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Mindestens 96 Tote durch Explosionen
Nach dem Anschlag von Ankara steht der IS unter Verdacht

Proteste in Istanbul nach Anschlag von Ankara
Proteste in Istanbul nach Anschlag von Ankara FOTO: ap
Ankara. Drei Wochen vor der Parlamentswahl hat ein möglicherweise islamistisch motivierter Anschlag die Türkei in eine massive Krise gestürzt. Am Tag nach dem Attentat auf eine Friedensdemonstration mit mindestens 95 Todesopfern kamen am Sonntag tausende Menschen zum Gedenken an die Toten zusammen und übten scharfe Kritik an Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Laut Medienberichten verdächtigen die Ermittler Anhänger der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), den Anschlag verübt zu haben.

Um 10.04 Uhr Ortszeit erschütterten am Samstag zwei starke Explosionen die Umgebung des Hauptbahnhofs von Ankara. Auf Videoaufnahmen war zu sehen, wie Demonstranten tanzten, als plötzlich hinter ihnen eine gewaltige Explosion hochging. Am Ort des Anschlags lagen später dutzende Leichen am Boden, die notdürftig mit Fahnen und Transparenten abgedeckt wurden. Offiziell war am Sonntag von 95 Toten und 507 Verletzten die Rede, die Kurdenpartei HDP sprach sogar von 128 Toten.

Zu dem geplanten Friedensmarsch am Samstag hatte unter anderem die HDP aufgerufen. Ihr Chef Selahattin Demirtas sprach von einem "barbarischen" Angriff auf diejenigen, die Frieden im Land wollten. Er äußerte Zweifel, dass die Regierung von dem Anschlag überrascht wurde.

Die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete unter Berufung auf Polizeikreise, die verwendeten Sprengsätze glichen jener Bombe, mit der ein Selbstmordattentäter im Juli mehr als 30 Menschen in der Stadt Suruc an der syrischen Grenze getötet hatte. Für den Anschlag von Suruc am 20. Juli hatte die türkische Regierung den IS verantwortlich gemacht. Die Zeitung "Habertürk" berichtete, die Polizei betrachte Yunus Emre Alagöz, den 25-jährigen Bruder des Attentäters von Suruc als Hauptverdächtigen. Die Brüder hatten sich Medienberichten zufolge in Syrien dem IS angeschlossen und den Bau von Bomben erlernt.

Tote und Verletzte bei Explosionen in Ankara FOTO: afp, ADM/NB

Präsident Erdogan sprach von einem "abscheulichen Anschlag" auf die Einheit des Landes. Regierungschef Ahmet Davutoglu sagte, vermutlich hätten zwei Selbstmordattentäter den Anschlag verübt. Der Verdacht richte sich gegen die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die IS-Miliz oder Linksextremisten der DHKP-C. Innenminister Selami Altinok sprach von einem "Terrorakt" und wies Vorwürfe zurück, die Sicherheitskräfte seien nachlässig gewesen. Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus.

"Eine Demonstration, die Frieden fördern sollte, ist zu einem Blutbad geworden", sagte ein Demonstrant unter Tränen. Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte den Anschlag als "verabscheuungswürdig". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) brachte ihr "tief empfundenes Mitgefühl" zum Ausdruck. Auch US-Präsident Barack Obama kondolierte.

Bereits am Samstag machten bei Protestkundgebungen in mehreren türkischen Städten tausende Menschen die Regierung für den Anschlag mitverantwortlich. Allein in Istanbul beteiligten sich schätzungsweise 10.000 Menschen an einer Kundgebung. Spontane Demonstrationen wurden auch aus mehreren europäischen Ländern gemeldet.

Am Sonntag versammelten sich in Ankara in der Nähe des Anschlagsorts tausende Menschen zum Gedenken an die Opfer vom Vortag. Bei der Demonstration riefen Teilnehmer regierungskritische Slogans wie "Erdogan - Mörder" und forderten die Regierung zum Rücktritt auf.

Der Anschlag ereignete sich mitten im Wahlkampf für die vorgezogene Parlamentswahl am 1. November. Der Urnengang findet statt, nachdem Erdogans islamisch-konservative Regierungspartei AKP bei der Wahl im Juni ihre absolute Mehrheit verlor, während die HDP den Einzug ins Parlament schaffte. Koalitionsgespräche scheiterten danach.

Kurz nach dem Anschlag von Ankara gab die PKK-Dachorganisation Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK) bekannt, sie werde ihre Angriffe bis zur Parlamentswahl einstellen. Seit Juli wurden 140 türkische Sicherheitskräfte bei PKK-Anschlägen und 1700 kurdische Rebellen bei Armeebombardements getötet.

(AFP)
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