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Jeder Zweite hält Bericht für "ungerecht": Britische Öffentlichkeit wirft Hutton Parteinahme für Blair vor

zuletzt aktualisiert: 29.01.2004 - 16:24

London (rpo). Offiziell ist der britische Premierminister Tony Blair zwar von allen Vorwürfen in der Kelly-Affäre reingewaschen. In der Öffentlichkeit sieht die Sache aber noch ganz anders aus: Ermittlungsrichter Brian Hutton muss sich Vorwürfe anhören, er habe Partei für den Regierungschef ergriffen.

Einer Umfrage zufolge hält mehr als jeder zweite Brite Huttons Bericht für "ungerecht". Die schwer beschuldigte BBC verkündete den Rücktritt ihres Generaldirektors Greg Dyke. Hutton leitete neue Ermittlungen darüber ein, wie sein Bericht trotz strenger Geheimhaltungsauflagen vorab an die Presse geraten konnte.

Quer durch die Presselandschaft verurteilten die Titel am Donnerstag den Hutton-Bericht. Die Tageszeitung "The Independent" ließ auf ihrer Titelseite die für das Aufmacherfoto reservierte Stelle weiß und warf die Frage auf, ob der Untersuchungsbericht die Regierung habe "reinwaschen" sollen. Die Hutton-Ergebnisse seien "merkwürdig unausgeglichen" gewesen, hieß es.

"In Ton und Ansatz eine gewisse Naivität"

Der linksgerichtete "Guardian" bemängelte, Huttons Bericht habe "in Ton und Ansatz eine gewisse Naivität" zugrunde gelegen. Der "Daily Express" montierte auf einem Blair-Foto einen Heiligenschein ins Bild und titelte: "Der heilige Tony - Hutton wäscht Blair weißer als weiß". Der Hutton-Bericht lasse etliche Fragen offen, hieß es in dem Blatt.

Der "Evening Standard" veröffentlichte am Donnerstagmittag eine Umfrage, derzufolge 56 Prozent der Briten den Hutton-Bericht als "ungerecht" einstuften. Nur jeder Dritte hielt die Untersuchungsergebnisse demnach für glaubwürdig.

Blair sah sich durch den Hutton-Bericht dennoch gestärkt. Ein Sprecher sagte in London, die Regierung verlange von der BBC eine Entschuldigung. Der Rundfunksender habe eine "falsche Anschuldigung" verbreitet, die "nicht fundiert" gewesen sei, und damit Blairs Glaubwürdigkeit beschädigt. Die Entschuldigung von Generaldirektor Dyke vom Mittwochabend sei nicht ausreichend, da sie nicht mit einer "wohlüberlegten Stellungnahme" des BBC-Verwaltungsrates gleichzusetzen sei.

Die BBC "geteert und gefedert"

Dyke gab unterdessen seinen Rücktritt bekannt. Er hoffe, dass mit diesem Schritt "ein Schlussstrich unter diese ganze Episode" gezogen werden könne, sagte er nach einer Krisensitzung des Verwaltungsrates. Der Vorsitzende des Gremiums, Gavyn Davies, hatte bereits am Mittwoch sein Amt niedergelegt. Davies' Vorgänger, Christopher Bland, zog unterdessen die Unparteilichkeit des Ermittlungsrichters in Zweifel. Möglicherweise habe Hutton die Regierung zu Recht "reingewaschen". Dass er die BBC jedoch "geteert und gefedert" habe, sehe jedoch nach einer Ungleichbehandlung aus.

Hutton wird vor dem Verwaltungsausschuss des britischen Parlaments zu seinen Ermittlungen Stellung nehmen. Dabei sollten jedoch nicht die Ergebnisse in Frage gestellt werden, betonte der Ausschussvorsitzende Tony Wright. Vielmehr gehe es darum, aus den Untersuchungen "zu lernen".

Huttons Ermittlungen "innovativ"

Huttons Ermittlungen seien "innovativ" gewesen. Der Lordrichter leitete unterdessen eine "dringliche Untersuchung" darüber ein, wie sein Bericht vorab an die "Sun" gelangen konnte, die vorab Auszüge veröffentlichte. Hutton hatte den Beteiligten in der Affäre 24 Stunden vor der Veröffentlichung Kopien seines Berichts zukommen lassen, ansonsten aber eine strenge Geheimhaltung angeordnet.

Ein Freund des verstorbenen Regierungsberaters David Kelly sagte im BBC-Rundfunk, der Waffenexperte habe sich das Leben genommen, weil er zuvor im Parlamentsausschuss nicht die Wahrheit gesagt habe. Als eine BBC-Reporterin die Veröffentlichung eines Bandes angekündigt habe, das seine Aussage vor dem Ausschuss widerlegen würde, habe Kelly "seine Strategie" der "teilweisen Verheimlichung" scheitern sehen, sagte der Ex-BBC-Journalist Tom Mangold.


 
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