Serie: Leben in der Mittelschicht (4): Belgier: Stolz aufs eigene Heim
VON ANJA INGENRIETH - zuletzt aktualisiert: 15.04.2007 - 17:31Brüssel (RP). Mutter Rosso ist Wallonin, der Vater ein Flame. Die Familie fühlt sich aber selten als belgisch. Sie lebt in einem innerlich zweigeteilten Land, in dem eine breite Mittelschicht dominiert.
Richtig belgisch fühlt sich Cécile Rosso nur, wenn das „Rote Teufel“ genannte Nationalteam kickt oder sich im Königshaus Nachwuchs ankündigt. „Der Fußball und die Monarchie - das hält uns zusammen“, sagt die 43-jährige Wallonin. Politisch, kulturell und emotional zerfällt das Land in zwei Teile - die frankophone Wallonie und das eher angelsächsisch geprägte Flandern. Daran gemessen ist die Familie Rosso ziemlich belgisch. Denn Céciles Ehemann Eric ist Flame.
Vor gut einem Jahr haben die beiden für 125.000 Euro ein Häuschen mit Garten im winzigen Rebecq, 30 Kilometer von Brüssel entfernt, in Wallonisch-Brabant erstanden. „800 Euro im Monat abbezahlen, das ist nicht mehr, als uns die Miete gekostet hätte“, sagt Cecile. Hausbesitz ist den ansonsten nicht auf Statussymbole bedachten Belgiern wichtig - von der Putzfrau bis zum Professor. Die Armutsrate bewegt sich auch dank eines gut ausgebauten Sozialsystems auf niedrigem Niveau.
Das Land ist eins der Mittelschicht, zu der vom Vorarbeiter in der Automontagefabrik bis zum Arzt so ziemlich alle gehören. Auch Cécile. Sie arbeitet ein paar Kilometer entfernt im Schulbereich der Gemeindeverwaltung von Nivelles, Gatte Eric im Einkauf eines belgischen Einzelhandelsunternehmens. „Mit einem Verdienst kämen wir nicht über die Runden“, sagt sie.
Rabenmütter gibt es nicht
Doch nicht nur deswegen wäre die Wallonin nie auf den Gedanken gekommen, ihren Job aufzugeben, als sie vor fast sechs Jahren schwanger wurde. „Wegen eines Kindes nicht mehr zu arbeiten, das kommt hier einem Eingeständnis des Scheiterns gleich“, meint Cecile.
Rabenmutter? Weder das Wort, noch das Konzept dahinter existiert im Nachbarland. Es gilt als normal, erst eine Woche vor der Geburt auszusteigen und sechs Wochen danach wieder am Schreibtisch zu sitzen.
Im Alter von 15 Wochen gab Cécile ihren Sohn Thomas zu einer behördlich kontrollierten Tagesmutter. Ab drei Jahre gibt es den nahtlosen Anschluss mit flächendeckendem Angebot an kostenlosen Ganztagskindergarten-Plätzen. Die meisten Einrichtungen bieten zusätzlich gegen Bezahlung eine Vor- und Nachbetreuung für Eltern mit ungünstigen Bürozeiten an.
Cécile nutzt dies gerne, holt Thomas nach Arbeitsschluss um 17.30 Uhr ab. Wenn sie heimkommt, geht‘s sofort in die Küche. „Butterbrote sind tabu. Wenn ich nicht ordentlich koche, dann fühle ich mich als schlechte Mutter und Ehefrau.“ Danach darf Thomas vor dem Zubettgehen noch ein paar Minuten „Asterix“ auf DVD gucken, während die Mama aufräumt und die Kleidung für den Morgen herauslegt.
Statistiken zufolge verbringen belgische Mütter täglich im Schnitt weniger als zwei Stunden mit ihren Kindern unter sieben Jahren. Bei Cécile ist das ähnlich. Sie bedauert dies manchmal, kennt es aber nicht anders. „Die Frauenerwerbsquote ist hoch, fast überall gilt das Prinzip 50:50 bei der Jobbesetzung. Wir sind emanzipiert.“ Der Preis sei allerdings hoch. „Jetzt bleibt alles an uns Frauen hängen.“
Deshalb wünscht sich Cécile mehr Teilzeitstellen und eine stärkere Einbindung der Väter in Erziehung und Hausarbeit. Wenigstens die Wäsche gibt sie mittlerweile zum Bügeln weg. Damit ein bisschen Zeit für ihr Hobby, die Malerei, bleibt.
Planung ist alles
Perfekte Planung ist nicht nur im Alltag, sondern vor allem beim Urlaub gefragt. Cécile hat 26 Tage Arbeitstage im Jahr frei, ihr Mann ebenfalls. Allein die Sommerferien dauern jedoch acht Wochen. Da ist ein großes Netz aus Verwandten und Freunden nötig, die reihum Kinder hüten. Außerdem bieten Verbände Camps an. Dort wandeln die Kids eine Woche auf den Spuren der Indianer, bauen Baumhäuser oder basteln. Angebote gibt es viele - alles eine reine Geldfrage.
Ein paar hundert Euro sind für fünf Werktage schnell weg. „Wenn wir Thomas vier oder fünf Wochen unterbringen müssen, reicht es gerade noch für den Familienurlaub“, sagt Cécile. Tauschen möchte sie dennoch mit niemandem. Glück ist für sie, so zu leben, wie sie es tut - mit der ein oder anderen kleinen Auszeit. So wie beim Cluburlaub in Marokko im vergangenen Sommer. „Da waren Kinderbetreuung und Vollpension inklusive. Ich konnte tun, wozu ich Lust hatte. Das nenne ich totale Freiheit.“- RP ONLINE
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