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Binnenflüchtlinge aus dem Osten des Landes
Ukrainer helfen Ukrainern

Binnenflüchtlinge aus dem Osten: Ukrainer helfen Ukrainern
Eine Frau mit ihren Kindern, die aus der Ost-Ukraine geflohen ist, hat in einer provisorischen Flüchtlingsunterkunft in Slawjansk Zuflucht gefunden. Wie sie haben Tausende die umkämpfte Region im Osten des Landes verlassen. Sie sind häufig auf die Hilfe von Freiwilligen und auf Spenden angewiesen. FOTO: dpa
Kiew. Weil der Staat überfordert ist, engagieren sich Freiwillige für die Flüchtlinge aus dem Osten des Landes. Darunter sind viele Frauen. Von Pauline Tillmann

Lesya Litwinowo mag es nicht, wenn viel geredet wird. Denn Lesya ist eine Frau der Taten. In ihre kurzen roten Haare schiebt sie eine grün umrandete Sonnenbrille und rennt von einem Container zum anderen – immer mit einem Ohr am Handy. Die 40-Jährige koordiniert das Freiwilligenzentrum "Froliwska 9/11" in der Nähe der Kiewer Metrostation "Kontroktowa Ploscha". Eigentlich ist sie Regisseurin, aber in diesen Zeiten ist ihr nicht nach Filmen. Lieber engagiert sie sich seit eineinhalb Jahren – gemeinsam mit 20 anderen Freiwilligen – für Binnenflüchtlinge aus der Ost-Ukraine.

Lesya Litwinowo ist eine der Koordinatoren im Freiwilligenzentrum. Als die Gefechte im Sommer 2014 in Lugansk und Donezk losgingen, strömten täglich Tausende Menschen in die Hauptstadt Kiew – und damit auch zu Lesya Litwinowo. Denn im Freiwilligenzentrum bekamen sie dringend benötigte Kleidung, Hygieneartikel, Geschirr, Medikamente und Bettwäsche. Inzwischen kommen nur noch 50 bis 70 Menschen am Tag. Doch auch die sind bedürftig. Sie bekommen einen Coupon, mit dem sie sich zum Beispiel ein frisches Hemd oder Spielsachen aussuchen dürfen.

Krieg in Ost-Ukraine dauert schon fast zwei Jahre

Die größten Probleme, so Lesya, gebe es mit Wohnraum und der medizinischen Versorgung. "Die ukrainische Regierung ist nicht bereit, das soziale Niveau anzuheben", sagt sie nüchtern. Deshalb sind vor allem Rentner, Behinderte, Waisen und Familien mit vielen Kindern auf externe Hilfe angewiesen. Die Koordinatorin erzählt von einem Kinder-Sommerlager im vergangenen Jahr, das auf dem neu geschaffenen Spielplatz veranstaltet wurde. Daraus entstand auch ein "Kinderclub", den die Kinder am Wochenende besuchen. Derzeit werden darüber hinaus Computerkurse für Erwachsene angeboten, ein Seniorenclub soll bald dazukommen.

"Inzwischen hat auch der Letzte begriffen, dass dieser Konflikt nicht so bald vorbei sein wird", sagt Lesya Litwinowo. Deshalb müsse man alles dafür tun, damit die Menschen aus der Ost-Ukraine wirklich in Kiew ankommen und sich wohlfühlen. Sie erklärt, dass man nicht alle Bedürfnisse befriedigen könne, aber in Notfällen finde sich immer irgendwo Unterstützung – und das, obwohl der Krieg in der Ost-Ukraine nun schon fast zwei Jahre dauert und die Kiewer Bevölkerung spürbar des Spendens müde ist. Lesya Litwinowo hat vier Kinder, das älteste ist 19 Jahre alt, das jüngste zwei. Sie sagt: "Meine größte Motivation besteht darin, dass meine Kinder nicht ins Ausland abhauen. Wir müssen jetzt einen neuen Staat errichten, damit wir es schaffen, sie hierzubehalten."

Im Keller stapeln sich die Medikamentenspenden

Am anderen Ende der Stadt sitzt Elena Klamitschuk vor ihrem kleinen Tisch und delegiert mit strengem Ton einen Postboten, der ein Paket bringt. In dem braunen Pappkarton befinden sich Pumpen und Schwämme. Die 38-Jährige engagiert sich als Freiwillige im Krankenhaus Nr. 17 – dessen Ärzte haben am 18. Februar 2014 mehr als 500 Verletzte in der Nähe des Maidan versorgt. Bei den Gefechten auf dem und um den Unabhängigkeitsplatz, den Brennpunkt der Revolution, sind damals mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen.

Im Keller des Krankenhauses hat man im Anschluss daran ein Zimmer freigemacht, wo sich Medikamentenspenden aus dem Ausland bis unter die Decke stapeln. Bevor Elena Klamitschuk angefangen hat, hier mit anzupacken, arbeitete sie als Bürokraft. Doch das könne sie sich inzwischen nicht mehr vorstellen: "Ich kann das alles nicht einfach hinschmeißen, denn einer muss das hier machen." Sie fühle sich gebraucht. Nur deshalb komme sie dreimal in der Woche her, um die ankommenden Spenden an 40 Krankenhäuser in der ganzen Ukraine zu verteilen.

Auf wenigen Quadratmetern stapeln sich ungezählte Kartons. In den Kisten um sie herum befinden sich Medikamente, Katheter, Einmalhandschuhe und Spritzen. Gerade Soldaten, die an der Front kämpfen und operiert werden müssen, kommen diese Spenden zugute. Ganz zu Anfang sorgte die ukrainische Diaspora in Berlin für die erste Lieferung. Danach haben sich immer mehr ausländische Stiftungen an der Finanzierung von Medikamenten beteiligt.

Im August 2015 schickte ein US-amerikanischer Fonds sogar einen ganzen Container voller Material. "Täglich gibt es neue Verletzte", stellt Elena Klamitschuk fest, "denn die Kämpfe gehen trotz offiziellem Waffenstillstand weiter." An der Frontlinie sollen allein auf der ukrainischen Seite immer noch mehr als 40.000 Soldaten und Freiwillige postiert sein. Ein Abzug der Truppen ist derzeit jedenfalls nicht in Sicht.

Kein Geld für neue Apparaturen

Klamitschuk kümmert sich derweil nicht nur um die Kämpfer, sondern auch um die vielen Zivilisten. "Das größte Problem sind chronische Erkrankungen wie Asthma, Krebs, Diabetes, Epilepsie." Die Menschen, die hierherkommen, haben meist kein Geld für teure Medikamente.

Eigentlich werden die staatlichen Krankenhäuser mit Mitteln aus dem Staatsbudget versorgt. Doch wenn es sich um besonders teure Medikamente handelt - oder eben mehr als gewöhnlich –, kommen die Kliniken an ihre Grenzen. Außerdem gibt es kein Geld für neue Apparaturen. Deshalb ist man froh, wenn man immer mal wieder dank des Engagements ausgewanderter Ukrainer ausrangierte Geräte aus Deutschland oder den Niederlanden bekommt.

Denn das Besondere an der Freiwilligenarbeit in der Ukraine sind die Effizienz und der Pragmatismus. Während man für eine neue Anschaffung normalerweise eine offizielle Ausschreibung braucht, sich daran Firmen beteiligen müssen und die Entscheidung oft erst nach einem Jahr gefällt wird, geht das bei den Spenden aus dem Ausland schneller. In weniger als zwei Monaten ist die Bürokratie besiegt.

Vor allem Alte und Kranke sind geblieben

Es klopft an der Tür. Irina tritt herein. Sie ist die zweite Freiwillige, die sich im Kiewer Medikamentenlager engagiert. Tagsüber arbeitet sie als Anwältin, in ihrer Freizeit geht sie Elena zur Hand. Ihr 22-jähriger Sohn wurde bei den Maidan-Gefechten von einer Granate getroffen und schwer am Bein verletzt. Trotz einiger Operationen hat er mit den Nachwirkungen bis heute zu kämpfen. Während Irina und Elena die nächste Lieferung sortieren, werden bei der Organisation "Wostok SOS", zu Deutsch "Osten SOS", Hilfspakete an Binnenflüchtlinge verteilt. Sie sitzen im Nordosten der Stadt. Links vom Eingang hält Julia Darabanowa ein Handy ans linke Ohr. Die 28-Jährige betreut eine Hotline. Die Anrufer wollen zum Beispiel wissen, wo sie Kleidung herbekommen oder wie sie aus den beschossenen Gebieten fliehen können. Daraufhin macht Julia sie auf Hilfskonvois aufmerksam oder ruft Bekannte an, die die Betroffenen abholen.

Denn noch immer leben normale Menschen in den besetzen Gebieten der "Donezker und Lugansker Volksrepublik". Zwar sind viele geflohen, aber vor allem Alte und Kranke sind geblieben. Gerade diese Menschen sind nun verzweifelt, weil die Lebensmittel knapp und teuer sind. Arbeitsplätze gibt es kaum mehr. Die Regionen sind von der Versorgung aus Kiew abgeschnitten und versinken immer mehr in der Isolation. "Unsere Politiker machen viele Fehler", findet Julia Darabanowa, die früher als Pädagogin in Slawjansk gearbeitet hat. Dort ist sie als pro-ukrainische Aktivistin im Fernsehen aufgetreten und weiß: Sie ist in Gefahr, solange die Separatisten an der Macht sind. Deshalb sagt sie trotzig: "Um das Land zu ändern, muss man bei sich anfangen - Kiew ist jetzt mein neues Zuhause." Damit geht es ihr wie vielen Menschen aus der Ost-Ukraine, die in Kiew gestrandet sind. Für die meisten gibt es keinen Weg zurück.

Quelle: RP
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