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Streit um Soldatendenkmal: Aufruhr in Estland

VON DORIS HEIMANN - zuletzt aktualisiert: 28.04.2007 - 13:33

Moskau (RP). Die Esten wollten in Tallinn ein sowjetisches Soldatendenkmal abreißen - es kam zu wilden Protesten der russischen Minderheit. Ein jugendlicher Demonstrant wurde getötet. Nun droht Moskau Estland.

Russlands Außenminister Lawrow wütet, die Esten hätten „die Gräber russischer Soldaten bespuckt“. Die Duma fordert Wirtschaftssanktionen, Einreiseverbote und den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Estland.

Gerade hat Wladimir Putin den Westen mit dem angedrohten Ausstieg aus dem KSE-Abrüstungsvertrag schockiert. Jetzt eskaliert nur einen Tag später ein Streit zwischen Russland und Estland. Der Anlass heißt „Aljoscha“.

So nennt der russische Volksmund die bronzenen Soldatendenkmäler, die einst in Großserie produziert wurden. Sie erinnern an die Befreiung vom Faschismus und wurden in vielen Städten aufgestellt - auch in Tallinn, das bis 1991 zur Sowjetunion gehörte.

300 Demonstranten festgenommen

Die estnische Regierung hat sich nun erdreistet, das Kriegerdenkmal abzureißen. In der Nacht zu gestern kam es deshalb in der Hauptstadt der Baltenrepublik zu den heftigsten Ausschreitungen seit der Unabhängigkeit. Ein russischsprachiger Jugendlicher wurde getötet, 43 Personen verletzt. Die Polizei nahm 300 Demonstranten in Gewahrsam.

Der Vorfall wirft ein bezeichnendes Licht auf das gespannte Verhältnis der Esten zu ihrer sowjetischen Vergangenheit und ihren russischen Nachbarn - aber auch zu der russischsprachigen Minderheit im eigenen Land, die 25 Prozent der Bevölkerung ausmacht.

Auf dem Platz im Zentrum von Tallinn, wo das Soldatendenkmal stand, sollte demnächst mit Ausgrabungen begonnen werden. Hier werden die sterblichen Überreste von sowjetischen Kriegsgefallenen vermutet. Die estnische Regierung wollte sie bergen, identifizieren und auf einen Friedhof umbetten. Dorthin sollte auch die 1947 errichtete Bronzestatue verfrachtet werden.

Offiziell, weil der Platz mit einer Bushaltestelle ein zu unruhiger Ort für die Toten sei. Der wahre Grund dürfte ein anderer sein. Der „Aljoscha“ in Tallinn diente als Treffpunkt für Kundgebungen pro-russischer Gruppen, die jedes Jahr am 9. Mai den Sieg der Sowjetunion über Nazi-Deutschland feiern. Das ist vielen Esten ein Dorn im Auge: Sie empfinden die Sowjet-Ära als eine Zeit der Unterdrückung.

Statue an geheimen Ort gebracht

Nach den Ausschreitungen wurde die Bronze-Statue an einen geheimen Ort gebracht. Mit den Ausgrabungen soll vorerst nicht begonnen werden. Estlands Präsident Ilves nannte die Demonstranten „Kriminelle“. Die Ausschreitungen hätten „nichts gemein mit der Achtung von den Gefallenen des II. Weltkriegs“.

Der Streit um das Denkmal war von Russland aus offenbar gezielt angeheizt worden. Die liberale russische Zeitung „Kommersant“ berichtet, eine Gruppe der kremltreuen Jugendorganisation „Naschi“ sei eigens nach Tallinn gereist, um beim Denkmalabriss dabei zu sein. Die Empfindlichkeit der Russen macht ein Wort des Sprechers des russischen Außenministers deutlich. Für ihn ist der Abriss des Kriegerdenkmals „Blasphemie.“


 
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