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Vertreibung der Armenier vor 90 Jahren: Ankara fiebert Bushs Rede entgegen

zuletzt aktualisiert: 22.04.2005 - 06:53

Istanbul (rpo). In der Türkei warten die Medien und die Politiker gespannt auf die traditionelle Rede des amerikanischen Präsidenten zur blutigen Vertreibung der anatolischen Armenier im Jahr 1915. Es ist der 90. Jahrestag des Massakers und entscheidend für die Regierung in Ankara ist dabei, ob George W. Bush das Wort Völkermord in den Mund nimmt oder nicht.

Tut er es, ist das eine schmähliche Niederlage für die Türkei auf der internationalen Bühne, vermeidet er es mit Rücksicht auf den wichtigen Verbündeten im östlichen Mittelmeer, macht sich Erleichterung breit. Sogar das Wort "Vernichtung" - das in der Erklärung von George W. Bush im vergangenen Jahr vorkam - ist aus türkischer Sicht besser als "Völkermord".

Neunzig Jahre nach dem Beginn der Massaker und Todesmärsche, denen bis zu 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen, bleibt das Thema in der Türkei das große Tabu. Armenien und ein Großteil der internationalen Öffentlichkeit gehen im Gegensatz zur Türkei davon aus, dass die Regierung des Osmanischen Reiches 1915 gezielt die Vernichtung der Armenier anordnete.

Das "V-Wort"

Die Türkei sieht die Forderungen nach Anerkennung eines Völkermords als Versuch, sie international zu ächten und ihr womöglich sogar Gebiete im ehemals armenisch besiedelten Osten des Landes streitig zu machen. Zwischen der Türkei und dem Nachbarland Armenien gibt es keine diplomatischen Beziehungen, die gemeinsame Grenze ist geschlossen, erst seit kurzer Zeit gibt es eine direkte Flugverbindung zwischen Istanbul und Eriwan. Die türkischen Beziehungen zu Ländern wie Frankreich oder der Schweiz gerieten in den vergangenen Jahren in heftige Turbulenzen, weil deren Parlamente offizielle Resolutionen mit dem "V-Wort" verabschiedeten.

Doch Ankara wird das Thema nicht los. Kurz vor dem 90. Jahrestag des Beginns der Massaker, die mit Festnahmen in Istanbul am 24. April 1915 ihren Anfang nahmen, sieht sich die Türkei in der Armenierfrage unter verstärktem Druck. Politiker in der EU fordern, die Türkei solle sich ihrer Vergangenheit stellen. Außenminister Abdullah Gül erwähnte in einer Parlamentsrede in der vergangenen Woche ausdrücklich den Antrag der CDU/CSU im Bundestag in Berlin, der in dieser Woche auf die Tagesordnung kommen soll. Gül warnte die deutschen Parlamentarier davor, eine Entschließung im Sinne des Unionsantrags zu fassen: Das könnte den Beziehungen schaden.

Neuerdings belässt es Ankara nicht mehr bei politischen Warnungen. Mit neu veröffentlichten Dokumenten und Fotos will die Türkei den Beweis antreten, dass es sich bei den Massakern nicht um Völkermord handelte, sondern um eine Defensivaktion, die unter den Bedingungen des Ersten Weltkrieges - ungewollt - sehr viele Opfer forderte. So erklärte das türkische Staatsarchiv vor wenigen Tagen, im damaligen Osmanischen Reich seien zwischen 1910 und 1922 knapp 524.000 moslemische Türken von armenischen Banden getötet worden. Da die offizielle Türkei von rund 300.000 armenischen Opfern der Massaker ausgeht, sollen diese Zahlen das Argument unterstreichen, dass die osmanischen Behörden zum Handeln gezwungen waren.

Propagandaschlacht

Auch der türkische Generalstab leistet seinen Beitrag. Er veröffentlichte in den vergangenen Tagen Dokumente aus der Zeit des Ersten Weltkriegs - nach türkischen Zeitungsberichten befassen sich viele Unterlagen mit Angriffen von Armeniern auf Türken. Bilder von erschlagenen Kindern sollen dies weiter untermauern. Die Propagandaschlacht ist im vollen Gange.

Außenpolitisch versucht Ankara ebenfalls, das Heft in die Hand zu nehmen. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bot dem armenischen Präsidenten Robert Kotscharian vergangene Woche überraschend die Bildung einer gemeinsamen Expertenkommission an, die Archive beider Länder sowie anderer Staaten durchforsten und die Ereignisse des Ersten Weltkrieges bewerten soll. "Die Türkei ist bereit, ihrer Geschichte ins Auge zu sehen, die Türkei hat keine Probleme mit ihrer Geschichte", betonte Außenminister Gül. Aber das "V-Wort" und die Frage nach der Schuld der Türken werden weiterhin ausgeblendet. 

Quelle: afp

 
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