Inside USA: Amish 2.0 - moderne Traditionalisten
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 10.09.2010 - 05:09Lancaster County (RPO). Seit mehr als 300 Jahren verweigern sich die bibeltreuen Traditionalisten dem Fortschritt. Doch die Verlockungen der Neuzeit dringen immer stärker in die abgeschottete Welt der Amish. Sogar das iPhone hat die Jugend erreicht. Ein Besuch in Pennsylvania.
Jon Fisher ist 14 Jahre alt, amerikanischer Teenager, und lebt im 18. Jahrhundert. In seinem Elternhaus in Lancaster, einer Kleinstadt im Nordosten der USA, erzeugt ein Gasofen Wärme, Kerzen spenden Licht. Pferdekutschen sind das bevorzugte Fortbewegungsmittel der Familie.
Die Fishers sind Amish. Bei der gottesfürchtigen Glaubensgemeinschaft, vor mehr als 300 Jahren in den USA von deutschen Religionsflüchtlingen gegründet, ist die Moderne verboten. Kein Strom, kein Telefon, keine Autos. Offiziell jedenfalls.
Die Idylle bröckelt
Denn die nachwachsende Generation der täuferisch-protestantischen Religionsgruppe sieht das alles etwas pragmatischer. Jon Fisher hat sich mit seinen Brüdern Sam (18) und Janice (20) vor einigen Wochen ein iPhone gekauft. Das Multifunktionshandy verstecken die Brüder seither in einer Schublade in Sams Handwerkergeschäft. Die Eltern ahnen nichts. „Die meisten meiner Freunde haben längst Handys“, sagt Jon. "Es macht Spaß."
Die mittelalterliche Idylle der in Romanen und Filmen verewigten Welt aus Farmern mit weißen Bärten, die ihren Acker mit Pferd und Pflug bewirtschaften und alles Weltliche verteufeln, bröckelt. Nicht unwahrscheinlich, dass die Eltern zu Hause mit Kerzenlicht in der Bibel stöbern, während auf den Handys ihrer Kinder das Internet flimmert. Die Jugend drängt ins digitale Zeitalter. Amish 2.0 sozusagen.
Telefon in der Scheune
In Lancaster, mit 59000 Mitgliedern die weltgrößte Amish-Siedlung, kämpfen die Kirchenführer verzweifelt gegen die schleichende Modernisierung. In der Kleinstadt Gordonville wurde jüngst ein Streit über das Haustelefon ausgetragen. Die Amish „neuer Ordnung“, der progressive Flügel der Religionsgruppe, wollten das Telefon generell „legalisieren“. Die Bischöfe lehnten ab. Das zerstöre das Zusammenleben, die Gleichheit vor Gott. Gemeinschaft vor dem Einzelnen ist ein eherner Grundsatz. Statussymbole sind verpönt.
„Viele Amish arbeiten aber nicht mehr auf einer Farm, sondern in kleinen Geschäften. Sie sind auf ein Telefon angewiesen“, sagt Jonathan Stoltzfus, ein „New Order Amish“. Der 71-Jährige lebt mit seiner Frau Barbara in einem typisch amerikanischen Holzhaus mit sorgsam gemähtem Vorgarten und einem Pick-up-Truck vor der Garage. Das Auto ist bei den progressiven Amish erlaubt. Nach langer Diskussion einigte sich die Gemeinde auf einen Kompromiss. Das Telefon wird geduldet, so lange es nicht im Haus steht. Nun haben einige Amish im Geräteschuppen oder im Laden ihren Anschluss gefunden.
Für viele Jugendliche stehen die Regeln nur auf dem Papier. Der renommierte Amish-Forscher Donald Kraybill vom Elizabethtown College in Pennsylvania schätzt, dass jeder vierte Unter-20-Jährige ein Handy besitzt. Neulich wurde eine 17-Jährige mit einem portablen DVD-Player erwischt. Sie hatte sich angeblich „Desperate Housewifes“, die US-Fernsehserie über Affären und Skandale in einer Nachbarschaft, angesehen. Ein Jahr Extra-Bibelunterricht soll sie wieder auf den rechten Weg bringen.
Kutschenfahrt mit Hofbesuch für 15 Euro
Trotz der Sehnsucht nach westlicher Technik - ihre Gemeinschaft verlassen wollen die Jugendlichen meist nicht. 85 Prozent der 16-Jährigen bekennen sich mit der Erwachsenen-Taufe zum Leben als Amish. Nun könnte das Internet zum nächsten Konflikt werden. In einigen Gemeinden werde an einer Software gearbeitet, die „böse Seiten“ im Netz automatisch sperren soll, erzählt Jonathan Stoltzfus. „Wir werden schrittweise modernisiert.“
Die traditionelle Landwirtschaft lehnen die Amish zusehends ab. Der Tourismus ist lukrativer. Hans Stoltzfus, Inhaber des „Aaron & Jessica Buggyride“ in Intercourse, zeigt Touristen in traditionellen Amish-Pferdekutschen die Region. 15 Euro pro Person verlangt der Mann mit dem berühmten Nachnamen (ein Viertel aller Amish in Pennsylvania heißen so, meist verwandt) für eine 30-minütige Tour. Am familieneigenen Bauernhof wird Halt gemacht, dort verkaufen Stoltzfus’ Kinder selbst gemachte Hufeisen und Kekse.
Laut Kraybill, der seit Jahrzehnten über die Amish forscht, erwirtschaftet eine Familie im Schnitt jährlich 27.000 Euro zusätzlich aus dem Tourismus. Weil das Leben als Milch- und Maisbauer oft nicht mehr auskömmlich ist, schauen die Kirchenoberen dem ungeliebten Konsumtreiben stillschweigend zu.
Immer mehr, immer jünger
Dass einige Mitglieder der auf Abschottung bedachten Gemeinschaft aber auch Hausführungen für Touristen anbieten, Motto: „Leben wie im Mittelalter“, kommt nicht gut an. „Das passt nicht zu uns“, sagt Stoltzfus. Aber er verstehe natürlich, dass die Amish für Außenstehende interessant seien. „Wir finden Eskimos ja auch spannend.“
Angesichts des rasanten Bevölkerungswachstums dürfte der Modernisierungsdruck bei den Amish steigen. In den letzten 20 Jahren hat sich die Population in den USA auf rund 240000 verdoppelt. Der Grund: Fünf- bis siebenköpfige Familien sind die Regel, Ehen unter Cousins und Cousinen erlaubt. Ob die Amish in die Außenwelt drängen oder der anhaltende Tourismus und die neuen Kommunikations-Techniken eine Abschottung schlicht unmöglich machen, ist ungewiss.
Donald Kraybill glaubt, dass die Traditionalisten trotz allem eine Zukunft haben. "Die Amish verkörpern durch ihre Lebensweise Grundwerte, die in der modernen Welt zunehmend verloren gehen: einen Sinn für Gemeinschaft und Integrität“, sagt er. „Die Amish sind so weit zurück, dass sie uns schon wieder voraus sind.“
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