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Angeblich Bekennerschreiben an El Dschasira: Bericht: El Kaida bekennt sich zu Terror in Istanbul

zuletzt aktualisiert: 16.11.2003 - 22:51

Istanbul (rpo). Das Terrornetzwerk El Kaida hat sich angeblich zu den Anschlägen von Istanbul bekannt. Dies gab der arabische Fernsehsender El Dschasira bekannt. Die türkischen Behörden suchen indes weiterhin nach aussagekräftigen Hinweisen.

Die Erklärung der Abu-Hafs-el-Masri-Brigaden ging den Angaben zufolge per E-Mail bei der in London erscheinenden Zeitung "Al-Quds Al-Arabi" ein. Eine Kopie lag der Nachrichtenagentur AP vor. Darin wird auch mit weiteren Anschlägen gedroht.

Die Abu-Hafs-el-Masri-Brigaden werden von der Zeitung als Teil der El-Kaida-Bewegung bezeichnet. In dem Schreiben heißt es, die Gruppe habe die Anschläge verübt, weil sie davon erfahren habe, dass sich in den Synagogen fünf Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad aufhielten. In dem Schreiben wird auch gefordert, dass die USA die in Guantanamo auf Kuba inhaftierten arabischen Gefangenen frei lassen. US-Präsident George W. Bush wird gewarnt, dass sich Anschläge in Zukunft auch direkt gegen die USA richten würden.

Die Abu-Hafs-el-Masri-Brigaden haben sich in der Vergangenheit schon drei Mal in Bekennerschreiber an die Zeitung gewandt. So bekannte sich die Gruppe auch zum Anschlag auf das UN-Gebäude in Bagdad. In Washington hieß es dazu, es sei nicht möglich, die Echtheit dieser Erklärung zu bestätigen. Es sei auch unklar, ob diese Gruppe überhaupt existiere und ob sie Beziehungen zur El Kaida habe.

Nach den verheerenden Terroranschlägen auf zwei Synagogen in der Metropole Istanbul mit 23 Toten verdichten sich die Hinweise, dass die Autobomben von Selbstmordattentätern gezündet wurden. Die Anschläge wurden am Samstag, dem jüdischen Sabbat, nahezu zeitgleich gegen die Neve-Schalom- und die Beth-Israel-Synagoge im europäischen Teil der 12-Millionen-Stadt verübt. Nach offiziellen Angaben waren unter den Todesopfern mehrere jüdische Gläubige. Mehr als 300 Menschen, meist Anwohner oder Passanten, wurden verletzt. Die Anschläge riefen weltweit Empörung hervor.

Fundierte Hinweise auf die Täter und Hintermänner der verheerenden Explosionen, die ganze Straßenzüge verwüsteten, gab es zunächst nicht. "Noch haben wir nichts Konkretes", sagte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der sich am Sonntag zusammen mit dem israelischen Außenminister Silwan Schalom ein Bild von Zerstörungen im Umkreis einer der beiden Synagogen im Istanbuler Stadtbezirk Beyoglu machte. Nach türkischen Medienberichten wurden vier Verdächtige, darunter eine Frau, festgenommen und von Anti- Terror-Spezialisten verhört, später jedoch wieder freigelassen. Es bestehe keine Verbindung zu den Attentaten, hieß es.

Hautstruktur weist auf Araber hin

Kriminaltechnische Untersuchungen am Ort der Explosionen ergaben, dass die beiden Lieferwagen mit jeweils 300 bis 400 Kilogramm Sprengstoff beladen waren. Dabei soll es sich um eine hochexplosive Mischung aus dem Düngemittel Ammoniumsulfat sowie Nitrat und anderen Beigaben gehandelt haben. Die großen Kanister waren zur Tarnung in Säcke gehüllt und unter Waschmittelpaketen versteckt. Hautfetzen, die am Lenkrad von einem der Fahrzeuge sichergestellt wurden, ordneten Gerichtsmediziner einem von zwei Männern zu, von denen nur noch Leichenteile gefunden wurden. Die Hautstruktur lasse zudem darauf schließen, dass die mutmaßlichen Attentäter Araber gewesen sein könnten, verlautete aus der Gerichtsmedizin.

Nur wenig Beachtung schenkte die Regierung einem anonymen Bekenneranruf, in dem die militante islamistische Gruppe "Front der Vorkämpfer für den Großen Islamischen Osten" (IBDA/C) die Anschläge als Racheakt für die "Unterdrückung der Moslems" ausgab. Die Gruppe ist in der Türkei seit geraumer Zeit nicht mehr in Erscheinung getreten.

Zwei Meter tiefer Krater

Vor der Neve-Schalom-Synagoge, dem geistigen Zentrum der 25 000 in Istanbul lebenden Juden, riss die Wucht der Explosion einen zwei Meter tiefen Krater. Zum Zeitpunkt der Explosion fand in der von etwa 300 Gläubigen besuchten Synagoge eine Bar Mizwa-Feier (Einführung von Jungen in die jüdische Glaubensgemeinschaft) statt. Die nach einem früheren Anschlag verstärkte Außenfassade wurde schwer beschädigt. Das Gotteshaus war zuletzt am 6. September 1986 Ziel eines schweren Anschlags, bei dem 22 jüdische Gläubige und zwei Arabisch sprechende Attentäter getötet worden waren.

Die Beth-Israel-Synagoge im Nachbarbezirk Sisli, in der sich wegen einer feierlichen Einweihung die Spitze der türkisch-jüdischen Gemeinde aufhielt, stürzte durch die heftige Detonation teilweise ein. Der Großrabbiner von Istanbul, Isak Haleva, sowie einer seiner beiden Söhne wurden dabei verletzt. Bilder des Grauens boten die Straßen im Umkreis der beiden Synagogen mit von Blut überströmten verletzten Menschen sowie Toten und Leichenteilen in Rauch und Trümmern. Aus geborstenen Gasleitungen loderten Flammen. Von den 300 Verletzten wurden am Sonntag noch 71 stationär behandelt. Vier von ihnen waren nach Angaben der Krankenhäuser in einem ernsten Zustand.

"Terrorakt gegen die Menschlichkeit"

Der türkische Ministerpräsident Erdogan sprach von einem "Terrorakt gegen die Menschlichkeit". In Europa wurden die Anschläge von Paris bis Moskau ebenfalls scharf verurteilt. US-Präsident George W. Bush sicherte der Türkei "entschlossenen" Beistand im Kampf gegen den Terrorismus zu. Die Attacken gegen die jüdische Gemeinschaft in der Türkei erinnerten daran, "dass unser Feind im Kampf gegen den Terror ohne Rücksicht, ohne religiösen Glauben ist", sagte Bush.

Israels Ministerpräsident Ariel Scharon bekundete am "völliges Vertrauen", dass die türkischen Sicherheitskräfte die Urheber der Autobomben-Anschläge ergreifen werden. "Der gestrige Tag hat wieder einmal gezeigt, dass der Terrorismus keine Grenzen kennt", erklärte Scharon am Sonntag. Sein Außenminister Schalom sagte in einem Telefoninterview mit israelischen Medien, Terrorismus sei kein begrenztes israelisches Problem mehr, sondern bedrohe Demokratien weltweit. Zuvor hatte Schalom "anti-israelische Trends" in Europa indirekt für den Anschlag verantwortlich gemacht.

Schröder spricht Mitgefühl aus

Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach dem türkischen Volk sein "tiefes Mitgefühl" aus. Bundesaußenminister Joschka Fischer nannte die Anschläge "verbrecherische Terrorakte". Der französische Staatschef Jacques Chirac bezeichnete sie als "Akt der Barbarei" Papst Johannes Paul II. rief zur Mobilisierung "für den Frieden und gegen den Terrorismus" auf.


 
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