Nach Anschlagsserie mit 160 Toten: Ausgangssperre in Bagdad verhängt
zuletzt aktualisiert: 24.11.2006 - 06:37Bagdad (RPO). Die tödlichste Anschlagsserie seit Beginn des Irak-Krieges hat in Bagdad rund 160 Menschen in den Tod gerissen. Das Innenministerium hat für die Stadt eine unbefristete Ausgangssperre verhängt.
Im schiitischen Stadtteil Sadr City verübten Attentäter drei Selbstmordanschläge und zwei Mörserangriffe, alle im Viertel-Stunden-Takt. Der schlimmste Anschlag ereignete sich auf einem belebten Gemüsemarkt.
Anderen Darstellungen zufolge wurde die Anschlagsserie mit acht mit Sprengstoff präparierten Autos durchgeführt, die nach Sadr City hineinfuhren. Vier der Autobomben seien explodiert.
Die Polizei bezifferte die Zahl der Toten auf 157 Menschen. Darüber hinaus gab es rund 260 Verletzte. Die Zahl der Opfer stieg im Laufe des Tages stündlich. Aufgebrachte Bewohner des überwiegend von Schiiten bewohnten Stadtteils rannten auf die Straßen und richteten lautstarke Flüche gegen die Sunniten, die sie für die Anschläge verantwortlich machten. Sie rächten sich umgehend, indem sie zehn Mörsergranaten auf die sunnitische Abu-Hanifa-Moschee abfeuerten, das höchste Heiligtum der Sunniten in Bagdad. Mindesten eine Person wurde getötet, 14 weitere Menschen wurden verletzt. Es entstand erheblicher Sachschaden.
Acht weitere Granaten wurden auf das Gebäude des Verbands der Muslimischen Gelehrten, der Dachorganisation der irakischen Schiiten, abgeschossen. Verletzt wurde hier niemand.
Sadr City ist die Hochburg der Mahdi-Miliz des radikalen schiitischen Predigers Muktada al Sadr. Seine Anhänger errichteten Straßensperren und verweigerten allen Fremden den Zutritt zu dem Stadtteil.
Ranghohe Politiker kamen zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, um über die schlechte Sicherheitslage zu beraten. An dem Treffen des Schiiten-Führers Abdul Asis al Hakim mit Präsident Dschalal Talabani, einem Kurden, und Vizepräsident Takik al Haschimi, einem Sunniten, nahm auch US-Botschafter Zalmay Khalizad teil. Anschließend traten die drei irakischen Vertreter gemeinsam im Fernsehen auf und ermahnten die Bevölkerung zur Ruhe. Al Haschimi verlas eine Erklärung, in der die Regierung aufgefordert wurde, die derzeitigen Sicherheitspläne für Bagdad zu überprüfen.
Kurz vor den tödlichen Anschlägen war es in Sadr City zu einer Offensive der amerikanischen und irakischen Streitkräfte gegen Aufständische gekommen. Dabei wurden vier Iraker getötet und acht weitere verletzt. Es gab fünf Festnahmen. In Sadr City explodierten in den vergangenen Monaten immer wieder Autobomben und andere Sprengsätze, hunderte Menschen kamen dabei ums Leben oder wurden verletzt.
Im Norden Bagdads versuchten etwa 30 mutmaßlich sunnitische Angreifer am Donnerstagmittag das Gesundheitsministerium zu stürmen. Sie beschossen das Gebäude mit Mörsern und lieferten sich heftige Kämpfe mit Wachleuten, wie aus Sicherheitskreisen verlautete. Mindestens sieben Wachleute wurden verletzt. Nach etwa drei Stunden wurden die Angreifer in die Flucht geschlagen, nachdem US-Hubschrauber und irakische Panzerfahrzeuge eingetroffen waren. Die Mitarbeiter des Ministeriums konnten das Gebäude, an dem leichter Sachschaden entstand, unversehrt verlassen. Andere Berichte sprachen von 100 Angreifern.
Das Weiße Haus wies unterdessen Berichte zurück, wonach sich US-Vizepräsident Dick Cheney am Donnerstag in Bagdad aufhielt. Cheneys einziger geplanter Besuch in der Region sei eine bereits angekündigte Reise nach Saudi-Arabien am (morgigen) Freitag, sagte Sprecher David Almacy in Washington. Das irakische Fernsehen hatte zuvor berichtet, Cheney sei in Bagdad - vermutlich um amerikanische Soldaten zum Thanksgiving-Fest zu besuchen.
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