Nach Atomwaffentest: Bush warnt Nordkorea: Rote Linie fast überschritten
VON THOMAS SPANG - zuletzt aktualisiert: 09.10.2006 - 20:34Washington (RP). US-Präsident George W. Bush hat den mutmaßlichen Atomtest Nordkoreas verurteilt und neue Sanktionen gefordert. Gleichzeitig versicherte er, die USA setzten weiterhin auf Diplomatie. Die Rote Linie sei überschritten, falls Pjöngjang Atomtechnologie weitergebe.
Sicherheitsberater Stephen Hadley eilte zur Schlafenszeit zum Präsidenten, um ihn über eine eilige Depesche der chinesischen Botschaft in Kenntnis zu setzen. Die Chinesen hatten kurz zuvor in Pjöngjang in Erfahrung gebracht, dass der erste Atomtest Nordkoreas nur wenige Minuten entfernt sei. Zum Zeitpunkt der mutmaßlichen Detonation in der nördlichen Hamyong-Provinz steckten die Sicherheitsexperten im Weißen Haus bereits ihre Köpfe über eine mögliche Reaktion auf die mehrfach angekündigte Provokation zusammen.
Schließlich hatte die US-Regierung den Mund ziemlich voll genommen, als sie vergangene Woche Nordkorea davor warnte, „die Atomwaffe oder eine Zukunft zu haben.“ Verbunden mit der Ankündigung, die USA seien nicht bereit mit einem nuklear bewaffneten Nordkorea zu leben, lag die Latte sehr hoch. Entsprechend gespannt wartete die Presse im diplomatischen Empfangsraum des Weißen Hauses auf die Antwort von US-Präsident George W. Bush.
Der trat mit einer Viertelstunde Verspätung vor die Presse und überraschte mit einer eher verhaltenen Reaktion auf den angeblichen Atomtest. „Wir arbeiten daran, diese Behauptung zu bestätigen,“ erklärte Bush, während das Pentagon und die US-Geheimdienste noch unter Hochdruck daran arbeiteten, einen Bluff des kommunistischen Regimes auszuschließen. Dazu werten die Amerikaner sowohl seismische Daten aus als auch Proben, die so genannte „Schnüffel“-Flugzeuge über Nordkorea genommen haben.
Doch allein schon die Behauptung eines Tests stellt aus Sicht der US-Regierung „eine provokative Aktion“ dar. Der Präsident sagte, Nordkorea habe den Willen der internationalen Gemeinschaft ein weiteres Mal missachtet. Er habe mit den Führern Chinas, Russlands, Japans und Südkoreas gesprochen und sei sich mit diesen einig, dass eine sofortige Antwort notwendig sei. „Die internationale Gemeinschaft wird reagieren.“
Der Weltsicherheitsrat will in einer Dringlichkeitssitzung in New York konkrete Schritte beschließen. Ob Pjöngjang die eigentlich anstehende Wahl des Südkoreaners Ban Ki Moon zum neuen UN-Generalsekretär bewusst als Kulisse für den Atomtest wählte, bleibt Gegenstand der Spekulation.
Während Bush in seiner kurzen Ansprache versicherte, dass die USA der „Diplomatie verpflichtet bleiben,“ ließ er keinen Zweifel daran, welche Linie Nordkorea nicht überschreiten dürfe. „Die Weitergabe von Nukleartechnologie wäre eine ernste Bedrohung der Sicherheit der Vereinigten Staaten und wir werden Nordkorea für die Konsequenzen solcher Aktionen voll verantwortlich machen.“
Experten teilen die Sorge des Präsidenten, der Atomtest trage zu erhöhten Spannungen in der Region bei. Der frühere amerikanische UN-Atominspektor David Albright meint, Nordkorea habe nach dem Irak-Krieg die Kalkulation aufgestellt, es brauche die Atomwaffe, um sich als Mitglied der „Achse des Bösen“ gegen einen befürchteten Angriff der USA zu immunisieren. Er glaube nicht, „dass Nordkorea auf eine militärische Konfrontation aus ist. “ Umgekehrt sei es von dem Regime in Pjöngjang kein kluger Zug, seinen Haupthandelspartner China zu provozieren. Dies führe nun mit Sicherheit zu neuen Sanktionen.
Mögliche Maßnahmen beinhalten wirtschaftliche Strafmaßnahmen, eine weitere Unterbrechung des Finanzverkehrs sowie eine Seeblockade. Letztere Option wird von Experten als Schritt gesehen, der die nordkoreanischen Militärs in die Ecke treiben könnte. Albright rät, „die Sanktionen wohl abzuwägen, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen.“ So könnte zum Beispiel das Anhalten von Schiffen eine militärische Reaktion zur Folge haben.“
Doch danach sieht es zum jetzigen Zeitpunkt nicht aus. Das vordringliche Interesse der Amerikaner besteht nun darin, einen nuklearen Wettlauf in der Region zu verhindern. Nicht zuletzt deshalb bekräftigte US-Präsident Bush in seinen Telefonaten mit der neuen japanischen und der südkoreanischen Führung die Sicherheitsgarantien Washingtons.
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