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Geschichte
Als die Briten Adolf Hitler lobten

Düsseldorf. Auf die Machtübernahme des faschistischen Führers der NSDAP in Deutschland 1933 reagierten manche Kreise in Großbritannien erstaunlich gelassen. Auch dies ordnet die kürzlich entdeckten Filmaufnahmen ein, die Elizabeth II. als Kind mit Hitlergruß zeigen. Von Godehard Uhlemann

Es gibt Gesten, die bleiben gefährlich. Sie offenbaren Gesinnungen, die gruseln lassen, weil sie die Schatten einer düsteren deutschen Vergangenheit heraufbeschwören und eine ernste Kampfansage an die Demokratie sind. Zu diesen Gesten zählt der Hitlergruß, der in Deutschland und Österreich seit Ende des Zweiten Weltkriegs als Zeichen einer verfassungsfeindlichen politischen Organisation verboten ist. Der ausgestreckte rechte Arm gilt als Bekenntnis zur Diktatur der Nationalsozialisten. Neonazis und Antisemiten nutzen ihn noch immer zur Provokation.

Das tut auch der Künstler Jonathan Meese (45). Während seiner Performance "Diktatur der Kunst" hatte er ihn vergangenen Jahres auf der Bühne der Öffentlichkeit gezeigt. Vor wenigen Monaten hatte die Münchener Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Meese mit der Begründung eingestellt, die Geste sei von dem Begriff der Freiheit der Kunst gedeckt.

Am Wochenende waren in Großbritannien private Bilder aufgetaucht, die Mitte der 30er Jahre aufgenommen worden waren und die damalige Prinzessin und heutige Königin Elizabeth II., ihre Schwester Margaret, ihre Mutter und den Onkel, den späteren König Edward VIII., mit Hitlergruß zeigen. Die sechs- oder siebenjährige Elizabeth war noch ein Kind, das die politische Dimension der Geste nicht einschätzen konnte. Niemand weiß bislang, ob die kurze Filmsequenz eine Parodie auf deutsches Politikgehabe sein sollte oder Ausdruck von Sympathie für die Nazis war. Bei Edward, der nur kurz auf dem Thron saß, ist eine gewisse Faszination für die Nazi-Ideologie belegt.

Doch wie reagierte das Ausland auf den Machtantritt Adolf Hitlers im Januar 1933? Ahnte die Welt, was auf sie zurollte oder verschlossen die Politiker und die gesellschaftlichen Eliten die Augen? Begriff man schon jetzt den Machtwechsel als weltpolitischen Einschnitt? Zuverlässige Prognosen für die politische Zukunft Deutschlands und Europas lassen sich zu diesem Zeitpunkt nicht machen. Was bleibt, sind Warnungen und Ängste.

Der deutsche Historiker Heinrich August Winkler schreibt in seiner "Geschichte des Westens": "Hitlers Wunschpartner Großbritannien hatte den Machtwechsel in Deutschland vom 30. Januar 1933 mit bemerkenswerter Gelassenheit aufgenommen." Die Zeitungen glaubten nicht, dass in absehbarer Zeit mit dramatischen Veränderungen der deutschen Politik zu rechnen sei. Die der Labour Party nahestehende Presse gab der neuen Regierung keine lange Überlebenschance. Rechte Massenblätter fanden den militanten Antibolschewismus der Nazis sogar lobenswert.

Im Dezember 1934 empfing Hitler den ihm wohlgesonnenen Verleger der "Daily Mail", Lord Rothermere. Wochen später Lord Lothian, ein führendes Mitglied der Liberalen. Andere Prominente folgten, unter ihnen der einstige liberale Premierminister Lloyd George. Der hatte nie mit seiner Bewunderung für Hitler hinterm Berg gehalten. Alle Besucher bekamen Hitlers Warnungen vor dem Bolschewismus zu hören, dem Pochen auf militärischer Gleichberechtigung Deutschlands und Hitlers Interesse an einem deutsch-britischen Arrangement, das Hitler freie Hand in Mittel- und Osteuropa lassen und dem Empire die Anerkennung als britische Interessenssphäre durch Deutschland bringen sollte. Spätestens der Einmarsch deutscher Truppen in das entmilitarisierte Rheinland im März 1936 machte allen klar, dass Hitler aufrüstete und an einer deutschen Vormachtstellung in Europa baute, die Deutschland als Weltmacht etablieren sollte.

Winston Churchill, der zusammen mit Amerikas Präsidenten Franklin Delano Roosevelt später als westlicher Kriegslenker im Zweiten Weltkrieg dem Nazi-Regime die Stirn bot, verdammte Hitlers rassistische und religiöse Intoleranz und warnte vor Deutschlands Wiederaufrüstung. Aber er schreibt auch den Satz: "Man mag Hitlers System nicht mögen und dennoch seine patriotische Leistung bewundern. Wenn unser Land einmal geschlagen wäre, hoffe ich doch, wir würden einen ähnlich unbezwingbaren Champion finden, der unseren Mut wieder aufrichten und uns zurück auf den uns zustehenden Platz unter den Nationen führen würde".

Amerikas Botschafter in Berlin Frederic M. Sackett konstatierte nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 (Hitlers NSDAP hatte 43,9 Prozent erreicht), dass die Demokratie in Deutschland einen Schlag erhalten habe, von dem es sich vielleicht nie erholen werde. Frankreichs Botschafter André Francois-Poncet schlägt in dieselbe Kerbe. Deutschlands Demokratie habe sich nicht zu retten, nicht einmal ihr Gesicht zu wahren gewusst. Bei den Nazis zeige sich eine Tendenz, die alles zerstören will, alles beansprucht, alles beherrscht.

In einem Lagebericht an das Außenministerium in Washington schreibt der US-Generalkonsul in Berlin, George S. Messersmith, man könne annehmen, dass das Hitler-Regime nur eine Phase in der Entwicklung zu stabileren politischen Verhältnissen sei und das auf diese Regierung eine folgen werde, die größere Stabilität zeige. Ein Schweizer Diplomat meinte später nach einem Treffen mit Kollegen, von den politischen Entwicklungen in Berlin habe keiner eine Ahnung gehabt, aber man sei sich einig gewesen, es hätte schlimmer kommen können. Heute weiß die Welt: Es kam viel schlimmer.

Quelle: RP
 
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