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Afrikanische Emigranten
Auf der "Sklavenpiste" nach Europa

Flüchtlingsdrama vor den Kanaren
Flüchtlingsdrama vor den Kanaren FOTO: AP
Düsseldorf (RP). Vom Senegal, quer durch die Sahara, übers Mittelmeer bis nach Europa: Auf klapprigen Lastwagen und überladenen Booten verlassen afrikanische Emigranten unter unvorstellbaren Strapazen ihre Heimat. Der italienische Reporter Fabrizio Gatti hat den mörderischen Treck mitgemacht, als kurdischer Flüchtling getarnt. Sein Bericht ist erschütternd. Von Matthias Beermann

Bilal ist ein Illegaler. Das heißt, eine Person ohne Rechte. Er ist einer von vielen, die unterwegs sind auf der berüchtigsten Transitstrecke von Afrika nach Europa. Dort wo ein Menschenleben nichts zählt. Bilal ist in Wirklichkeit Fabrizio Gatti, ein italienischer Reporter. Auf der Route, auf der schon vor 2000 Jahren Sklaven aus Schwarzafrika ins Römische Reich gebracht wurden, hat er sich unter deren moderne Nachfolger gemischt. Eine Reise, die viele nicht überleben, die vom Senegal quer durch Mali, Niger und Libyen führt.

Gattis Bericht, soeben in deutscher Übersetzung erschienen, schockiert wegen der Schilderung des menschlichen Leids, vor allem aber wegen der Grausamkeit, mit der die Flüchtlinge auf ihrer Reise drangsaliert, ausgeplündert und erniedrigt werden. Gewissenlose Schlepper und korrupte Polizisten wetteifern darum, den schutzlosen Reisenden auch noch ihre letzte Habe zu nehmen. Man begreift es schon auf den ersten Seiten von Gattis Buch: Der moderne Menschenhandel entlang der Flüchtlingstrecks ist ein ebenso brutales wie hochprofitables Geschäft. Die gefährlichste Etappe der Reise beginnt im nigrischen Agadez. Dort besteigt Gatti zusammen mit 200 Flüchtlingen einen jener uralten Lastwagen, die völlig überladen nach Libyen aufbrechen. Damit beginnt die Reise durch ein großes, heißes, staubiges Nichts: die Sahara. "Vor dem Lkw erstreckt sich eine endlose steinige und sandige Ebene. Unzählige Reifenspuren verlaufen kreuz und quer unter den Akazien, den Dornbüschen und den wenigen grünen Fettblattbäumen". Es wird das letzte Grün sein, das Gatti für lange Zeit sieht. Ein 20-Liter- Kanister mit Wasser ist sein kostbarster Besitz.

Schon nach einer halben Stunde Fahrt muss der Laster am ersten Kontrollposten anhalten. Drei Polizisten machen sich über die Passagiere her. Alle Fahrgäste müssen sich mit erhobenen Händen auf den Boden setzen. Zwei der Uniformierten "gehen zwischen den niedergebeugten Gestalten hin und her und streichen mit zwei großen Gummischläuchen über die Körper. Sie schreien irgend etwas in einer unverständlichen Sprache. Dann wiederholen sie den Befehl auf Englisch und Französisch. Nur zwei Worte: money und argent. Sie wollen Geld."

Wer nicht zahlen kann, wird erbarmungslos ausgepeitscht. Eine Stunde lang dauert die Tortur des Filzens und Prügelns, dann kann der Laster weiterfahren. 20 Passagiere dürfen nicht mehr einsteigen. Sie hatten nichts. Weder Geld noch Kleider oder Schuhe, mit denen sie die Polizisten hätten bestechen können. Zu Fuß machen sie sich auf den Rückweg nach Agadez, einige mit Tränen in den Augen. Vier bis fünf dieser Lastwagen verlassen jeden Tag Agadez, manche beladen mit über 300 Menschen. Ein Dutzend Polizeikontrollen warten auf sie und ebenso häufig Prügel und Diebstahl. Dazu Dreck, Krankheiten, Gestank und Todesangst im Sandsturm. Die Chauffeure kümmert das Schicksal ihrer menschlichen Fracht nicht besonders. Wer nach einer Pause die Abfahrt verpasst, bleibt eben zurück. Und manche Fahrer setzen ihre Passagiere auch einfach mitten in der Wüste aus. Sie haben ja schon im voraus bezahlt.

Viele der Reisenden merken erst jetzt, wie gefährlich diese Reise ist. Aber sie sehen keine Alternative. In ihrer Heimat gibt es keine Zukunft für sie. Die meisten sind jung, häufig sogar gut ausgebildet. Gatti lernt Wissenschaftler kennen, Lehrer, Krankenschwestern und Ingenieure. "Für ihre Hoffnung setzen sie ihr Leben aufs Spiel", schreibt Gatti. Für den Italiener ist die Reise an der libyschen Grenze zu Ende. Als Weißen lassen ihn die Posten nicht ins Land. Aber der Journalist will sein Projekt vollenden. Er kehrt nach Italien zurück und fliegt von dort aus auf die Insel Lampedusa, ein winziges italienisches Eiland zwischen Malta und der afrikanischen Küste. Dort verbrennt er seine Papiere, zieht eine verdreckte Rettungsweste an und lässt sich als kurdischer Flüchtling Bilal Ibrahim el habib an den Strand spülen. Was dann folgt ist womöglich noch erschütternder als Gattis Erlebnisse auf dem Flüchtlingstreck. Denn hier sind es europäische Wächter, die die Flüchtlinge demütigen, schlagen und ihnen die letzte Würde nehmen. Vor allem aber herrscht in dem Auffanglager völlige Willkür. Einige Flüchtlinge werden nach Afrika abgeschoben. Andere nach Sizilien gebracht.

Dort bekommen sie dann einen Ausweisungsbescheid, wonach sie binnen sechs Tagen das Land zu verlassen haben – eine Farce. Jeder weiß, dass die Männer sofort untertauchen werden. Und, so schreibt Gatti, ist es ja auch gedacht. Schließlich benötige die italienische Schattenwirtschaft stetigen Nachschub an billigen und willfährigen Arbeitskräften.

Für den Journalisten war es nach diesen Erlebnissen nicht leicht, wieder in sein europäisches Leben zurückzukehren. "Bilal zu werden war nicht schwer", schreibt er. "Es genügte, die Asche des verbrannten Ausweises mit der Schuhsohle zu zertreten. Aber seither ist Bilal nicht mehr von meiner Seite gewichen".

 
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