Ägypten droht ein Bürgerkrieg: Blutige Straßenschlachten in Kairo
zuletzt aktualisiert: 03.02.2011 - 06:20Kairo (RPO). Blutende Demonstranten, Steinhagel, Brandsätze, weinende Menschen: In Ägypten regiert auch in der Nacht auf Donnerstag das Chaos. Die Lage in der Hauptstadt Kairo ist außer Kontrolle geraten, das Land droht im Bürgerkrieg zu versinken. Auf dem Platz der Befreiung in Kairo hat es nach Angaben eines Augenzeugen am frühen Donnerstag drei Tote bei einer Schießerei gegeben.
Bei den Opfern handele es sich um Gegner der Regierung von Präsident Husni Mubarak, sagte Mustafa al Naggar, ein Organisator der Proteste. Er habe gesehen, wie drei Leichen vor Morgengrauen weggebracht worden seien, sagte al Naggar. Es sei mit automatischen Waffen aus mindestens drei verschiedenen Richtungen geschossen worden.
Die Streitkräften seien an verschiedenen Stellen rings um den Platz mit Panzern präsent, um die Ordnung wiederherzustellen, sie hätten aber nicht eingegriffen, berichtete al Naggar. Der Gesundheitsminister war für eine Bestätigung der Opferzahlen telefonisch nicht zu erreichen.
Bereits zuvor war es in der Nacht zu weiteren Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegners des Mubarak-Regimes in der ägyptischen Hauptstadt gekommen. Dabei schleuderten die Demonstranten Molotowcocktails in die Richtung von einigen Unterstützern des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak, die sich auf das Dach eines Hauses zurückgezogen hatten. Autos und Trümmerteile in der Nähe gerieten durch die mit Benzin gefüllten Flaschen in Brand.
Auf dem Platz der Befreiung, seit Tagen der zentrale Versammlungsort der Opposition, prügelten bereits am Mittwoch tausende Anhänger und Gegner von Staatschef Husni Mubarak wild aufeinander ein, es flogen Steine, Flaschen und später sogar Molotowcocktails. Dabei gab es mindestens einen Toten und Hunderte von Verletzten.
Mit diesen Ereignissen hat der seit einer Woche andauernde Aufstand in Ägypten eine neue Dimension erreicht. Nach offiziellen Angaben stürzte ein Soldat von einer nahegelegenen Brücke in den Tod, über 600 Menschen wurden verletzt. Deutschland und andere Staaten reagierten besorgt und kritisierten den Ausbruch der Gewalt.
USA gehen auf Distanz zu Mubarak
Die USA, einst der wichtigste Verbündete Mubaraks, gehen derweil immer deutlicher auf Distanz zu dem Regime. Das Weiße Haus rief die Regierung in Kairo zu einem Gewaltverzicht auf. Sollte sie die Auseinandersetzungen angestiftet haben, müsse dies umgehend aufhören. Ägyptische Oppositionelle hatten zuvor erklärt, unter den prügelnden Anhängern Mubaraks seien viele Polizisten in Zivil gewesen. Bei ihnen sollen entsprechende Dienstausweise gefunden worden sein.
US-Präsident Barack Obama habe die Szenen aus Kairo als "empörend und bedauerlich" empfunden, sagte sein Sprecher Robert Gibbs. Über die US-Finanzhilfe von jährlich 1,5 Milliarden Dollar an Ägypten sei noch keine Entscheidung getroffen worden. Auf die Frage, ob Obama Mubarak als Diktator sehe, antworte Gibbs nicht direkt. Mubarak habe die Chance zu zeigen, "wer genau er ist".
Steine und Flaschen als Wurfgeschosse
Die Straßenschlachten in Kairo zogen sich bis zum Abend hin. Am Rande des Platzes, in der Nähe des weltberühmten ägyptischen Museums, warfen Anhänger Mubaraks von Dächern aus Steine und Brandsätze auf die Menschenmasse unter ihnen. Auf den umliegenden Straßen verschanzten sich die verfeindeten Gruppen hinter abgestellten Lastwagen und bewarfen sich mit Betonbrocken und Flaschen.
Blutverschmierte Regierungsgegner wurden in eilends eingerichtete Kliniken in Moscheen und am Straßenrand eingeliefert. Einige baten die aufmarschierten Soldaten um Schutz. Doch die feuerten lediglich einige Warnschüsse in die Luft.
Zuvor waren die ägyptischen Streitkräfte mit gepanzerten Fahrzeugen auf den zentralen Tahrir-Platz vorgerückt und hatten versucht, Barrikaden zwischen den Gruppen zu errichten, wie dapd-Fotograf Axel Schmidt vom Ort des Geschehens berichtete. Zahlreiche Menschen wurden verletzt weggetragen. Die Anhänger Mubaraks seien am Nachmittag in einer offenbar organisierten Aktion mit "massenweise Kleinbussen" angerückt und auf die Demonstranten losgestürmt, berichtete er. Einige der Männer ritten mit Pferden und Kamelen auf die Menschenmassen zu und hieben mit Stöcken und Peitschen auf die Regierungsgegner ein.
Am Abend ordneten die Behörden die Räumung des Tahrir-Platzes an, wie das staatliche Fernsehen berichtete. Als Grund genannt wurden "Provokateure, die Brandsätze werfen". Der Soldat, der zu Tode stürzte, war nicht in Uniform, sondern zivil gekleidet, wie Gesundheitsminister Ahmed Sameh Farid der Nachrichtenagentur AP sagte.
Auch Journalisten wurden zum Opfer der Gewalt der Mubarak-Anhänger. Zwei Korrespondenten der AP, Anderson Cooper von CNN und weitere Reporter wurden zusammengeschlagen. Ein Journalist des Fernsehsenders Al Arabija erlitt Berichten zufolge eine Gehirnerschütterung. Ein belgischer Reporter und vier israelische Journalisten seien in Gewahrsam genommen worden, hieß es.
Westerwelle: Schlägertrupps stoppen
Bundesaußenminister Guido Westerwelle forderte die ägyptischen Sicherheitsbehörden auf, keine Gewalt gegen Demonstranten anzuwenden. "Jede weitere Eskalation der Situation muss unbedingt vermieden, Schlägertrupps muss unverzüglich Einhalt geboten werden", sagte er. "Die Szenen der Gewalt auf den Straßen von Kairo werfen die drängende Frage auf, ob die politische Führung Ägyptens die Notwendigkeit des schnellen demokratischen Umbaus verstanden hat", sagte Westerwelle. Er telefonierte auch mit dem ägyptischen Oppositionsführer Mohammed El Baradei.
Ein Reporter der Nachrichtenagentur AP sah, wie rund 3000 Anhänger Mubaraks am Nachmittag eine Menschenkette durchbrachen, die die etwa 10.000 Demonstranten zum Schutz der Menschen auf dem Platz gebildet hatten. Die Angreifer rissen Plakate nieder, auf denen Mubarak kritisiert wurde, und schlugen mit Stöcken und Peitschen auf die Demonstranten ein. Auf dem Platz der Befreiung waren viele Menschen mit blutigen Gesichtern zu sehen, einige Männer und Frauen weinten.
Zuvor hatte die Armee den Platz bewacht und beide Lager voneinander getrennt. Als die Zusammenstöße begannen, griffen die Soldaten zunächst nicht ein, sondern verschanzten sich in oder hinter ihren Schützenpanzern und Panzern an den Zugängen zum Platz.
"Aus Liebe zu Ägypten"
Die Streitkräfte hatten vergeblich ein Ende der Demonstrationen gefordert. Ein Militärsprecher sagte vor der Eskalation in einer Fernsehansprache, die Botschaft der Demonstranten sei angekommen, ihre Forderungen seien bekannt. Jetzt müsse das normale Leben im Land wiederhergestellt werden. Die Streitkräfte forderten, die Demonstranten müssten sich "aus Liebe zu Ägypten" zurückziehen.
Der ägyptische Vize-Präsident Omar Suleiman hatte derweil ein Ende der regierungskritischen Demonstrationen als Vorbedingung für einen Dialog mit der Opposition bezeichnet. Die Demonstranten müssten dem Aufruf der Armee Folge leisten, die Ausgangssperre zu achten und nach Hause zu gehen, wurde Suleiman von der amtlichen Nachrichtenagentur Mena zitiert.
Als Zeichen einer Normalisierung war das Internet am Mittwoch nach tagelanger Sperrung in Ägypten wieder zugänglich. Das bisher von 15 Uhr bis 8 Uhr geltende Ausgehverbot wurde auf 17 Uhr bis 7 Uhr verkürzt.
USA ziehen Botschaftspersonal ab
Die US-Regierung begann unterdessen mit dem Abzug alle nicht unbedingt notwendigen Mitarbeiter in Ägypten. Die Botschaft teilte mit, es würden voraussichtlich mehr als 1000 US-Bürger innerhalb der nächsten zwei Tage Ägypten verlassen, darunter Regierungsmitarbeiter und andere Bürger. Das Weiße Haus sei tief besorgt über Angriffe gegen friedliche Demonstranten und Medienvertreter in Kairo, erklärte Sprecher Gibbs am Mittwoch.
Zugleich rief Washington erneut alle Seiten zur Zurückhaltung auf. US-Präsident Barack Obama hatte Mubarak in einem Telefonat am Dienstagabend dazu gedrängt, angesichts der Massenproteste einen sofortigen und geordneten Übergang zu einer neuen Regierung einzuleiten.
Der britische Premierminister David Cameron erklärte, die gewaltsamen Szenen in Kairo zeigten, dass die Regierung von Präsident Mubarak den Forderungen der Demonstranten nicht rasch genug nachkomme. Die Arbeit hin zu einer neuen Regierung müsse "schnell und glaubwürdig sein, und sie muss jetzt beginnen". Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy betonte, es müsse Veränderungen "ohne Verzögerung" geben.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon verurteilte den Gewaltausbruch in Kairo als nicht hinnehmbar. Jeglicher Angriff auf friedliche Demonstranten sei inakzeptabel. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton erklärte, Mubarak müsse auf den Willen des Volks eingehen.
Mubarak lehnte sofortigen Machtverzicht ab
Mubarak hatte am Dienstagabend in einer zehnminütigen Fernsehansprache angekündigt, dass er im September nicht mehr bei der Präsidentenwahl kandidiert. Die Forderung von Hunderttausenden Demonstranten, sofort zurückzutreten, lehnte der 82-Jährige aber ebenso wie einen Gang ins Exil ab.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum