Die Blitzkarriere des David Miliband: Britanniens neuer Premier?
VON ALEXEI MAKARTSEV - zuletzt aktualisiert: 17.09.2008 - 10:48London (RP). Der Rücktritt eines Kabinettsmitglieds hat den Druck auf den unpopulären Labour- und Regierungschef Gordon Brown verstärkt. Außenminister David Miliband steht als möglicher Nachfolger bereit.
Jedesmal, wenn er das Gebäude mit den dorischen Säulen in der King Charles Street betritt, muss sich David Miliband nach eigenen Worten ungläubig kneifen: Er ist tatsächlich wirklich der Chef von 5600 Angestellten und Außenminister der Regierung von Gordon Brown.
Es ging alles so schnell im Leben des 43-jährigen, jungenhaft wirkenden Ideengebers für New Labour, der als kommender Star seiner Partei gilt. 2001 noch ein schlichter Abgeordneter, sechs Jahre später erster Diplomat Großbritanniens und demnächst vielleicht Partei- und Regierungschef? Der eloquente Europafreund und idealistischer Weltverbesserer Miliband war immer für Überraschungen gut.
Weitsicht und Feingefühl
Seine politische Weitsicht und sein taktisches Feingefühl haben ihm in den Machtkämpfen am Ende der Blair-Ära gute Dienste geleistet. Im Frühjahr 2007 war David Miliband ein ernsthafter Konkurrent für den damaligen Schatzkanzler Gordon Brown, als es um die Nachfolge in 10 Downing Street ging. Die Anhänger Blairs drängten dessen politischen Ziehsohn, gegen Brown für den Parteivorsitz zu kandidieren. DochMiliband ließ dem 15 Jahre älteren Brown den Vortritt, wofür er mit dem begehrten Job des Außenministers belohnt wurde.
Für die Labour-Abgeordneten, die eine parteiinterne Vertrauensabstimmung anstreben, um den glücklos agierenden Gordon Brown zu stürzen, ist Miliband der Favorit für die Nachfolge. Dieser erklärt zwar offiziell: „Ich erwarte, dass uns Gordon in die nächste Wahl führt, und ich will ihn unterstützen.“ Milibands Ruf nach einer „neuen Agenda“ für Labour allerdings spricht für weitergehende Pläne.
Der gestern zurückgetretene Schottland-Staatssekretär David Cairns sympathisiert mit der Rebellen-Riege, die am Wochenende auf dem Parteitag in Manchester eine Abstimmung über Browns Verbleiben an der Labour-Spitze erzwingen will. Brown nahm den Rücktritt an und erinnerte das Kabinett an die „gemeinsame Regierungsverantwortung“.
Miliband stammt aus einer Familie, in der die Politik eine wichtige Rolle gespielt hat. Sein Vater Ralph war Marxist und Politikwissenschaftler. Sein Bruder Ed, ein Ökonom und Abgeordneter, diente sich unter Blair und Brown bis zum Leiter des Premierministeramtes hoch. David Miliband sammelte erste Berufserfahrungen bei Nichtregierungsorganisationen, als Mitglied diverser Kommissionen bereitete der linke Sozialdemokrat Mitte der 90er Jahre mit die Rückkehr der reformierten Labour-Partei an die Macht vor. Aus jener Zeit stammt Milibands Spitzname „das Gehirn“, eine Anerkennung der großen intellektuellen Kapazität eines Mannes, der sein Studium der Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften in Oxford mit „First Class“-Würde beendet hatte.
Berater seit 1997
Nach Blairs Sieg 1997 arbeitete Miliband als führender Berater des Premiers, ehe er als Abgeordneter ins Parlament wechselte. 2006 übernahm er das Umweltressort. Im Jahr darauf wurde er Außenminister – der jüngste in London seit 30 Jahren. Als erstes Regierungsmitglied teilte er seine Gedanken als „Blog“ der Internet-Gemeinde mit. Den Irak-Krieg nennt er einen „furchtbaren Fehler“. Zu den politischen Prioritäten Milibands gehören der Kampf gegen die Armut und den Klimawandel und demokratische Reformen.
Selbst als Neuling auf internationalem Parkett nahm er kein Blatt vor den Mund im Umgang mit „schwierigen“ Staaten wie Iran oder Russland. Dafür musste sich Miliband nach Medienberichten schon mal vom Moskauer Amtskollegen Sergej Lawrow beschimpfen lassen. „Wer sind Sie, um mich zu belehren“, soll der Russe am Telefon gebrüllt haben.
Sein Gesprächspartner in London blieb unbeeindruckt: Nach der Georgien-Krise reiste er in die Ukraine, um dort eine „Koalition gegen russische Überfälle“ zu schmieden. Als überzeugter Pro-Europäer möchte Miliband die EU in schwierigen Zeiten an britischer Seite haben. „Europa ist eine Chance und keine Gefahr für uns“, predigt er geduldig seinen euroskeptischen Landsleuten.
Laut Umfragen ist Miliband in seiner Heimat noch weitgehend unbekannt – nur jeder zweite Brite kann etwas mit seinem Namen anfangen. Das bedeutet: Vor dem Sprung an die Machtspitze muss er sein Profil weiter schärfen.
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