| 20.30 Uhr
Hillary Clinton
Amerikas populäre Schuhsohlen-Diplomatin
Hillary Clinton singt und tanzt in Südafrika
Hillary Clinton singt und tanzt in Südafrika FOTO: afp, JACQUELYN MARTIN
Washington. Hillary Clinton hat als US-Außenministerin keine großen Erfolge erzielt. Aber ihre Landsleute verehren sie für ihre Hartnäckigkeit. Von Frank Herrmann

Was soll eine amerikanische Außenministerin in Togo? Warum soll sie in ein kleines afrikanisches Land fliegen, das noch keiner ihrer Vorgänger je besucht hat? „Nun, Togo sitzt zufällig im UN-Sicherheitsrat“, antwortet Hillary Clinton. Schon deshalb mache es Sinn, sich um Togo zu bemühen, und zwar nach der guten alten Devise, dass auch die allermodernsten Kommunikationsmittel die persönliche Begegnung nicht ersetzen können.

Die gute alte Schuhsohlendiplomatie, wie sie es nennt, wenn sich jemand die Hacken abläuft. Clinton, die rastlose Weltreisende. Manchmal scheint es, als wollte sie keinen Winkel des Planeten auslassen, schon der Vollständigkeit halber.

Im State Department führen sie unter der Überschrift „Where is the Secretary?“ akribisch Statistik über die Vielfliegerei der Chefin. 395 Reisetage, 112 Länder besucht, 948.094 Meilen zurückgelegt – das war der Stand Anfang Dezember. Andere zählen die ständig wechselnden, nicht immer vorteilhaften Varianten Clintonscher Haarmode mit, was die oscargekrönte Meryl Streep vor Monaten zu einem treffenden, sarkastischen Satz veranlasste. „Während wir damit beschäftigt sind, ihre Frisur zu beurteilen und ihre Jacken unter die Lupe zu nehmen, ist sie beschäftigt mit ihrer Arbeit.“

Amerikanische Außenminister haben den Vorteil, dass sie sich nicht ins innenpolitische Gezerre um Fiskalklippe, Steueraufschlag und Rentenkürzungen einzumischen brauchen und daher per se populärer sind, als es der Kollege aus dem Finanzressort jemals sein könnte. Im Falle Clintons allerdings sind die Beliebtheitswerte auf wahre Rekordhöhen geklettert. Über 70 Prozent ihrer Landsleute bescheinigen ihr, dass sie einen guten Job macht

An manchen Autohecks sieht man noch immer die blauen Aufkleber des Wahljahres 2008: „Hillary for President“. Die Zahl der Fans reicht bis weit ins Lager der Republikaner, wo die Demokratin einst als unbelehrbare Parteisoldatin galt, für Kompromisse angeblich weniger aufgeschlossen als der versöhnlicher wirkende Barack Obama. Selbst der alternde Senator John McCain, der immer ein wenig an einen General des Kalten Krieges denken lässt, lobt sie inzwischen für ihre effiziente Art, Probleme zu lösen.

Nun absolviert die 65-Jährige eine Art Abschiedstournee, nicht nur im Ausland, sondern auch zu Hause, in den Think-Tanks, den Denkfabriken Washingtons. Nüchtern zieht sie Bilanz, in aller Regel mit den Worten Max Webers. „Politik ist das langsame Bohren dicker Bretter“, zitiert sie den deutschen Soziologen. Es klingt wie eine Handlungsanleitung für ein Land, das nach dem gewonnenen Duell mit der Sowjetunion, nach der Euphorie der Neunziger und der Hybris der Bush-Jahre seine Rolle in einer veränderten Welt sucht und dessen politische Klasse keinerlei Neigung zeigt, sich bald wieder auf militärische Abenteuer wie im Irak einzulassen.

Sie wolle, hat Clinton einmal gesagt, die Marke Amerika wieder aufpolieren. Durch Schuhsohlendiplomatie. Die neue Geduld, das Kontrastprogramm zu den Schnellschüssen George W. Bushs – Clinton kann ganze Abende füllen mit dem Thema. Zum Beispiel neulich bei einem Forum der Zeitschrift „Foreign Policy“. Da ist Nicolas Sarkozy, der hibbelige, zum Theatralischen neigende Franzose, ihr Kronzeuge.

Schauplatz: der Kopenhagener Klimagipfel 2009, zwei Uhr nachts, eine nasskalte dänische Dezembernacht. „Nach dem hier will ich nur noch sterben“, imitiert sie Sarkozy, die Arme in dramatischer Pose gen Saaldecke gereckt. „Ja, so ähnlich haben wir uns damals alle gefühlt“, sagt sie ins Gelächter hinein. „Interessen kollidierten, Gespräche rissen ab, Emotionen schwapptenüber.“ Aber es helfe ja nichts, so gehe Politik nun einmal.

Die dicken Bretter – die Metapher trifft ziemlich genau, wie sich Weltstrategen in Washington fühlen, die Chefdiplomatin eingeschlossen. Die hat in keinem wichtigen Konflikt einen Durchbruch erzielt, nirgends einen gordischen Knoten zerschlagen. Im Nahen Osten, der traditionellen Spielwiese amerikanischer Vermittler, begnügen sich Weißes Haus und State Department momentan eher mit der Zuschauerrolle. Der Aufbau in Arkansas hat eindeutig Vorrang vor dem „nationbuilding“ in Afghanistan, zumal die prekäre Kassenlage große Sprünge nicht mehr zulässt.

Und der nachdenkliche Ton der Reiseweltmeisterin passt perfekt zur Stimmungslage. Was sich geändert hat im Vergleich zu den Neunzigern, als sie als First Lady im Weißen Haus residierte, bringt sie prägnant auf den Punkt, indem sie zwei Krisen miteinander vergleicht, Kosovo 1999 und Libyen 2011. Auf dem Balkan hätten die USA fast neun Zehntel aller präzisionsgesteuerten Geschosse abgefeuert, ihre Alliierten nur zehn Prozent. In Nordafrika sei es andersherum gewesen. Das Beispiel Libyen, suggeriert Clinton, soll künftig Schule machen. Nach ihrer Überzeugung sind US-Außenminister dann erfolgreich, wenn sie es verstehen, Koalitionen zu schmieden – dies sei die wichtigste Messlatte.

An diesem Punkt kommt auch Bill zu Ehren, der in ihren Schatten gerückte Ehemann. Von ihm stammt der schöne Spruch, wonach Amerika durch die Macht seines Beispiels mehr Einfluss gewinne als durch das Beispiel seiner Macht. Wobei die Amerikaner derzeit sehr interessiert, ob Hillary nicht doch eines Tages ins Oval Office einziehen will, wo ihr Bill einst zwei Amtszeiten lang residierte. In einer jüngst von der Tageszeitung „Washington Post“ gemeinsam mit dem TV-Sender „ABC News“ durchgeführten Umfrage befürworteten 57 Prozent der Befragten eine Kandidatur der scheidenden US-Außenministerin für die Präsidentschaftswahl 2016. Lediglich 37 Prozent konnten sich mit der Idee einer zweiten Clinton-Präsidentschaft überhaupt nicht anfreunden.

Bislang jedoch ziert sich die Dame. Angesprochen auf mögliche politische Karrierepläne stritt Hillary Clinton stets ab, ins Rennen um Obamas Nachfolge einsteigen zu wollen. Aber bis dahin ist ja auch noch ein wenig Zeit.

Quelle: sap/csi
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