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Der Kampf um Libyens Öl

Der Kampf um Öl in Libyen
FOTO: Mohamed Messara
Tobruk/Düsseldorf. Weil sich alle streiten, bleiben die Libyer auf ihrem Erdöl sitzen. Eine neue Einheitsregierung soll das ändern. Doch sie hat viele Gegner. Von Mey Dudin

Muammar al Gaddafi war kaum an die Macht gekommen, da wollte er von den internationalen Konzernen in Libyen mehr Geld und drohte: "Menschen, die 5000 Jahre ohne Öl gelebt haben, können dies auch noch einmal einige Jahre tun, um ihre legitimen Rechte zu erlangen." Das war vor 46 Jahren. Gaddafi ist seit beinahe fünf Jahren tot, und die 6,2 Millionen Libyer müssen heute unabsichtlich fast so leben, wie es ihr Ex-Diktator einst gedroht hatte. Denn Hunderte schwerbewaffnete Milizen streiten sich um Macht und Geld, belagern Ölfelder, blockieren Pipelines und umstellen Häfen. Die staatliche Öl-Firma National Oil Corporation in Tripolis bezifferte die Verluste der vergangenen drei Jahre deswegen auf insgesamt 75 Milliarden Dollar.

Produzierte Libyen im Jahr 2010 noch 1,8 Millionen Barrel pro Tag, waren es 2015 nur noch durchschnittlich 400.000 Fässer. Der derzeit niedrige Öl-Preis verschärft die Lage weiter. Dabei wissen alle, dass das Geld ausgehen wird, wenn es nicht bald eine Einigung darauf gibt, wer das Land führen soll. Dabei hat kein Land in Afrika mehr Erdöl. Mit geschätzten 47 Milliarden Barrel schafft es Libyen, das zu 90 Prozent aus Wüste besteht, in die Top Ten der weltweit ölreichsten Länder. Weil es auch über eine 1700 Kilometer lange Mittelmeerküste verfügt und nah an Europa liegt, stieg es nach Entdeckung der ersten Öl-Felder schnell zu einem der wichtigsten Exporteuren auf.

Der Import aus dem Ausland wird immer teurer

FOTO: Mohamed Messara

Mohamed Eljarh lebt in der Küstenstadt Tobruk. Er ist Nahost-Experte des US-Think-Tanks Atlantic Council und nicht sehr optimistisch, dass sich die Lage bald verbessern wird. "Vieles kostet heute das Drei- oder Vierfache", sagt Eljarh. Libyen stellt kaum etwas selbst her, und der Import aus dem Ausland wird immer teurer. "Die Gehälter steigen aber nicht, sondern werden mit großer Verspätung ausgezahlt." Längst fehlt Geld für die Grundversorgung: Krankenhäuser und Schulen schließen, Stromausfälle häufen sich, und sauberes Wasser wird zur Mangelware.

Öl-Konzerne wie Eni, Total, OMV, OXY, Repsol oder Wintershall haben ihre Tätigkeit auf Libyens Festland reduziert und aus Gründen der Sicherheit viele ausländische Mitarbeiter abgezogen. Sie halten sich bereit, um die Produktion wieder aufzunehmen, sobald es möglich ist. Bewaffneten Gruppen bringt das Erdöl unter ihren Füßen nicht viel. In Syrien oder im Irak wird der Islamische Staat reich, wenn er ein Ölfeld besetzt. Denn viel Erdöl wird über Straßen, Schienen oder kleine Pipelines lokaler Versorger transportiert. In Libyen ist das anders. Dort läuft der Transport über zentrale Pipelines und Terminals.

Selbst wenn es jemandem gelingt, diese Infrastruktur zu kontrollieren, ist es schwierig, das Öl aus dem Land zu bringen. Im März 2014 wollten Aufständische, die einige Öl-Terminals belagerten, sich bereichern und schickten den Tanker "Morning Glory" auf den Weg. Doch vor Zypern stürmten US-Navy-Seals das Schiff und schickten es zurück nach Libyen. Damit es solchen Ärger nicht mehr gibt, beschloss der UN-Sicherheitsrat die Resolution 2146: Mitgliedstaaten wurde erlaubt, einzugreifen, wenn Gruppen ohne Genehmigung Erdöl per Schiff aus dem Land bringen wollen. Trotzdem setzt insbesondere der Islamische Staat darauf, wichtige Öl-Felder unter seine Kontrolle zu bringen.

In Tripolis sitzt eine international einberufene Einheitsregierung

Ein Sieg über die Terrormiliz würde das Land wieder etwas stabilisieren. Denn Libyen ist seit Gaddafis Tod im Jahre 2011 nicht mehr zur Ruhe gekommen. Zwei rivalisierende Regierungen in Tripolis und Tobruk kämpften bis vor Kurzem um die Herrschaft. In Tobruk und Baida im Osten Libyens verharren noch einige Repräsentanten jener Regierung, die 2015 noch internationale Anerkennung genoss. Heute haben sie jedoch nicht mehr viel zu melden – versuchen aber, an ihren Positionen festzuhalten. In der Hauptstadt Tripolis sitzt mittlerweile eine international einberufene Einheitsregierung. Sie entstand vor wenigen Monaten aus einem UN-vermittelten Dialog zahlreicher Politiker, Stammesführer, Geschäftsleute und Aktivisten. Die dort abgelöste Islamisten-Regierung klammert sich jedoch immer noch an die Macht.

In dieser zerrütteten Landschaft mit ihren gigantischen Öl-Reserven soll nun also eine Gemeinschaft gegen den erstarkenden Islamischen Staat etabliert werden. Noch vor wenigen Tagen hat die Miliz eine Stadt westlich ihrer Hochburg Sirte eingenommen, meldete die libysche Nachrichtenseite Al Wasat. Im Kampf gegen den Terrorismus setzt die internationale Gemeinschaft daher nun auch auf Waffenlieferungen für die Einheitsregierung in Tripolis. Es solle Ausnahmen vom UN-Waffenembargo gegen das nordafrikanische Land geben. Das beschlossen Spitzendiplomaten aus 21 Ländern. "Es herrscht Einsicht bei allen, trotz aller Unterschiede, dass eine neue Regierung auch loyale Sicherheitskräfte braucht", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier. Nun solle auch versucht werden, die Regierung in Tobruk unter General Chalifa Haftar zur Kooperation zu bewegen.

Quelle: RP
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