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Lagerräumung in Frankreich
Der "Dschungel" wurde zu lange geduldet

Die Räumung des "Dschungels von Calais" schreitet voran
Die Räumung des "Dschungels von Calais" schreitet voran FOTO: Christoph Reichwein
Meinung | Berlin. Die französische Polizei hat mit der Räumung des "Dschungels" in Calais begonnen. Das ist ein für viele Flüchtlinge tragisch – dennoch ein überfälliger und letztlich menschlicher Schritt. Von Gregor Mayntz

Was im Mai in Idomeni vor der mazedonischen Grenze geschah, passiert nun auch in Frankreich vor dem Eingang zum Tunnel nach Großbritannien: Ein immer chaotischer werdendes illegales Flüchtlingslager wird geräumt. Beide Fälle weisen Parallelen auf. In Frankreich wie in Griechenland reagierten die örtlichen Behörden und internationale Flüchtlingshelfer auf spontane Zeltdörfer mit der Sorge um menschenwürdige Bedingungen. Es gab provisorische Versorgung, behelfsmäßige Unterkünfte, in Frankreich sogar eine kleine Container-Stadt. Das war praktische Humanität, aber an der Illegalität des jeweiligen Projektes änderte das nichts. Und deshalb gilt für beide Fälle auch: Gut, dass die Polizei das Experiment neben dem Gesetz beendet.

Eine neue Sogwirkung

Der "Dschungel", wie das Lager in Calais auch genannt wird, ist verbunden mit Bildern von verzweifelten Flüchtlingen, die Lkw stoppen, um sich im Laderaum verstecken und so nach Großbritannien kommen zu können. Viele gefährliche und bedrohliche Szenen haben sich daraus entwickelt. Sie werden so lange nicht enden, so lange es das Lager gibt. Von hier aus machen sich die Menschen auf den Weg, um die Lkw-Fahrer zu drangsalieren. Und hier wird die Hoffnung genährt, vielleicht doch irgendwie nach England kommen zu können. Wer an solchen Zuständen festhält, um mit diesen Bildern die EU-Flüchtlingspolitik anklagen zu wollen, der geht bestenfalls zynisch mit dem einzelnen Flüchtlingsschicksal um.

Frankreich hat versucht, mit Entgegenkommen das Lager zu verkleinern. Es ging um bevorzugte Familienzusammenführung, um bessere Perspektiven für Asylsuchende, wenn sie das Lager verlassen. Die Folge war keine allmähliche Verkleinerung des Camps, sondern eine neue Sogwirkung. Nun kamen auch diejenigen in den "Dschungel", die eigentlich gar nicht nach England wollen, sondern sich auf diesem Umweg vor allem beschleunigte Verfahren erhofften. Also ist die naheliegende Schlussfolgerung, wieder zur Gleichbehandlung zurückzukehren, Illegalität nirgendwo zu dulden. Auch nicht in Calais.

500-Millionen-Menschen-Projekt

Die vielen Minderjährigen, die zu ihren Angehörigen auf der britischen Insel wollen oder das vorgeben, brauchen eine besondere Zuwendung. Mit den Prüfungen haben Briten und Franzosen längst begonnen, Hunderten wurde auf diese Weise der legale Weg eröffnet. Das muss auch jetzt Bestandteil des Vorgehens sein.

Die Migrationspolitik der EU wird beileibe nicht nur von großartiger Willkommens- und Integrationskultur geprägt. Sie stellt zunehmend Abschottungsforderungen in den Vordergrund. Es gibt zu wenig legale Wege in die EU, zu wenig Lastenteilung und Kontingentlösungen. Das ist ein Armutszeugnis für ein 500-Millionen-Menschen-Projekt. Aber bei allen Symbolen, die das zur Schau stellen mögen, sollte die Möglichkeit zur medialen propagandistischen Anklage auch berücksichtigen, was damit den konkret Betroffenen angetan wird.

Den 6000 Flüchtlingen ist mit dezentralen Unterkünften mit Wärme, Nahrung und WC eindeutig besser gedient als mit den Verhältnissen im kalten, nassen, unhygienischen "Dschungel". Vom Gegensatz zwischen regulärem Asylverfahren und enttäuschter Hoffnung auf Überfahrt aus der Illegalität heraus ganz zu schweigen.

(may-)
 
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