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Bilderberg-Treffen in Tirol
Hochamt für Verschwörungstheoretiker

Strengste Sicherheitsvorkehrungen bei Bilderberg-Konferenz
Strengste Sicherheitsvorkehrungen bei Bilderberg-Konferenz FOTO: afp, agz
Düsseldorf. Das Bilderberg-Treffen gilt als Geheim-Club der Mächtigen. Dort diskutieren unter dem Siegel der Verschwiegenheit Spitzenpolitiker, Industrie-Chefs und Wissenschaftler über die Entwicklung der Welt. Manche sehen den Zirkel als wahren Beherrscher der Erde.

Es sind Spitzenpolitiker, Regierungschefs, Top-Manager aus der Industrie und hochrangige Wissenschaftler, die diese Konferenz zusammenbringt. In diesem Jahr findet sie bis zum kommenden Sonntag in einem Luxushotel in den österreichischen Bergen statt.

Alle Teilnehmer müssen zusichern, dass von dem Treffen nichts an die Öffentlichkeit gelangt. Öffentliche Erklärungen gibt es ebenso wenig wie eine Pressekonferenz. Alles bleibt innerhalb der Mauern des "Interalpen-Hotel Tyrol" in Telfs-Buchen.

Ehrlichkeit statt Transparenz

Zwar zählen gelegentlich auch Journalisten zu den rund 140 Auserwählten. Doch sind auch sie angehalten zu schweigen. Lediglich für ihr Hintergrundwissen dürfen sie etwa von der Tagung mitnehmen, es aber auf keinen Fall öffentlich mit Personen in Verbindung bringen. Mitunter sollen Reporter auch schon abgehört worden sein, auch von Einschüchterungsversuchen ist zu lesen.

Zehn abstrus-populäre Verschwörungstheorien

Die Gruppe, die 1954 auf Initiative des niederländischen Prinzen Bernhard gegründet wurde und nach ihrer ersten Tagungsstätte benannt ist, will "den Dialog zwischen Europa und Nordamerika" befördern. Die Geheimnistuerei dient den Organisatoren zufolge einzig und allein dem Zweck, sich offen und ohne falsche Rücksichtnahme austauschen zu können. Anders als bei öffentlichen Gipfeln seien die Teilnehmer weder durch ihre Funktionen gebunden, noch durch öffentlich formulierte Positionen.

Transparenz gilt hier als Hindernis, weil sie Ehrlichkeit einschränkt. Die Vertraulichkeit der Konferenz erlaube den Teilnehmern, "zuzuhören, nachzudenken und Erkenntnisse zu sammeln", erklären die Organisatoren.

Namhafte Gäste

Freilich ist nicht alles geheim. Sowohl Themen als auch die Namen der Teilnehmer sind fein säuberlich auf der Homepage aufgelistet. In der Regel schlagwortartig und ohne Erläuterungen. Im Jahr 2015 geht es um Griechenland, den Iran, Russland, Terrorismus, aktuelle Wirtschaftsfragen, künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, die Bedrohung durch Chemiewaffen und die US-Wahlen. Klimawandel, Dritte Welt oder Frauenrechte spielen im Gegensatz zum G7-Gipfel in Elmau keine Rolle.

Angemeldet zu dem Tiroler Gipfel sind Österreichs Präsident Heinz Fischer, Belgiens Ministerpräsident Charles Michel, sein niederländischer Kollege Mark Rutte, Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem, Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Hinzu kommen aus der Wirtschaft der Google-Chef Eric Schmidt, der Airbus-Vorstandsvorsitzende Thomas Enders, John Elkann vom Autohersteller Fiat Chrysler und Michel O'Leary von der Billigfluglinie Ryanair.

Zudem finden sich unter den rund 140 Teilnehmern ehemalige Spitzenpolitiker wie der einstige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, der ehemalige CIA-Direktor David Petraeus und der einstige Weltbank-Direktor Robert Zoellick.

Heimliche Bündnisse

Doch macht die Heimlichtuerei in den Bergen misstrauisch. Kritiker bezichtigen die Bilderberg-Gruppe seit langem, bei ihren Konferenzen wichtige politische und wirtschaftliche Entscheidungen ohne demokratische Legitimation und öffentliche Kontrolle zu treffen. Andere Kritiker werfen der Gruppe vor für eine ultra-liberale Ausrichtung der Globalisierung einzutreten.

Wie einmal der "Spiegel" treffend notierte, erinnert die Runde an Zirkel, wie sie früheren Jahrhunderten einmal üblich waren. Als mächtige Männer heimliche Bündnisse schmiedeten, Wirtschaftsmärkte untereinander aufteilten und ihre Machtbereiche sortierten. Entsprechend groß ist der Widerhall traditionell bei notorischen Verschwörungstheoretikern.

Merkels Kanzlerschaft und andere

Provoziert durch die Heimlichkeiten des Treffens entstehen traditionell wilde Gerüchte über die vermeintlichen wahren Beweggründe und Absprachen. Aktuell ist etwa die These in Umlauf, dass die Eliten nun den Ausbruch von Unruhen anstiften wollen, um daraufhin ein neues, totalitäres Herrschaftssystem aufzubauen.

Wer mag, begnügt sich auch mit kleineren Beschlüssen. Manchmal wird in Bilderberg eben nicht gleich die Macht über die ganze Welt vergeben, sondern nur Deutschland. Durch den Besuch von Ursula von der Leyen hat daher die Theorie der Kanzlernachfolge Auftrieb. Starkes Argument: Das war schon immer so.

Als Kronzeugin dient Merkel. Im Mai 2005 durfte sie zur Bilderberg-Tagung, damals in Rottach-Egern in Oberbayern. Sechs Monate später war sie Kanzlerin. 1980 war Helmut Kohl zu Gast und übernahm zwei Jahre später die Regierungsgeschäfte. Dessen Vorgänger Helmut Schmidt besuchte das Geheimtreffen 1973 und wurde im Jahr darauf Kanzler.

"Ausgemachter Blödsinn"

Wie es Gerhard Schröder 1998 bis ins Kanzleramt gebracht hat, bleibt vermutlich auch für die Bilderberg-Deuter ein Rätsel. Kleine Pointe: Auch Schröder war 2005 in Rottach-Egern dabei. Der flog zwar aus dem Kanzleramt, heuerte aber bekanntlich kurz danach bei Gazprom an. Aus Sicht entschlossener Verschwörungs-Aufdecker ein klarer Fall. "Es ist alles ein ausgemachter Blödsinn, was sich um die Bilderberg-Konferenz rankt", zitierte der "Spiegel" einmal den "Zeit"-Journalisten Matthias Naß, der mehrfach an Bilderberg-Konferenzen teilnahm und zum engeren Kreis zählt.

Nicht weniger als 2100 Polizisten in Österreich und 300 deutsche Kollegen sichern das Treffen bei Innsbruck ab. Der Tagungsort ist bis Sonntag im Umkreis von 25 Kilometern abgeriegelt.

Die Gespräche dürften spannend werden - die Öffentlichkeit wird davon aber nichts weiter erfahren.

(AFP)
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