Offenbar mehr als 100 Tote in Libyen: Augenzeuge spricht von einem "Massaker"
zuletzt aktualisiert: 20.02.2011 - 14:43Tripolis/London (RPO). Bei den regierungskritischen Protesten in Libyen sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) seit Dienstag mindestens 104 Menschen getötet worden. Diktator Muammar El-Gaddafi ließ offenbar gezielt mit scharfer Munition auf Demonstranten schießen. Ein Augenzeuge spricht von einem Massaker.
Die Zahl beruhe auf Angaben von Medizinern und Augenzeugen, sagte der Direktor des HRW-Büros in London, Tom Porteous, am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. Wegen der schwierigen Kommunikation in das Land stelle die Zahl jedoch ein unvollständiges Bild der Situation dar. "Wir sind sehr besorgt, dass sich hinsichtlich der Menschenrechtssituation eine Katastrophe anbahnt", sagte Porteous.
Ein Krankenhausarzt aus Bengasi sprach sogar von mindestens 200 Demonstranten, die in den vergangenen Tagen getötet wurden. Die Leichen seien in seiner Klinik eingeliefert worden, sagte der Arzt, der namentlich nicht genannt werden wollte.
Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur AFP, die auf verschiedenen libyschen Quellen basieren, kamen in den vergangenen fünf Tagen bei den Protesten gegen die Regierung von Staatschef Muammar El-Gaddafi landesweit mindestens 77 Menschen ums Leben, die meisten davon in der östlichen Stadt Benghasi.
Erneuter Angriff auf Trauerzug
Libysche Sicherheitskräfte eröffneten am Sonntag nach Zeugenberichten erneut das Feuer auf Regierungsgegner. Ein Arzt in einem Krankenhaus in Bengasi sagte, mindestens eine Person sei während eines Trauermarsches erschossen worden. Weitere 14 seien durch Schüsse verletzt worden, fünf davon schwer, sagte der Arzt, der nicht namentlich genannt werden wollte.
Ein Mann, dem ins Bein geschossen wurde, berichtete, auf dem Weg zum Friedhof sei der Trauerzug gerade an einem Militärgelände vorbeigekommen, als das Feuer eröffnet wurde. Zuerst hätten die Sicherheitskräfte in die Luft geschossen, dann auf die Menschen.
Augenzeugen: Scharfschützen zielen auf Demonstranten
Auch bei anderen Protesten von Regierungsgegnern in Libyen sind wieder zahlreiche Menschen getötet worden. Augenzeugenberichten zufolge sind sie teilweise gezielt von Scharfschützen erschossen worden.
In der Hafenstadt Benghasi schossen am Samstag Einwohnern zufolge Heckenschützen der Sicherheitskräfte aus einem befestigten Gelände heraus auf Demonstranten. Dutzende Menschen seien getötet worden. Sie sollen auf Köpfe, Nacken und Rücken gezielt haben.
Die italienische Nachrichtenagentur Ansa zitierte einen Augenzeugen, wonach die Stadt nach den tagelangen Unruhen "völlig außer Kontrolle" sei. Einwohnern zufolge wurden allmählich die Lebensmittel knapp. Der arabische Fernsehsender Al-Dschasira berichtete zuvor von mindestens 15 Toten, als Sicherheitskräfte das Feuer auf eine Trauerfeier eröffnet hätten. Führende muslimische Geistliche des Landes riefen die Sicherheitskräfte auf, das gewaltsame Vorgehen gegen die Demonstranten zu beenden.
"Stoppt das Massaker jetzt"
"Dutzende wurden getötet, ...nicht 15, Dutzende. Wir befinden und mitten in einem Massaker", sagte ein Einwohner. Seinen Worten zufolge wurden die Demonstranten erschossen, als sie versuchten in die Kommandozentrale der Sicherheitskräfte einzudringen. Ein anderer Einwohner sagte, die Sicherheitskräfte hätten sich auf das Gelände der Einsatzleitung zurückgezogen. Ein Italiener berichtete der Agentur Ansa aus der Stadt, dass Regierungs- und Verwaltungsgebäude sowie eine Bank niedergebrannt worden seien. "Die Rebellen haben geplündert und alles zerstört", sagte der Augenzeuge. Nirgendwo sei Polizei zu sehen. Eine Gruppe muslimischer Geistlicher forderten die Sicherheitskräfte auf, dem Töten ein Ende zu machen. "Stoppt das Massaker jetzt", hieß es in ihrem Appell.
Das Gaddafi-Regime hat eine freie Berichterstattung schon vor Tagen unmöglich gemacht. Wie auch in Tunesien und Ägypten filmten Demonstranten die Ereignisse mit dem Handy und verbreiteten das Material über das Internet. Unter anderem ist zu sehen, wie Augenzeugen die Opfer der Schüsse aus Blutlachen ziehen. Ein anderer Handy-Reporter rennt um sein Leben. In einem Live-Blog berichtet der arabische Nachrichtensender Al Dschasira. Darin sind in Audio-Dateien die Schüsse und die Schreie der Menschen in Benghasi zu hören. Demnach setzten sich die Auseinandersetzungen am Sonntagmittag fort.
Pressezensur
Zuvor waren erneut Tausende Menschen im rund 1000 Kilometer östlich der Hauptstadt Tripolis gelegenen Benghasi auf die Straße gegangen, um gegen Staatschef Muamar Gaddafi zu demonstrieren. Bereits bei den Protesten in den vorangegangenen drei Tagen waren nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch mindestens 84 Menschen getötet.
Eine unabhängige Bestätigung für die Angaben gab es nicht. Ausländische Reporter sind nicht zugelassen, einheimischen Journalisten wurde die Reise nach Benghasi verwehrt, wo die Unterstützung für Gaddafi deutlich geringer als in anderen Landesteilen ist. Die Regierung äußerte sich nicht zu den Gewaltausbrüchen. Es sind die schwersten Unruhen in Gaddafis 40-jähriger Herrschaft. Wegen der Medienzensur ist das Ausmaß der Proteste aber nur schwer abzuschätzen. Zudem waren die Mobilfunkverbindungen in das Zentrum des Protests im Osten des Landes häufig unterbrochen. Auch wurde die Internet-Verbindung in Libyen gekappt.
Neue Proteste am Sonntag
Hunderte Libyer haben sich auch am Sonntag in Libyen wieder nach Augenzeugenberichten zu neuen Protesten vor einem Gerichtsgebäude in der Stadt Bengasi versammelt. Sie forderten den Sturz des langjährigen Staatschefs Muammar el Gaddafi.
Offenbar um die Regierungsgegner an Verabredungen zu weiteren Protestaktionen zu hindern, wurde das Internet am Samstag kurz vor Mitternacht erneut abgeschaltet, wie die amerikanische IT-Sicherheitsfirma Arbor Networks mitteilte. Bereits am frühen Samstagmorgen war der Internetbetrieb unterbrochen worden, mehrere Stunden später funktionierte er vorübergehend eingeschränkt wieder, bis er dann wieder unterbrochen war.
Westerwelle betont Demonstrationsrecht
Mit Blick auf die Proteste in einigen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens gegen die herrschenden autoritären Regierungen rief Außenminister Guido Westerwelle (FDP) am Sonntag in Berlin zur Achtung der Menschenrechte auf. Die Bundesrepublik stehe an der Seite von Demokraten, die für ihre Freiheit und Zukunft kämpften. Er appellierte an die Regierungen, "Demonstrationen aktiv zu schützen". Jede Gewalt müsse unterbleiben. Die Meschen dürften nicht niedergeknüppelt werden und schon gar nicht erschossen, was leider in einigen Ländern vorgekommen sei.
Proteste für Demokratie und soziale Reformen gab es am Samstag auch in Algerien, dem Jemen, in Bahrain, Oman und Kuwait sowie im Kleinstaat Dschibuti am Horn von Afrika.
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