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Tochter Jewgenija
Das Sprachrohr von Julia Timoschenko

Julia Timoschenko und ihre Verletzungen
Julia Timoschenko und ihre Verletzungen FOTO: dapd
Kiew. Wann immer es etwas Neues über Julia Timoschenko zu berichten, ist ihre Tochter Jewgenija nicht weit. Denn die 32-Jährige ist zum Sprachrohr ihrer Mutter geworden, fordert unermüdlich deren Freilassung – und kämpft für eine Demokratisierung der Ukraine. Von Dana Schülbe

Am Donnerstagabend hat sie wieder einen Fernsehauftritt. Jewgenija Timoschenko wird zu Gast sein in der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner. Dort wird es um den Fall ihrer Mutter gehen und um die Debatte, ob die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine boykottiert werden soll.

Schon am Morgen hatte sich die junge Frau im ZDF geäußert und Deutschland sowie der deutschen Politik für ihren Einsatz in Bezug auf ihre Mutter bedankt. Sie rate ihrer Mutter von dem Hungerstreik ab, doch ihre Mutter wolle diesen fortsetzen. "Sie wird weiter die Nahrungsaufnahme verweigern, obwohl sich ihr gesundheitlicher Zustand verschlechtert hat", sagte sie auch zu Journalisten vor der Strafanstalt Charkiw, in der ihre Mutter inhaftiert ist. "Sie ist schwach und sehr blass. Es tut mir weh, sie so zu sehen."

Es sind eindringliche Worte, mit der die 32-Jährige immer wieder versucht, auf das Schicksal von Julia  Timoschenko aufmerksam zu machen. Sie reist von Stadt zu Stadt, von Land zu Land mit der Mission, ihre Mutter aus dem Gefängnis frei zu bekommen. Erst vor wenigen Tagen hatte sie gesagt: "Ich weiß nicht, wie lange sie ihren Hungerstreik durchhalten kann, ob es fünf oder zehn Tage sind." Die Zeit dränge.

In London zur Schule gegangen

Dass sie so sehr für ihre Mutter kämpft, ist dabei gar nicht so selbstverständlich. Die 1980 in Dnjepropetrowsk geborene Jewgenija Timoschenko kam früh ins Internat englischer Schulen, studierte dann an der London School of Economics. Im Jahr 2004 heiratete sie schließlich den britischen Rockmusiker Sean Carr, von dem sie inzwischen getrennt lebt.  "Dass ich nach Kiew zurückkehren würde, schien mir damals noch sehr unwahrscheinlich."

Denn die Tochter wählte ein ganz anderes Leben als die Mutter. Während Julia Timoschenko Karriere in der Politik machte und die Öffentlichkeit suchte, mied Jewgenija diesen Weg. Erst beim Prozess gegen die ukrainische Oppositionsführerin sah man sie im Gerichtssaal, die Hand ihrer Mutter haltend. Erst dann sei sie laut Kiewer Medien ihrer Mutter näher gekommen, wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt – – und wurde fortan zur Botschafterin ihrer Mutter. Denn neben deren Anwalt ist sie die Einzige, die die Politikerin im Gefängnis besuchen darf.

Und von dort zurückkehrend berichtet sie, dass ihrer Mutter weiter um Unterstützung bittet. Sie berichtet, wie schwach Julia Timoschenko inzwischen sei und wie sie von den Gefängniswärter misshandelt worden sei. "Ich tue nichts anderes, als meine Mutter zu schützen", sagte sie einmal in einem Interview." Doch sie tut weitaus mehr, denn der Fall Timoschenko ist inzwischen zu einem Politikum geworden – und Jewgenija Timoschenko die wichtigste Stimme.

Interviews aus der Zentrale der Mutter

So schreibt die "Süddeutsche Zeitung", dass die 32-Jährige nach eigenen Angaben auch für eine Demokratisierung der Ukraine kämpft. Inzwischen, so heißt es dort weiter, stünden auch Menschenrechtsorganisationen nach anfänglicher Skepsis hinter der jungen Frau mit den blond gefärbten Haaren. Ihre Interviews, so schreibt Spiegel Online, gibt sie inzwischen in der Zentrale von Julia Timoschenkos Partei "Vaterland".

Aber so richtig scheint ihr die Rolle noch nicht zu gefallen, in die sie nun hineinschlüpft. Zum Thema Boykott hält sie sich eher zurück und Spiegel Online sagte sie: "Ich bin keine politische Figur, ich bin ein Botschafter für meine Mutter." Und sie betont: "Dieser Kampf ist erst vorbei, wenn meine Mutter frei ist."

Wann und ob dies der Fall sein wird, ist nicht absehbar. Der Druck vonseiten des Auslands jedenfalls wird immer größer. Am Donnerstag hatte sich auch die Kanzlerin dazu geäußert. Es sei wichtig, "alles dafür zu tun", dass Timoschenko "schnell die richtige Behandlung für ihre Erkrankung bekommt", sagte sie dem "Kölner Stadtanzeiger". 

(das/csr)
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