Sekten-Führer unter Verdacht: Colonia-Dignidad-Gründer trifft sein Folteropfer
zuletzt aktualisiert: 16.03.2005 - 10:49Santiago (rpo). Die Zurechnungsfähigkeit des Leiters der berüchtigten Deutschen-Siedlung "Colonia Dignidad" prüfen Ärzte und Polizei gegenwärtig. Sie stellten Paul Schäfer der chilenischen Geheimpolizei DINA aus Zeiten der Pinochet-Diktatur und Menschen gegenüber, die er gefoltert haben soll. Das Ergebnis der Beobachtungen spaltet die Gutachter.
Der Gründer der berüchtigten Deutschen-Siedlung "Colonia Dignidad", Paul Schäfer, ist in Chile einem früheren politischen Gefangenen gegenübergestellt worden, den er angeblich gefoltert hatte. "Er hat es nicht abstreiten können", sagte der Arzt Luis Enrique Pebbles nach der Befragung in Santiago de Chile am Dienstag (Ortszeit). Der 83-Jährige sei ihm "vollkommen klar im Kopf" erschienen. Pebbles war nach eigener Aussage 1975 von Schäfer in der Siedlung misshandelt worden. Der mit internationalem Haftbefehl wegen Folter und Kindesmissbrauchs gesuchte Schäfer war in der vergangenen Woche in Argentinien festgenommen und nach Chile ausgeliefert worden.
Pebbles hatte im Jahr 1997 ausgesagt, Schäfer habe ihn bei einer seiner Foltersitzungen in der "Colonia Dignidad" in die Schulter getreten und dabei geschrien: "Hier muss man ihn auch schlagen." Der im Rollstuhl sitzende Schäfer wurde am Dienstag nicht nur dem Arzt, sondern auch zwei früheren Agenten der berüchtigten chilenischen Geheimpolizei DINA der Pinochet-Diktatur gegenübergestellt. Diese kamen zu einer völlig anderen Einschätzung des 83-Jährigen: Schäfer habe nichts gesagt und den Eindruck vermittelt, er sei "verrückt", sagte einer der beiden Ex-Agenten, Samuel Fuenzalida Devia.
Spurloses Verschwinden gibt Rätsel auf
Die beiden Ex-Agenten sollen den Linksaktivisten Alvaro Vallejos Villagran während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973-1990) in Schäfers Siedlung gebracht haben. Villagrans Spur verlor sich dort im August 1974. Der aus Deutschland geflohene ehemalige Wehrmachtsgefreite Schäfer hatte Anfang der 60er Jahre die sektenartig organisierte "Colonia Dignidad" rund 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile mit 300 Getreuen gegründet.
Laut Zeugen wurden während der Militärdiktatur politische Gefangene auf das weiträumige Gelände der Kolonie nahe der Stadt Parral verschleppt und dort zu Tode gefoltert. In Chile ist gegen Schäfer eine Klage wegen Kindesmissbrauchs in 26 Fällen und wegen Beihilfe zur Folter anhängig. Nach achtjähriger Flucht war der 83-Jährige am Donnerstag vergangener Woche in Tortuguitas westlich von Buenos Aires verhaftet worden.
Die chilenische Anwältin Fabiola Letelier teilte am Dienstag mit, nach der Auslieferung Schäfers werde sie den Fall des spanischen Priesters Antonio Llidó neu aufrollen. Auch Llidó war 1975 spurlos in der "Colonia Dignidad" verschwunden. Die Anwältin ist die Schwester des früheren chilenischen Außenministers Orlando Letelier, der 1976 von DINA-Agenten in Washington ermordet wurde.
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