Bolivien: Alle lieben Evo
zuletzt aktualisiert: 02.03.2006 - 10:08La Paz (rpo). Wo auch immer der neue bolivianische Präsident Evo Morales auftaucht, erntet er Begeisterung. Das südamerikanische Land ist in eine regelrechte Evo-Manie verfallen. Der Bauernsohn aus ärmsten Verhältnissen verlangt viel von seinen Mitarbeitern und will den indigenen Bolivianern mehr Rechte verschaffen.
Dem neuen Staatspräsidenten Boliviens, Evo Morales, schlägt im ganzen Land immer mehr Sympathie entgegen. Hatte er bei den Wahlen im Januar noch mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten, so setzen inzwischen sogar über 70 Prozent der Bevölkerung ihre Hoffnung in den Indio, der versprochen hat, sein Land, das ärmste Südamerikas, endlich vom Kampf ums tägliche Brot zu befreien. Ein Viertel aller Kinder hungert; hunderttausende Minderjährige müssen arbeiten; viele sterben innerhalb der ersten Lebensjahre an Unterernährung oder Krankheiten.
Wo auch immer der 46-jährige Morales erscheint und von Schulbildung, fließendem Wasser und Arbeitsplätzen spricht, vertrauen ihm die Menschen und glauben seinen Versprechungen. In zehn Jahren sollen fast alle Haushalte ein funktionierendes Abwassersystem haben. Mit Hilfe einer Alphabetisierungs-Kampagne sollen innerhalb der nächsten Jahre auch die Bolivianer in den abgelegensten Dörfern schreiben und lesen können.
Die katholische Kirche hat in den vergangenen Wochen mehrfach vor überzogenen Hoffnungen gewarnt. Morales habe gute Absichten, doch herrsche eine "Evo-Manie", die schnell in Enttäuschung umschlagen könne, wenn Änderungen nicht schnellstens einträten. Kardinal Julio Terrazas mahnte: "Was Bolivien jetzt mit größter Dringlichkeit benötigt, ist wahre Solidarität und keine neue Ideologie." Morales müsse einen Weg aus der Korruption finden und die wirtschaftliche und soziale Situation des Volkes verbessern.
Gehälter der Beamten halbiert
Täglich um 5.00 Uhr morgens sitzt Morales am Schreibtisch und verlangt seinen Mitarbeitern, Ministern und Kongressabgeordneten nicht nur die Halbierung der Gehälter, sondern auch seinen anstrengenden Arbeitsrhythmus ab. Solche Maßnahmen lösen auch auch Kritik und Unzufriedenheit aus. Durch die rigorose Neubesetzung vieler politischer Ämter hat er sich Gegner gemacht. Oft wird seinen Kandidaten fehlende Erfahrung vorgeworfen.
Während des Piloten-Streiks bei der bolivianischen Fluglinie LAB erschien der Präsident unsicher und setzte sich erst nach langen Auseinandersetzungen durch. Die Opfer der katastrophalen Überschwemmungen warteten anfangs vergebens auf Hilfe oder seine Präsenz vor Ort. Und Vertreter der reicheren Provinzen im Osten des Landes, in denen Morales' Gegenkandidat Jorge Quiroga bei den Wahlen vorne lag, fordern die rasche Umsetzung der versprochenen Autonomie.
Überhaupt fühlt sich Morales, der Bauernsohn aus ärmsten Verhältnissen, in seinem neuen Amt noch unwohl. Am liebsten würde er sich als "Bruder oder Genosse Präsident" ansprechen lassen, erzählte er in La Paz den ausländischen Korrespondenten. Er fühle sich als "Gefangener der Gesetze, der Korruption einiger Unternehmer". Auch deshalb hat er von Anfang an seinen Plan vorangetrieben, Bolivien neu zu gründen. Momentan lässt er eine verfassungsgebende Versammlung vorbereiten, die den indigenen Bolivianern weit mehr Rechte verschaffen soll. Außerdem sollen die großen Bodenschätze endlich allen Menschen zugute kommen.
Morales will Koka legalisieren
Seine aggressiven Attacken gegen den Imperialismus und die USA scheinen dagegen erst mal vergessen. Hatte der ehemalige Schäfer des Anden-Hochlands während des Wahlkampfes noch den "Tod der Yankees" beschworen, so versucht er nun einen Kompromiss mit Washington über seine Drogenpolitik auszuhandeln. Er befindet sich in einer Zwickmühle, da er erst kürzlich als Führer der Kokabauern-Gewerkschaft bestätigt wurde. Morales hat bereits angekündigt, dass er für die Legalisierung der Kokapflanze kämpfen werde. Er muss aber auch verhindern, dass die US-Wirtschaftshilfe versiegt, die das Land so dringend benötigt.
Die Bush-Regierung verlangt von Bolivien, die Kokapflanze komplett zu vernichten. Morales hingegen möchte wenigstens pro Familie 1.600 Quadratmeter durchsetzen, da die Pflanze hohe medizinische und symbolische Bedeutung genießt und die Einkommensgrundlage für tausende armer Bauern bedeutet. Er beteuert, dass er den Drogenhandel und die Verarbeitung zu Kokain strikt ablehne. Sein neues Credo lautet nun: "Koka ja, Kokain nein." Bei seinen Plänen soll ihm der neue Drogenbeauftragte Felipe Caceres helfen - einer der führenden Kokabauern. Eine Personalentscheidung, die Morales' Gegner für mehr als fraglich halten.
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