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Bundestag für Dialog: Bislang größte Proteste gegen Karikaturen in Asien

zuletzt aktualisiert: 10.02.2006 - 17:43

Manila/Kopenhagen (rpo). Der Proteststurm gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen reißt nicht ab. Ganz im Gegenteil, in Asien ist es am Freitag zu den bislang gröten Demonstrationen gekommen. Unterdessen plädieren die Parteien im Bundestag für einen Dialog mit dem Islam.

In Asien ist es am Freitag zu den bislang größten Protestkundgebungen gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen gekommen. Tausende Menschen gingen nach den traditionellen Freitagsgebeten in Pakistan, Malaysia, Bangladesch, Indien und Sri Lanka auf die Straßen. Auch in der Türkei und in Mazedonien versammelten sich tausende Muslime zu Protestkundgebungen, kleinere Demonstrationen gab es in Indonesien und auf den Philippinen.

Die rund 2.000 Demonstranten in Istanbul forderten die Regierung auf, alle Beziehungen zu Dänemark abzubrechen. Die Polizei nahm zehn Mitglieder einer radikalislamischen Gruppe fest.

Der malaysische Ministerpräsident Abdullah Ahmad Badawi erklärte, zwischen dem Westen und dem Islam habe sich eine große Kluft aufgetan. Ein Grund dafür sei die Unzufriedenheit vieler Muslime mit der Politik des Westens gegenüber dem Irak, Afghanistan und den Palästinensern. Ein Muslim werde im Westen als "geborener Terrorist" betrachtet, sagte Abdullah auf einer Konferenz in Kuala Lumpur, wo rund 3.000 Menschen demonstrierten.

Kino verwüstet

Zur größten Kundgebung in Pakistan kamen 5.000 Menschen nach Islamabad, in Peshawar demonstrierten 2.000 Muslime, die dänischen Käse und Milch vernichteten. In der Stadt Multan wurde ein Kino verwüstet.

In Bangladesch gingen in der Hauptstadt Dhaka 5.000 Menschen gegen die Karikaturen auf die Straße. Im philippinischen Manila verbrannten mehrere Hundert Demonstranten eine auf Pappe gemalte dänische Flagge und forderten von Dänemark eine Entschuldigung.

In Afrika kam es unter anderem in Kenia zu Demonstrationen tausender Muslime, dabei wurden Fahrzeuge von westlichen Ausländern mit Steinen angegriffen. Die Polizei schützte den Sitz des dänischen Botschafters. Ein Demonstrant wurde durch Schüsse verletzt, auf dem Weg ins Krankenhaus wurde ein weiterer Mensch überfahren. Auch in Marokko waren mit Duldung der Regierung Proteste geplant.

Brodelnder Vulkan

In Gaza protestierten rund 7.000 Palästinenser, in Jerusalem zogen rund 2.000 Demonstranten auf die Straße. Ein in Israel inhaftierter Hamas-Aktivist rief während des Freitagsgebets zu einem "Heiligen Krieg" gegen den Westen auf, wie eine Gefängnissprecherin mitteilte. Tausende Menschen demonstrierten auch in Ägypten und in Jordanien.

In Dänemark sieht eine Mehrheit der Bevölkerung die Schuld für die Proteste gegen die Karikaturen in der islamischen Welt bei den Imamen in Dänemark. In einer Umfrage vertraten 58 Prozent der 1.033 Befragten die Ansicht, muslimische Geistliche im eigenen Land hätten die Proteste heraufbeschworen. Nur 22 Prozent sahen die Verantwortung bei der Zeitung "Jyllands-Posten", die die Karikaturen im September vergangenen Jahres abgedruckt hatte. Ein führender Imam wies diese Sichtweise zurück. Schon lange habe ein Vulkan gebrodelt, sagte Ahmed Abu Laban in Kopenhagen.

Der Herausgeber einer kleinen norwegischen Zeitung, die die Karikaturen als eine der ersten im Januar nachgedruckt hatte, entschuldigte sich für die Veröffentlichung. Er habe nicht damit gerechnet, dass die Zeichnungen die Gefühle der Muslime derart verletzen würden, sagte Vebjoern Selbekk. Führende Imame des Landes erklärten den Streit um die Karikaturen in Norwegen unterdessen für beendet und riefen die Muslime zu einem Ende der Proteste auf.

Um eine Entschärfung des Konflikts will sich in der kommenden Woche der EU-Außenbeauftragte Javier Solana bemühen. Solana plant eine Reise durch den Nahen Osten, die ihn nach Saudi-Arabien, Ägypten, Jordanien und in die palästinensischen Gebiete führen wird.

Bundestag für Dialog mit dem Islam

Angesichts der teilweise gewalttätigen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen haben Politiker aller Parteien am Freitag im Bundestag für eine Politik des Dialogs mit dem Islam geworben. Während der von den Grünen beantragten Aktuellen Stunde äußerten mehrere Politiker Verständnis dafür, dass viele Moslems ihre religiösen Gefühle verletzt sähen - auch wenn die Karikaturen selbst durch die Meinungsfreiheit gedeckt seien.

Auf scharfe Kritik stießen jedoch die Ausschreitungen im Zusammenhang mit den anhaltenden Protesten. In der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur bemühte sich eine Islam-Konferenz um eine Entschärfung des Konflikts.

"Wenn wir einen Beitrag zur Deeskalation leisten wollen, dann ist jetzt die Stunde des Dialogs und der Verständigung", sagte Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn während der Bundestagsdebatte. Für die Bundesregierung warnte Außenamtsstaatsminister Günter Gloser (SPD) davor, "einen Zusammenstoß der Kulturen herbeizureden".

Er verurteilte die gewaltsamen Proteste in einigen Ländern und vor allem die Übergriffe auf ausländische Botschaften. Diese Gewalt zeige jedoch nicht, dass der Dialog der Kulturen gescheitert sei; sie unterstreiche vielmehr die Wichtigkeit dieses Dialogs. Damit wandte sich Gloser auch gegen Forderungen aus der CDU/CSU nach der Schließung deutscher Botschaften in einigen Ländern.

Vor allem Redner der Unionsfraktion betonten, Toleranz und Respekt vor religiösem Gefühl seien keine Einbahnstraße. Moslems in Deutschland und anderen europäischen Staaten müssten auch die dort geltenden Regeln akzeptieren, sagte der Abgeordnete Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg (CSU). Mehrere Politiker von Union und FDP lobten die gemeinsame Aktion der türkischen Zeitung "Hürriyet" und der deutschen "Bild"-Zeitung, die Moslems und Christen zu gegenseitigem Respekt aufgerufen hatten.

Einhellig hoben Redner aller Parteien die Bedeutung der Pressefreiheit hervor. Vor allem SPD und Grüne verbanden dies aber mit Kritik. "Verantwortungsvoller Umgang mit der Pressefreiheit sieht anders aus, als es diese dänische Zeitung an den Tag gelegt hat", sagte der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy.

"Wer den Propheten Mohammed in eins setzt mit Terroristen, der beleidigt vor allem die vielen Moslems, die Gewalt ablehnen", kritisierte auch Kuhn. FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt warnte jedoch, es dürfe wegen der Proteste "keine Selbstzensur" in Deutschland geben. Für die Linkspartei warb Norman Paech für eine Ursachenanalyse: "Der Hass wird instrumentalisiert, aber er muss vorher da gewesen sein."

Quelle: ap

 
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