Tibets Ikone Dalai Lama: Chinas Alptraum wird 75 Jahre alt
VON MATTHIAS BEERMANN - zuletzt aktualisiert: 06.07.2010 - 08:29(RP). Im Westen füllt der buddhistische Mönch Stadien wie ein Popstar, für die Führung in Peking ist er der Staatsfeind Nummer eins. Seit einem halben Jahrhundert kämpft das Oberhaupt der Tibeter aus dem Exil für seine Landsleute. Doch allmählich mischt sich in die Bewunderung auch Kritik.
Er ist klein und hager, an den Füßen trägt er ausgelatschte Sandalen, auf der Nase eine Brille vom Typ Kassengestell. Ein ständiges Lächeln ist sein Markenzeichen. Im Westen wird er wie ein Popstar verehrt. Den Mächtigen in Peking gilt er dagegen als gefährlichster Staatsfeind.
Wenn der Dalai Lama heute seinen 75. Geburtstag begeht, dann werden das die Menschen in seiner Heimat Tibet nur im Verborgenen feiern können. Für jedes öffentliche Bekenntnis zu ihrem im indischen Exil lebenden religiösen Oberhaupt riskieren die Tibeter Gefängnis oder gar Schlimmeres.
Dass das Schicksal Tibets rund um den Globus Millionen interessiert, das ist zweifelsohne das Verdienst des kleinen Mönchs mit dem liebenswert kindlichen Auftreten und dem gurgelnden Lachen.
Der Dalai Lama hat sich als Anwalt eines gewaltlosen Kampfes für eine Autonomie Tibets in mehr als fünf Jahrzehnten eine Autorität erarbeitet, die inzwischen kaum noch jemand infrage zu stellen wagt. Spätestens seit er 1989 den Friedensnobelpreis erhalten hat, ist der Dalai Lama zur Ikone geworden, zur Symbolfigur für ein "freies Tibet".
Als 15-jähriger Klosterschüler erlebte der Dalai Lama den Einmarsch der chinesischen Armee in Tibet und wurde eiligst auf den Thron gehoben. Aber 1959 schlug China einen Aufstand blutig nieder und brach sein Versprechen, den Tibetern Autonomie zu gewähren. Für den Dalai Lama wurde es gefährlich. Der 24-Jährige floh mit seinem Gefolge über den Himalaya ins indische Dharamshala, das bis heute die tibetische Exilregierung beherbergt.
Seither wirft China dem Dalai Lama vor, unter dem Deckmantel der Religion die Abspaltung Tibets zu betreiben. Für die Führung in Peking ist der von westlichen Politikern und Medien umschwärmte Dalai Lama eine stetige Provokation. Wer sich mit ihm zeigt, muss den Zorn des offiziellen China fürchten. Zuletzt hatte im Februar ein Treffen zwischen US-Präsident Barack Obama und dem Dalai Lama zu heftigem diplomatischen Knirschen zwischen Washington und Peking geführt.
Dabei ahnen doch alle: Der Dalai Lama kämpft einen aussichtslosen Kampf. Tibet gegen China, das ist wie David gegen Goliath, nur mit vermutlich anderem Ausgang. Denn Peking wird sich wohl kaum dazu bewegen lassen, den Tibetern eine weitgehende Autonomie zu gewähren. Und kein Staat der Erde wird sich deswegen ernsthaft mit China anlegen.
Im Machtkampf um Tibet arbeitet die Zeit für die Chinesen, das weiß auch der Dalai Lama. Irgendwann wird er sterben. Vielleicht erst im Alter von 113 Jahren, wie es geweissagt wurde. Vielleicht aber auch schon früher. Dann verschwindet das Gesicht des tibetischen Buddhismus, und Pekings Führung könnte in aller Ruhe einen ihr genehmen Marionetten-Lama installieren, wie sie es schon 1995 nach dem Tod des Panchen Lama gemacht hatte, des zweithöchsten religiösen Führers der Tibeter.
Davor haben viele Tibeter schon heute Angst. Und deshalb bröckelt ausgerechnet im eigenen Lager die Bewunderung für den asketisch lebenden Gutmenschen, der jeden Tag im Morgengrauen aufsteht, vier Stunden meditiert und sich dann im Mönchsgewand mit wichtigen Menschen trifft, um auf das traurige Schicksal seines unterdrückten Volkes aufmerksam zu machen.
Die Gewaltwelle in seiner Heimat vor zwei Jahren muss auch dem Dalai Lama vor Augen geführt haben, dass gerade viele jüngere Tibeter die Geduld mit der politisch offensichtlich erfolglosen Strategie des gewaltlosen Widerstands verlieren. Seine Appelle, sich auf friedliche Demonstrationen zu beschränken, verhallten vielfach ungehört.
Zwar wird Kritik am Regierungsstil des weltweit vergötterten Dalai Lama nur selten laut. Aber auch innerhalb der tibetischen Exil-Gemeinde wachsen die Zweifel an seinem Kurs. Der Dalai Lama, der im Westen auftritt wie ein spiritueller Entertainer, habe längst den Kontakt zur Wirklichkeit verloren, lautet der Vorwurf. Inzwischen tuscheln Exiltibeter hinter vorgehaltener Hand, dass sie ihr religiöses Oberhaupt zwar weiter verehren, sich aber eine andere politische Führung wünschen.
Die Macht des Dalai Lama, die sich nur auf Worte stützen kann, erodiert zusehends. Das ist keine gute Nachricht, nicht einmal für Peking. Für die Chinesen könnte es sich eines Tages rächen, dass sie die Chance verpasst haben, mit dem wohl letzten allgemein anerkannten Führer der Tibeter eine Konfliktlösung auszuhandeln.
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