Ägypten macht die Grenze dicht: Bange Stunden in Gaza
VON GIL YARON UND CHARLES A. LANDSMANN - zuletzt aktualisiert: 25.01.2008 - 10:31Düsseldorf/Gaza-Stadt (RP/RPO). Ägypten hat begonnen, die Grenze zum Gazastreifen wieder zu schließen. Polizeiketten hindern Palästinenser daran, wie in den vergangenen Tagen nach Ägypten zu kommen. Es soll erste Rangeleien gegeben haben. Steine fliegen, die Polizei gab Warnschüsse ab. Zuvor hatte Israel angekündigt, alle Verbindungen zu Gaza kappen zu wollen.
Zwei Tage nach der Sprengung von Breschen in die Sperranlagen wurden die offenen Übergänge von Polizisten abgeriegelt. Die Beamten ließen nur zurückkehrende Palästinenser in den Gazastreifen. Es kam zu Rangeleien. An der Einreise gehinderte Bewohner des Gazastreifens warfen mit Steinen, die Polizisten gaben Warnschüsse ab.
Seit Mittwochmorgen hatten mehrere zehntausend Palästinenser die geöffnete Grenze nach Ägypten überquert, um Nahrungsmittel, Benzin und Zigaretten zu kaufen oder um Verwandte zu besuchen. Die USA und Israel drängten Ägypten, die Grenze wieder zu schließen, um Waffenlieferungen an die im Gazastreifen regierende radikal-islamische Hamas zu unterbinden. Bei den Einheimischen konnte die Organisation mit dem Grenz-Coup jedoch punkten.
Keiner will Gaza
Israel erwägt indes, sämtliche Verbindungen zu Gaza zu kappen. Was aus den Menschen in dem Gebiet werden soll, ist bislang ungeklärt. Der stellvertretende israelische Verteidigungsminister Matan Wilnai erklärte: „Wenn der Gazastreifen nach der anderen Seite offen ist, haben wir nicht mehr die Verantwortung dafür. Daher wollen wir uns davon abtrennen.“
Dies bedeutet nach Wilnais Worten, dass die Versorgung des Gebietes mit Strom, Wasser und Medikamenten aus Israel eingestellt werden soll. All dies könnte von anderen geliefert werden. „Wir sind nur dafür verantwortlich, solange wie es keine Alternative gibt“, sagte er. Die Blockade begründet Israel mit dem anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen.
Uralter Traum
Ein Sprecher der Hamas verurteilte die Überlegungen als Versuch, das Westjordanland vom Gazastreifen zu trennen. Dort hatte die Gruppe im Sommer die Macht an sich gerissen.
Die Trennung vom Gazastreifen und seinen 1,5 Millionen palästinensischen Bewohnern ist ein alter Traum israelischer Politiker. Vor zwei Jahren hatte Israel 22 jüdische Siedlungen in Gaza geräumt, um sich der Verantwortung für den Landstrich zu entledigen. Doch Gaza blieb wirtschaftlich abhängig. Sämtliche Treibstofflieferungen und 65 Prozent der Stromversorgung kommen aus Israel, das seit 1967 der wichtigste Handelspartner und Tor zur Welt ist. Alle internationalen Hilfsorganisationen, die rund 70 Prozent der Bevölkerung Gazas versorgen, haben ihren Sitz in Israel. Das soll nun ein Ende haben.
Esakalation möglich
Als erstes stellte Israel am Donnerstag die Treibstofflieferungen ein mit der Begründung, die Palästinenser hätten sich ja im Sinai mit Benzin eingedeckt. Die Ereignisse an der Grenze hätten bewiesen, dass Ägypten die Verantwortung für Gaza durchaus übernehmen könne, triumphierten hochrangige Kreise im Verteidigungsministerium.
Das hörte man in Kairo nicht gern: „Die Lage an der Grenze wird bald wieder normalisiert“, erklärte das Außenministerium. Israel bleibe in der Pflicht. Schon Donnerstag Nachmittag gab es erste Zusammenstöße zwischen ägyptischen Grenzschützern und den Massen, die ohne Pass durch die Löcher im Grenzzaun den Sinai besuchen wollten. Am Freitag droht nun die Lage zu eskalieren.
Neue Realität
Ägypten hat bereits mit einer mächtigen islamischen Oppositionsbewegung zu kämpfen. Niemand will hier auch noch Verantwortung für die unkontrollierbare Hamas übernehmen. Doch solange die Grenze zum Sinai offen bleibt, wollen die Israelis ihre Seite der Grenze hermetisch abriegeln.
On es Kairo gelingt, unter diesen Umständen die Grenze zum Sinai dauerhaft zu schließen, ist offen. Die nächtliche Aktion der Hamas hat eine neue Realität geschaffen. Es könnte durchaus sein, dass 40 Jahre, nachdem israelische Truppen Ägypten vom Sinai vertrieben, Kairo erneut in den Landstrich gesogen wird.
Der Coup der Hamas
Der Coup an der Grenze bringt der Hamas einen deutlichen Sympathiezuwachs im innerpalästinensischen Machtkampf mit der Fatah von Präsident Mahmud Abbas. Die weltweites Aufsehen erregende Aktion in Rafah wurde von der Hamas Monate lang vorbereitet und stellte keineswegs eine spontane Reaktion auf die vor über einer Woche von Israel verhängte totale Abriegelung des überbevölkerten Küstenstreifens dar.
Die Hamas-Führung beriet während Monaten über Aktionen gegen den immer würgender werdenden Boykott des Gazastreifen, die über die üblichen Medienauftritte und diplomatischen Initiativen hinausgehen sollten.
Wie viele der 1,44 Millionen Einwohner des Gazastreifens tatsächlich auf ägyptisches Gebiet gelangten, ist ungewiss. Israelische Sicherheitskreise sprachen von „weniger als 100.000“, die Palästinenser selbst von 200.000 bis 350.000.
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