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Alliierte nutzen D-Day für Geste der Versöhnung: D-Day-Gedenkfeiern haben begonnen

zuletzt aktualisiert: 06.06.2004 - 16:02

Caen (rpo). Gerhard Schröder ist zum D-Day-Gedenken in der Normandie mit Applaus empfangen worden. Schröder will der Ehre gerecht werden, als erster deutscher Bundeskanzler gemeinsam mit den Alliierten feiern zu dürfen. Am Nachmittag hat die zentrale Gedenkfeier begonnen.

Als der deutsche Kanzler am Sonntag bei strahlendem Sonnenschein vor dem Rathaus von Caen vorfährt, spenden ihm die Bürger der 1944 zerstörten Stadt gleich zwei Mal Beifall. Erst applaudiert die Menge beim Vorbeifahren der Kanzler-Limousine, ein zweites Mal, als Schröder von Präsident Jacques Chirac freundschaftlich umarmt wird. In den ersten Jahrzehnten nach der Alliierten-Landung, die in der Normandie 155.000 Tote zurückließ, wären solche Gesten unvorstellbar gewesen - und auch vor Monaten, als sich die erste Teilnahme eines deutschen Kanzlers bei den Feiern abzeichnete, war noch von Ressentiments die Rede. Doch am 60. D-Day-Jahrestag erhält Schröder am Ort der schrecklichen Schlachten Bestätigung für seine Aussage, die Nachkriegszeit sei nun "endgültig vorbei".

Mehr als ein Dutzend Staats- und Regierungschefs sind angereist, um sich am Ärmelkanal vor den Toten der Operation Overlord verneigen. Aber Queen Elizabeth II., Königin Beatrix der Niederlande oder der wie Schröder erstmals eingeladene russische Präsident Wladimir Putin mögen noch so aufmerksamkeits-heischende Gäste sein - das Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf zwei anderen Besuchern: auf US-Präsident George W. Bush wegen der offenkundigen Bemühungen auf beiden Seiten des Atlantiks, den Streit um den Irakkrieg möglichst schnell beizulegen - und eben auf dem deutschen Kanzler, der auf dem gemischten alliiert-deutschen Soldatenfriedhof Ranville Kränze niederlegen und am Abend im imposanten Kriegs-Mémorial von Caen eine Rede zur Versöhnung halten will.

Die zentrale Gedenkfeier zum 60. Jahrestag der Landung alliierter Streitkräfte in der Normandie hat am Sonntagnachmittag in Arromanches begonnen. An der Zeremonie nimmt mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) erstmals in der Geschichte ein deutscher Regierungschef an den D-Day-Feierlichkeiten teil. Anlässlich der Feier waren 21 Staats- und Regierungschefs aus 17 Ländern nach Frankreich gereist, darunter US-Präsident George Bush, der russische Präsident Wladimir Putin, Großbritanniens Premier Tony Blair sowie die britische Queen Elizabeth. Die Veranstaltung mit Militärparaden und Auszeichnungen von Veteranen ist der Höhepunkt der internationalen D-Day-Feierlichkeiten.

Der deutsche Bundeskanzler folgte einer Einladung des französischen Präsidenten. Am Abend (18.30 Uhr) sollen Chirac und Schröder gemeinsam eine Gedenktafel in Caen enthüllen. Bei einer binationalen Gedenkfeier in Caen (18.45 Uhr) sind Ansprachen des französischen Staatspräsidenten und des Bundeskanzlers vorgesehen.

"Joch der Nazi-Barbarei"

"Frankreich wird diese Männer nie vergessen, die zum höchsten Opfer bereit waren, um unser Land vom Joch der Nazi-Barbarei zu befreien", sagt Chirac, als er an der Seite Bushs auf dem Soldatenfriedhof Colleville-sur-Mer am legendären Omaha Beach steht. Bush beschwört den "Freiheitsbund" des Westens und versichert hunderten nach Colleville gekommen Veteranen, sie würden "immer und ewig geehrt werden". Das Tauziehen um Irak scheint dagegen zu Ende zu gehen. Hatte Chirac vor einem Jahr mit seiner Veto-Drohung eine UN-Resolution für den Krieg verhindert, zeigte er sich nun optimistisch, in wenigen Tagen eine Einigung für die Nachkriegszeit zu finden.

Schröders ganze Aufmerksamkeit liegt darauf, der Welt zu zeigen, dass "Deutschland durch und durch demokratisch geworden ist". Er will der Ehre gerecht werden, als erster Kanzler mit den Alliierten zu feiern und spricht von einer "unglaublichen historischen Geste", die ihn "persönlich sehr tief berührt" habe. Der Kanzler hat eine Rede im Gepäck, in der er sich an der größten musealen Gedenkstätte zur Operation Overlord, dem Mémorial von Caen, zur historischen Schuld Nazi-Deutschlands äußern will. Damals habe Deutschland seinen eigenen moralischen Niedergang betrieben, heute müsse es sich zu dieser Verantwortung bekennen, lautet seine Botschaft.

Die Staats- und Regierungschefs mögen sich noch so einig zeigen - nicht alle der Betroffenen schaffen es, über ihren Schatten zu springen. "Es war ein Fehler, die Deutschen hierhin zu holen", sagt der 83-jährige britische Veteran Roy Allock. Und unter den Bundesbürgern, die an diesem Wochenende durch die Normandie fahren, sind auch Überlebende des Fallschirmjäger-Regiments 6, die in den Ereignissen von 1944 noch immer eher eine "Invasion" als eine "Befreiung" sehen.

Eine Gruppe von Angehörigen damals gefallener Deutscher macht gar auf dem Friedhof La Cambe vor dem Grab von SS-Hauptsturmführer Michael Wittmann Halt - einem Ort, an den der Kanzler seine Füße gewiss nicht gesetzt hätte. Er zieht für seine symbolische Verneigung das Grabmal eines unbekannten deutschen Soldaten in Ranville vor und legt Wert darauf, dort auch einen Kranz für die Soldaten aller Nationen niederzulegen.


 
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