Besuch bei einem Rebellenführer im Kongo-Dschungel: Der charmante Menschenmörder
VON MICHELLE FAUL, AP - zuletzt aktualisiert: 09.11.2008 - 20:00Tebero/Kongo (RPO). Laurent Nkunda gibt sich charmant. Hinter den Frontlinien der kongolesischen Provinz Nord-Kivu tritt er mitten in einem tropischen Unwetter in ein Ziegelhaus, einen schwarz-roten Schal um die sehnigen Schultern gelegt. Dem Führer der Tutsi-Rebellen folgt ein Lamm, das er als Haustier hält und "Betty" nennt.
Das Lamm versteht Nkunda als Friedenssymbol. Es soll das Image unterstützen, das er der Welt vermitteln will, das Bild eines verantwortungsvollen, mitfühlenden Führers, der nur das Ziel verfolgt, seinem Volk im Kongo die Freiheit zu bringen.
Aber selbst während Nkunda der Nachrichtenagentur AP in den von Nebel eingehüllten Mushaki-Bergen ein Interview gibt, töten seine Kämpfer eine Autostunde entfernt unbewaffnete Menschen, sie plündern und setzen Häuser in Brand. So berichten es später Augenzeugen und Menschenrechtsaktivisten. Unter den Todesopfern ist ein 25-jähriger Radioreporter, der die Rebellen mit seinen Sendungen geärgert hat: Alfred Ndjondjo Victwahiki Munyamariza wurde nach Angaben seines Sendedirektors vor den Augen seiner Frau und seines kleinen Kindes erschossen.
"Rebellen für Christus"
Das erste Geräusch, das wir hören, als wir uns durch Schlamm und einen dichten Regenvorhang dem Lager Nkundas nähern, ist ein monotones Summen - der Klang von Gebeten aus einer Behelfskapelle, untergebracht in einem der Ziegelgebäude im Dschungel. Ein Trommler schlägt einen Rhythmus, und die Gemeinde von uniformierten jungen Männern beginnt zu singen.
Stunden später, als Nkunda endlich erscheint, hält er seine religiöse Überzeugung hoch: "Ich bin in einer christlichen Familie geboren, und ich habe immer geglaubt." Seine Leute werden dafür verantwortlich gemacht, während ihrer seit zehn Wochen andauernden Offensive 250.000 Menschen vertrieben zu haben. Aber Nkunda sagt, er sei ein wiedergeborener Christ und ehemaliger Prediger der Adventisten, der eigentlich viel lieber predigen als kämpfen würde. Oft wird er mit einem Anstecker auf der Jacke gesehen: "Rebellen für Christus".
Ethnischer Hass ist es jedoch, der den Konflikt im Ostkongo immer wieder anheizt. Seine Wurzeln liegen im Tod hunderttausender Menschen 1994 in Ruanda und im kongolesischen Bürgerkrieg der Jahre 1996 bis 2002 - als auch die Nachbarstaaten Truppen schickten und die Rohstoffe des Landes plünderten.
Nkunda verließ die Regierungstruppen 2004 mit der Erklärung, er müsse jetzt seine Tutsi-Minderheit vor den Hutu-Milizen aus Ruanda beschützen. Seitdem hat er sein Ziel erweitert, jetzt geht es ihm auch um die "Befreiung" des Kongos von einer in seinen Augen korrupten Regierung in der Hauptstadt Kinshasa.
"Man muss leiden, um frei zu sein"
"Wir werden weiter kämpfen und wir werden den ganzen Weg kämpfen bis hin nach Kinshasa", sagt Nkunda bei dem Interview. Er trägt eine Uniform in Tarnfarben und einen Buschhut und führt einen Stock aus edlem Holz mit Silberbeschlägen. Der 41-Jährige spricht sowohl ein elegantes Französisch, die Sprache der belgischen Kolonialherren, als auch mindestens drei afrikanische Sprachen. Und er zögert auch nicht, seine Ansichten auf Englisch zu formulieren.
Nkunda bezeichnet sich als Anthropologe und Philosoph. Er wolle die Mentalität des kongolesischen Volkes verändern, die von jahrhundertelanger Ausbeutung und Korruption verschmutzt sei. "Wir haben ein Problem hier", sagt der Rebellenführer. "Jeder kümmert sich nur um sich selbst. Wir müssen lernen, unseren Land dienen zu wollen. Es gibt einen Mangel an Liebe zu unserem Land."
Und wie verträgt sich das mit den Leiden der Menschen, die er mit seiner Offensive verursacht hat? Mit der Not der Flüchtlinge, die im Freien schlafen oder in Lagern ohne jede Hygiene, die akut von Hunger und Krankheit bedroht sind? Nkunda antwortet: "Man muss leiden, um frei zu sein. Das ist der Preis der Freiheit."
Während seines seit vier Jahren andauernden Aufstands ist Nkunda der Kriegsverbrechen und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit beschuldigt worden. Menschenrechtsorganisationen fragen seit Jahren, warum die kongolesische Regierung und die UN-Friedenstruppen ihn nicht verhaften. Nkunda weist die Beschuldigungen zurück: "Der Internationale Gerichtshof hat Ermittlungen geführt und hat keinen Beweis gegen Laurent Nkunda gefunden und wird dies niemals finden. Es ist normal, dass die kongolesische Regierung ihre Gegner anklagt."
Die Liste der von Human Rights Watch gesammelten Menschenrechtsverletzungen enthält das Datum 3. Juni 2004 in der Stadt Bukavu - damals haben "Nkundas Soldaten eine Mutter vor ihrem Ehemann und ihren Kindern vergewaltigt, während ein anderer Soldat ihre dreijährige Tochter vergewaltigte". Nach Informationen von Amnesty International haben Nkundas Truppen selbst zwölfjährige Kinder entführt und für ihren Bürgerkrieg verpflichtet.
Juristische Lektüre am Lagerfeuer
Nkunda ist auch vorgeworfen worden, die Rohstoffe des Kongos auszubeuten. Aber er weist das zurück und sagt, er kämpfe nicht für Geld. So habe er im vergangenen Jahr auch ein Angebot der Regierung abgelehnt, für 2,5 Millionen Dollar ins Exil nach Südafrika zu gehen. "Auch 50 Millionen wären nicht genug", sagt Nkunda. "Ich bin hier nicht wegen des Geldes. Es geht um die Frage, welches Schicksal das Volk hat. Die Zukunft des Volkes in einem Land, das kann man nicht kaufen."
Allerdings bezeichnen Experten die Ankündigung Nkundas zu einem Marsch auf Kinshasa als Fantasiegebilde. Francois Grignon, Direktor des Afrika-Programms der International Crisis Group mit Sitz in Nairobi, weist darauf hin, dass es keine kongolesische Aufstandsbewegung in den vergangenen zehn Jahren ohne Hilfe aus Ruanda oder Uganda nach Kinshasa geschafft habe. "Er hat wie viele Männer, 4000? Das ist völlig lächerlich", sagt Grignon. Die UN-Beobachter schätzen die Zahl von Nkundas Kämpfern auf 6.500 Mann. Er selbst sagt, dass es 10.000 seien.
Als wir in dem Lager auf Nkunda warteten, wurden wir zu einer "Boma" geführt, einer offenen Hütte, gedeckt mit den Blättern von Bananenstauden. Rebellenoffiziere, einige in Tarnanzügen, andere im Trainingsanzug und Flip-Flops, boten uns Käse und warme Milch an. Es waren keine Waffen zu sehen, und die Luft war erfüllt mit dem Gesang der Vögel in der üppigen Vegetation. Unsere Gastgeber waren zunächst sehr förmlich. Je länger wir warteten, desto lockerer wurde aber die Atmosphäre. Schließlich wurde ein Lagerfeuer entzündet, und die Rebellen zogen ihre Stühle zurück, um uns in ihren Kreis hineinzulassen und die Wärme zu genießen.
Und dann ging ein Buch von Hand zu Hand. Es war eine zerlesene und mit zahlreichen Eselsohren versehene Ausgabe des Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag mit seinen Bestimmungen zur Verfolgung von Kriegsverbrechen.
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