Harter Kern weniger als 100 Mann: Al Qaida in Afghanistan tritt in den Hintergrund
zuletzt aktualisiert: 08.10.2009 - 06:55Kabul (RPO). Al Qaida in Afghanistan ist nach acht Kriegsjahren in den Hintergrund geraten. Verschwunden ist das einst dichte Netz der Lager und Verstecke, in denen Osama bin Laden und seine meist arabischen Gefolgsleute tausende junger Muslime für einen weltumspannenden Dschihad ausbildeten.
Der harte Kern zählt der US-Regierung zufolge nicht einmal mehr 100 Mann, die vermutlich in kleinem Maßstab Bombenbau und Taktikschulung durch Ausbilder betreiben, die zwischen Afghanistan und Pakistan hin und her reisen.
Die wahre Stärke und Gefährlichkeit des Terrornetzwerks abzuschätzen, ist ein wichtiger Faktor der in Washington aufkommenden Debatte darüber, ob die US-Truppen am Hindukusch noch verstärkt werden sollen.
Sicherheitsberater James Jones erklärte am Wochenende, Al Qaidas Präsenz sei geschwunden, und er sehe keine Rückkehr der Taliban an die Macht voraus. Den weitestgehenden Schätzungen zufolge verfüge Al Qaida in Afghanistan über weniger als 100 Kämpfer und nicht über die Stützpunkte und Befähigung dafür, den Westen anzugreifen.
Mehr Wirkung im Verborgenen
Dagegen hat der Wissenschaftler Bryan Glyn Williams, der Webseiten militanter Islamisten im Auge hält, nach eigenen Angaben Berichte über zahlreiche Al-Qaida-Kämpfer in verschiedenen Provinzen ebenso wie jenseits der Grenze in Pakistan gesammelt. Der frühere CIA-Experte Michael Scheuer meint, die Regierung unterschätze Al Qaida möglicherweise, weil die Organisation sich selbst gerne im Hintergrund halte und einheimischen Verbündeten Logistik, Propaganda und Training zur Verfügung stelle.
"Wenn bei einem islamistischen Aufstand immer weniger von Al Qaida zu sehen ist, bedeutet das höchstwahrscheinlich, dass sie effektiver wirkt, als wenn sie mehr in Erscheinung tritt", sagt Scheuer. Er sei sicher, dass Al Qaida immer noch Leute im Feld habe, um die Reihen der Taliban zu stärken.
"Schattenarmee"
Manche Fachleute vermuten, dass das Terrornetz in Afghanistan durch Laschkar al Sil operiert, die "Schattenarmee", der Angriffe in Ostafghanistan und Pakistan zugeschrieben werden. "Meiner Ansicht nach mischen Al-Qaida-Kämpfer von Laschkar al Sil an allen Taliban-Fronten mit, von Nuristan im Norden bis Helmand im Süden", erklärt Williams. "Ausländer spielen im derzeitigen Dschihad zwar keine beträchtliche Rolle, aber Al Kaida ist definitiv dabei."
Selbst wer bezweifelt, dass die Bin-Laden-Leute ein Comeback schaffen, will diese Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen in einem Land, in dem Bündnisse so schnell geschlossen wie aufgekündigt werden. "Afghanistan ist kompliziert", sagt UN-Experte Richard Bassett. "Es hat schon immer auf der Grundlage von Gesprächen und Absprachen funktioniert, aus denen am Ende keiner nur als Verlierer und keiner nur als Sieger hervorgeht."
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