stunden nach dem Vorfall gemacht wurden, sind schwere Gebäudeschäden und zerbrochene Fenster zu sehen. Aus dem Inneren des Gebäudes schlagen Flammen. Die Anlage ist von einer dunklen Rauchwolke umgeben.

Die Klinik wird ausschließlich aus Spenden finanziert und behandelt jeden - unabhängig von Herkunft oder Religion. Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid sagte: "Keiner unserer Kämpfer war zum Zeitpunkt des Angriffs ein Patient der Klinik."

(dpa)
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